Die Ausbreitung des Coronavirus muss für junge Helikoptereltern die Hölle sein. Die umfunktionierte Hundeleine, die als "Sicherheitsleine für den Kleinen" gerechtfertigt wird, muss plötzlich noch kürzer gehalten werden, was vor allem deswegen nicht leicht fällt, weil man mit der anderen Hand das Gewicht all der veganen Konservendosen austarieren muss, die im Jutebeutel hin- und herschwingen. Im Drogeriemarkt des Vertrauens hat es die Verkäuferin sogar gewagt, nachzufragen, ob es wirklich notwendig sei, ganze zweiunddreißig Steriliumflaschen mitzunehmen. Es gebe doch auch andere Menschen, die Bedarf hätten. Pah, andere Menschen.

Wer die Nachrichten aufmerksam verfolgt bzw. ihnen nicht schnell genug ausweichen kann, da sie einem dieser Tage penetranter hinterherhecheln als das Virus selbst, wird feststellen, dass dieses Phänomen nicht nur auf Helikoptereltern zutrifft. Es wird vom Großteil dieses Landes in Perfektion ausgeführt. Überüberlegtes Handeln, das alle anderen nervt und dafür sorgt, dass das einlagige Klopapier einsam im Verkaufsregal liegt und von mir nur deswegen angewidert in die Hände genommen wird, weil die Pappe vom Amazon-Karton noch kratziger ist. Die zweite Staffel von "Andere Eltern", die heute bei TNT Comedy startet, hätte deswegen auch "Andere Menschen" genannt werden können. Nicht, weil Regisseur Lutz Heineking Jr. ("World of Wolfram") und sein Headautor Sönke Andresen ("Tatort"), hellseherisch dieses exakte Szenario in ihrer Fortsetzung behandelt haben. Aber doch den Kernpunkt: In uns allen stecken "Andere Eltern".

Nachdem in der ersten Staffel der Ausnahme-Comedy die reale Not an Kita-Plätzen thematisiert und die Protagonisten auf die Reise geschickten wurden, ihre eigene Kindertagesstätte auf die Beine stellen zu müssen, wächst die Mockumentary-Erzählung nun aus ihren Kinderschuhen. Tatsächlich muss gesagt werden, dass es verdammt große Kinderschuhe waren, wenn man diese Metapher verwenden möchte. Denn bereits die erste Staffel hat, vor allem durch den gelungenen Improvisationshumor, hervorragend funktioniert. Das Thema "Kinder" wurde nun an vielen Stellen smooth in den Hintergrund geschoben, sodass man die Dysfunktionen der Hauptfiguren auch ohne ständigen Bezug auf den Nachwuchs hervorheben konnte.

So versucht sich Yaa (Rebecca Lina) beispielsweise als Backfluencerin und benutzt ihre gescheiterte Beziehung zu Björn (Serkan Kaya), um ordentlich Mitleids-Klicks abzugreifen. Malte (Daniel Zillmann) und Lars (Sebastian Schwarz) buhlen indes um die Aufmerksamkeit des ungeborenen Kindes in Anitas (Nadja Becker) Bauch, bei dem sie sich noch nicht sicher sind, wer dafür überhaupt verantwortlich ist. Auch der Rest der Gang sorgt dafür, dass so einige Zuschauer den Wunsch entwickeln werden, in Köln-Nippes, wo die Story spielt, mal einen Cappuccino trinken zu gehen, um nebenbei das Treiben dieser anderen Menschen beobachten zu können.

Lutz Heineking Jr. und sein Team von eitelsonnenschein haben sich in Kooperation mit TNT Comedy einmal mehr als ein Elternpaar der besonderen Art erwiesen. Sie haben ihr Kind mit dem Wissen aufgezogen, dass es manchmal nur schwer auszuhalten sein wird. Gerade, weil diese peinliche Berührtheit, die es zeitweise ausstrahlt, uns allen einen Spiegel vorhält. Manchmal erliegt man selbst diesem Helikoptereltern-Virus und verfällt in Rage, wenn die kleinste Kleinigkeit gegen einen läuft. Deswegen gelingt es so schön einfach, all die Figuren in "Andere Eltern" auf liebenswürdige Weise zu hassen – weil man sie versteht.

Dadurch kommt eine Authentizität zustande, von der immer so oft gesprochen wird. Erreicht wird sie jedoch eher selten. Tatsächlich konnte die Impro-Comedy mit den sechs neuen Folgen erfolgreich daran arbeiten, das Unwort "Authentizität" wieder ein großes Stück sexier zu machen. Vor allem, weil an der Idee konsequent festgehalten wurde. Während reale Probleme gekonnt ins Zentrum gerückt werden, verliert der angehobene Zeigefinger seinen elitären Druck schnell dadurch, dass das Team die Stimmung mit passenden Gags stets auflockert. So funktioniert eine Realsatire, ohne den Moralapostel zu spielen.

Auch, wenn man sich die Frage stellen muss, wie lange das noch geht. "Andere Eltern" hat sich in der zweiten Staffel zwar noch nicht ermüdet, wird seinen Charme aber hoffentlich nicht auf ewig ausmelken. Doch wie sagt man so schön: Aller guten Dinge sind drei! Eine Faustregel, die auch beim Kauf von Sterilium angewandt werden darf.

Die acht neuen Episoden von "Andere Eltern" sind ab sofort immer dienstags um 20:15 Uhr bei TNT Comedy zu sehen. Die erste Staffel steht bei Joyn zum Streaming zur Verfügung.