Feel Good © Netflix
DWDL.de-Kritik der neuen Netflix-Serie

"Feel Good": Eine verqueerte Liebe im Schnelldurchlauf

 

Mit "Feel Good" hat Netflix nun eine Serie im Portfolio, die sich vordergründig um ein lesbisches Pärchen dreht. Die Channel 4-Produktion spricht jedoch alle Liebenden an - nicht nur das queere Publikum. Obendrauf gibt's Stand-up.

von Kevin Hennings
21.03.2020 - 15:00 Uhr

Stand-up mit Serie verbinden. Das kennen wir spätestens seit "The Marvelous Mrs. Maisel", aber eigentlich schon seit "Seinfeld". Es ist ein Weg, Comedy seriell zu erzählen, während man sich immer wieder selbst die Möglichkeit gibt, auf die klassische Bühne zurückzugehen. In Jerry Seinfelds oder Midge Maisels Geschichten konnte noch so viel passieren - sobald sie auf die Bühne innerhalb der Serie geschickt werden, steht die Zeit für einen Moment still und der Protagonist selbst kann resümieren, was in der letzten Folge passiert ist. Für Stand-up-Fans ist das, wenn die richtigen Autoren an Bord sind, eine Comedy-Offenbarung, das perfekte aus beiden Welten. Auch die neue Netflix-Serie "Feel Good" versucht sich an dieser Königsklasse. 

Auf den ersten Blick wird deutlich, dass sich Showrunnerin Ally Pankiw ("Schitt’s Creek") mit ihrem Visual-Team zusammengesetzt hat, um einen für eine solche Show untypischen Look zu entscheiden. "Feel Good" sieht aus und fühlt sich im ersten Moment wie eine skurrile "Black Mirror"-Folge an - in glücklich. Die Neonlichter prasseln auf Mae und Georgina, eine Stand-Upperin und ihr Fan, die sich ineinander verknallen. Ich wähle hier bewusst das Wort "verknallen", denn der erste Kuss erfolgt nach sieben Minuten, der Einzug in die Wohnung des anderen nach knapp neun.

Der hastige Einstieg von "Feel Good" verdeutlicht die Überstürztheit der Beiden, die schnell merken, dass sie sich vom süßen Auftritt des jeweils anderen möglicherweise haben blenden lassen. Die Eine hat Angst, sich vor ihren Freunden und Familie zu ihrer neuen Freundin zu bekennen, die Andere hat ein Drogenproblem. Passenderweise trifft letzteres auf Stand-up-Comedienne Mae zu, wird doch von beinahe jedem Komiker gepredigt, dass der beste Humor durch tiefe Abgründe entsteht. Mae wird übrigens von der Comedienne Mae Martin verkörpert, die von ihrem eigenen, queeren Leben erzählen möchte.

Maes Mutter, die bitterböse von "Friends"-Darstellerin Lisa Kudrow verkörpert wird, ist der Meinung, dass ihre Tochter lediglich auf Jagd geht, um bi-neugierige Frauen komplett umdrehen zu wollen. Harte Worte von einer Mutter, die es wie immer natürlich gar nicht so meint. Klingt im ersten Moment eher danach, als ob die ursprünglich für Channel 4 gedrehte Serie "Feel seemingly Good" hätte genannt werden sollen, oder?

Feel Good

Wenn der Partner nicht in der Löffelchen-Stellung einschlafen möchte, muss man sich eben selbst umarmen. 

Die Dramedy zeigt jedoch, dass das eben Liebe ist. Manchmal entsteht sie aus plötzlicher Verknalltheit heraus, manchmal aus einer tiefen Zuneigung, die über längere Zeit gereift ist. Immer ist sie mit Chaos verbunden. Chaos, das entweder in den eigenen vier Wänden stattfindet, oder im eigenen Herzen. Maes und Georginas Romanze wirkt turbulent, ist im Endeffekt aber nur ein schneller Zusammenschnitt der meisten Beziehungen auf diesem Planeten. Zusammen bleibt, wer den anderen mehr liebt als sein altes Leben. 

"Feel Good" handelt von allerlei Beziehungsarten: von zerbrochenen, von aufblühenden, von denen, die nur entstanden sind, weil man eine Beziehung möchte. Mae muss sich aber auch mit der schwierigen Beziehung zu ihren Eltern auseinandersetzen und Georgina mit der Blockade, dass sie Angst davor hat, sich zu outen. In dieser Findungsreise macht "Feel Good" etwas besonders gut. Die Dramedy filtert das Leben seiner Protagonisten auf klare Weise und zeigt, welche Beziehungen echt sind und mit welchen einfach nur verdammt viel Zeit verbracht wurde. 

Tatsächlich ist es eine Menge Tobak, den der Zuschauer in den sechs halbstündigen Episoden verarbeiten muss. Vielen könnte die Schnelligkeit der Erzählung zu extrem sein, andere wiederum schätzen die Komplexität und den Detailreichtum auf engstem Raum. In jedem Fall beeindruckt "Feel Good" mit einem Endorphinrausch, der in eine surreale Neon-Licht-Welt entführt, die mit überraschend viel Realität umgesetzt wurde. Die Serie stellt Selbstzerstörung dem Glück gegenüber und die Frage, ob das wirklich sein muss, oder ob am Ende nicht einfach beide Liebenden heile bleiben können. "Feel Good" fühlt sich tatsächlich nicht immer gut an, aber das gehört, wie im echten Leben, nun mal dazu.

Die insgesamt sechs Folgen von "Feel Good" stehen ab sofort bei Netflix zum Streaming zur Verfügung.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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