Bonusfamilie © BR/Sammy Hart
DWDL.de-Serienkritik

"Bonusfamilie": Echtes Leben, nur ein bisschen überzeichnet

 

Alltägliches Patchwork-Chaos als warmherzig-humorvolle Serie: Die deutsche Adaption der schwedischen "Bonus Family" ist eine echte Bereicherung – mit hohem Erzähltempo, treffsicheren Dialogen, hochwertigem Look und einem starken Ensemble.

von Torsten Zarges
20.11.2019 - 11:28 Uhr

Schnell ist nicht automatisch gut. Doch wenn alle Beteiligten ebenso viel Leidenschaft wie Tempo an den Tag legen, kann in außergewöhnlich kurzer Zeit eine charmant-liebenswürdige Serie entstehen. 18 Monate zwischen Erwerb der Formatlizenz und Ausstrahlung der fertigen sechs Folgen im Ersten – das ist gerade für die ARD eine unerhörte Geschwindigkeit.

Dass man ein perfekt funktionierendes schwedisches Vorbild adaptiert hat und die mächtigen Fiction-Chefinnen von BR, MDR und SWR dafür auf Anhieb zu gleichen Teilen zusammengelegt haben, war schon mal die beste Voraussetzung. Das Team von good-friends-Produzentin Sabina Arnold hat die Chance genutzt – und mit "Bonusfamilie" sowohl eine der gelungensten Formatadaptionen als auch eine der originellsten Familienserien des Jahres vorgelegt.

Wer sich als Eltern noch nie mit Trennungs- oder Sorgerechtsfragen befassen musste, ist möglicherweise über die Unterschiede zwischen Residenz- und Wechselmodell nicht auf dem Laufenden. Beim Residenzmodell lebt das Kind nach der Trennung seiner Eltern dauerhaft bei einem Elternteil. Beim neueren Wechselmodell hingegen wechseln sich beide Elternteile regelmäßig mit der Betreuung ab. So wollen es auch Lisa (Inez Bjørg David) und Patrick (Lucas Prisor) halten, die frisch zusammengezogen sind und insgesamt drei Kinder mit ihren jeweiligen Ex-Partnern haben. Lisas Kinder Bianca (Louise Sophie Arnold) und Eddie (Fillin Mayer) pendeln im Wochenrhythmus zwischen dem neuen Haus des Paars und Lisas Noch-Ehemann Martin (Steve Windolf). Genauso läuft's für Patricks Sohn William (Levis Kachel) mit seiner Ex Katja (Anna Schäfer).

"Bonusfamilie" nennen sie selbst ihr Konstrukt ein wenig euphemistisch, um den problembeladenen Begriff "Patchworkfamilie" zu vermeiden. Probleme und Chaos stehen dieser XXL-Familie natürlich trotzdem ins Haus, sonst wäre es ja keine Fernsehserie. In Fragen der Erziehung sind die vier Erwachsenen sich selten einig, und die Kinder müssen mit den neuen Lebenspartnern von Mama bzw. Papa erst einmal warm werden. Das führt zu Permanent-Streit auf vielen Ebenen, zu seelischen und manchmal auch tatsächlichen Verletzungen.

Wie schon im schwedischen Original gelingt es der Serie, einen warmherzig-humorvollen Ton zu treffen, der das Alltagschaos stets mit einem Schmunzeln erzählt, ohne es jedoch zu trivialisieren. Auch wenn die Figurengestaltung mit Klischees spielt – der intellektuelle Lehrer, die verträumte Dekorateurin, die alleinerziehende Karrierefrau – fühlt sich "Bonusfamilie" dennoch so an, als überzeichne es das echte Leben nur ein bisschen.

Das liegt vor allem daran, dass Antonia Rothe-Liermann, Alleinautorin aller sechs Episoden, die Vorlage äußerst geschickt ins Deutsche übertragen hat – behutsam, wo sich das universelle Humor- und Familienverständnis ohnehin kaum toppen ließe; etwas radikaler, wo die kulturellen Eigenheiten und die geringere Folgenzahl (sechs in Deutschland statt zehn in Schweden) es erforderten. Dass die deutsche "Bonusfamilie" nun mit einem höheren Erzähltempo daherkommt als die schwedische, tut dem Seherlebnis gut. Manche Figuren sind verdichtet, andere sogar noch tiefer psychologisch ausgearbeitet.

Alle Konflikte entstehen organisch aus dem Inneren der Familienstruktur heraus, nicht als von außen aufgepfropfte Plotpoints. Das wohl größte Plus sind die treffsicheren Dialoge, die meistenteils wie Pfeile auf ihr Ziel abgefeuert werden. Der filmische Look ist ein ganzes Stück hochwertiger geraten als beim Original, was Regisseurin Isabel Braak vor allem dank Lars Liebolds Kamera und Thilo Menglers Szenenbild erzielt hat. Die hauptsächlich in Berlin-Zehlendorf gedrehten Originalmotive – allen voran Lisas und Patricks heimelige "Villa Kunterbunt" – strahlen Liebe zum Detail aus und verstärken die wohlige Grundstimmung.

Schauspielerisch funktioniert "Bonusfamilie" als Ensemblestück, das auf seine sieben starken Glieder – vier Erwachsene, drei Kinder – bauen kann. Besonders hervorzuheben sind die Leistungen von Steve Windolf als naiv-sympathischer Kindskopf im Krisenmodus und Louise Sophie Arnold als genervt-pubertierende 15-Jährige, die doch immer einen Funken Familienliebe durchscheinen lässt.

Das Erste zeigt "Bonusfamilie" drei Wochen in Doppelfolgen mittwochs um 20:15 Uhr. Alle sechs Folgen sind bereits in der ARD-Mediathek abrufbar.

 

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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