El Camino © Netflix
DWDL.de-Kritik

"El Camino": Wie gut ist die "Breaking Bad"-Fortsetzung?

 

Sechs Jahre nach dem Ende von "Breaking Bad" kehrt Aaron Paul als Jesse Pinkman zurück. Mit dem Spielfilm "El Camino" schenkt Showrunner Vince Gilligan der Figur das Ende, das sie verdient hat. Und das Serien-Denkmal erhält keine Kratzer...

von Kevin Hennings
11.10.2019 - 16:14 Uhr

Der folgende Text enthält Spoiler.

Sechs Jahre liegt das Finale von "Breaking Bad" zurück. Damals endete die Serie - in einem Chevrot El Camino. Manisch lacht Jesse Pinkman seiner Freiheit entgegen, nachdem er ein Jahr in der Hölle gelebt habt. Derjenige, der sich ein Imperium aufbauen wollte, liegt indes in seiner eigenen Blutlache, umgeben von toten Nazis. Sein Schicksal endet dort, wo Pinkmans Zukunft beginnt. Seit der letzten Folge des Serien-Hits wusste bis auf Showrunner Vince Gilligan niemand, was aus dem Nachwuchs-Methkoch anschließend wurde – ob er der Polizei in die Arme lief oder ob er mit all den Schrecklichkeiten abschließen konnte. "Ich finde die Vorstellung toll, dass er irgendwo als Tischler lebt – irgendwo in Alaska", hat Schauspieler Aaron Paul das ideale Szenario formuliert, das er sich nach dem Serienende für seinen Charakter gewünscht hat. Ob es wirklich dazu gekommen ist, können Fans von "Breaking Bad" ab sofort im Netflix-Film "El Camino" herausfinden. So viel vorweg: Es ist ein Spielfilm ohne Heisenberg.

Der Film setzt genau dort an, wo das Finale der fünften Staffel aufgehört hatte. Jesse kann sein Glück nicht fassen und besucht mit seiner ersten Amtshandlung als freier Mann seine alten Freunde Badger (Matt Jones) und Skinny Pete (Charles Baker). "Kann dir irgendwie geholfen werden, Dude?", wird er an der Tür empfangen. Gezeichnet von der Zeit erkennen sie ihn genauso wenig, wie ihn die Zuschauer erkennen dürften. In "Breaking Bad" wurde bis auf die Finalszene nämlich nie gezeigt, wie gebrochen er wirklich war. Es war eindrucksvolles Finale, doch eben auch eines, das der Figur Jesse Pinkman nicht zur Vollkommenheit gerecht wurde. Dieses Türklopfen zu Beginn von "El Camino" hat dementsprechend etwas von einem verspäteten Wiedersehen, bei dem die letzten Fragen geklärt werden können.

Die warme Dusche fühlt sich wie ein harter, kalter Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch an. Der Rauchmelder an der Decke über dem ersten Bett, das er nutzen darf, gleicht einer Überwachungskamera. Die Narben auf seinem Körper erzählen den Rest der Geschichte voller Peinigung. Pinkman lebt, auch wenn etwas in ihm gestorben sein muss. Vince Gilligan, der wieder die Regie in die Hand genommen hat, beweist das in jeder einzelnen Sekunde mit größter Spielfreude. Ob mit beunruhigender Kameraführung, tristen Panoramabildern oder einem subtilen Zittern von Pinkmans Lippen – "El Camino" vermittelt ein gemischtes Gefühl aus Beklemmung und Befreiung und macht es dem Zuschauer schwer an ein Happy Ende zu glauben. 

"El Camino" verrät bereits auf subtile Weise ganz zu Beginn des Filmes, als sich Pinkman mit Mike (Jonathan Banks) in einer Rückblende unterhält, dass zumindest auf eines hingearbeitet wird. Am Fuße eines Flusses fragt er Mike, was er jetzt vor hätte, würde er in seiner Haut stecken. Damit zeigt Gilligan nicht nur eine typische "Breaking Bad"-Unterhaltung, bei der sich allerhand Fans an die Hochphase der Serie erinnern werden. Er bricht leider auch einen extremen Spannungsbogen. Denn egal was nun passiert – der Zuschauer weiß, dass Jesse Pinkman am Ende in keinem Käfig landen wird. 

Es scheint, als habe Gilligan diese Szene für die Einstimmung gewählt, um sich zum endgültigen Finale des Epos noch einmal zu versöhnen. Um sich gewissermaßen dafür zu entschuldigen, was er dem wahren Serienliebling angetan hat. Sobald dieser Punkt abgehakt wurde, schickt er Pinkman noch einmal durch allerhand schwierige Momente, die zeigen, dass sein Charakter neben all den Torturen dennoch wachsen konnte: Potenziell tödliche Treffen mit alten Bekannten, Verhandlungen mit regelkonformen Schleusern und die Entscheidung, alles wieder gerade biegen zu wollen. Er beweist immer wieder, dass er selbst jetzt Gewalt verabscheut und weiterhin als letzten Notnagel nutzen möchte. Eigentlich müsste er unendlich viel Wut in sich tragen. Alles, was bleibt, sind Schreie nach Freiheit.

"El Camino" ist für Jesse Pinkman damit genau das, was "Felina" für Walter White darstellte. White wollte sich mit Gewalt ein friedvolles Ende bescheren, Pinkman würde es am liebsten mit Reden schaffen. Gilligan hat damit den einzigen Weg eingeschlagen, den die Fans verstehen und akzeptieren. Die Fallhöhe war dermaßen hoch, dass ein plötzliches Weiterleben Heisenbergs oder eine schlichte Fortführung des Meth-Business eine Sage angekratzt hätten, die es einfach nicht verdient hat, einen Makel ihr Eigen zu nennen. Mit der Entscheidung, Pinkman ein eigenes Finale zu schenken, das mit Bildsprache und Dialogen gleichermaßen das Nonplusultra der Serie halten kann, hat Gilligan das beinahe Unmögliche geschafft und bewiesen, dass es selbst für die leckerste Torte der Welt ein angemessenes Sahnehäubchen geben kann.

Damit ist nicht nur ein technisch hervorragender Film gemeint, sondern obendrauf ein Ende für die Figur des Jesse Pinkman, das diese genauso verdient hat. Es braucht nicht immer "Game of Thrones"-Momente. Manchmal ist Alaska die schönere Variante. Die letzte Grenze.

"El Camino: Ein Breaking Bad Film" kann ab sofort bei Netflix gestreamt werden. Die fünf Staffeln der Serie stehen dort ebenfalls zum Abruf bereit.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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