Damit kein Zweifel aufkommt: Nichts hat in diesen Zeiten eine so hohe Priorität wie die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitswesen. Die außerordentlichen Sorgen und Nöten von Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern und allen Einsatzkräften für Rettung und Ordnung, die sich unermüdlich im Nahkontakt mit Erkrankten und Hilfsbedürftigen beschäftigen, haben Vorrang. Wenn wir uns hier mit den akuten Problemen der Fernsehbranche beschäftigen, dann nicht weil diese Herausforderungen in irgendeiner Art und Weise vergleichbar sind, sondern weil wir uns als Medienmagazin nur in diesem Aspekt sinnvoll einbringen können.

Fernsehen ist nicht nur in Zeiten des Corona-Virus ist eine vielschichtige Thematik, die aus diversen Blickwinkel zu unterschiedlichen Bewertungen führen kann. Es gibt nicht nur die beiden Perspektiven der Zuschauerinnen und Zuschauer einerseits sowie Macherinnen und Macher andererseits. Es ist auch eine Genre-Frage: Wie stellt man kontinuierliche Informationsprogramme sicher? Braucht es Unterhaltungsfernsehen? Und können unter diesen Umständen noch Filme und Serien weitergedreht werden? Auch das ist nur ein Auszug der vielfältigen Fragen, deren Beantwortung auch deshalb schwer fällt, weil sich die Rahmenbedingungen in der vergangenen Woche von Tag zu Tag, von Bundesland zu Bundesland - manchmal sogar von Stadt zu Stadt veränderten.



Es ist schwer alle mitzunehmen bei dem Thema, weil jeder Blickwinkel eigene Prioritäten hat und im Stress einer schwierigen Situation oftmals das Verständnis für andere Aspekte unter geht. Wenn etwa von Schauspielerinnen und Schauspielern kurz und knapp das Ende aller Dreharbeiten verlangt wird, sollte das hoffentlich nicht Informationsprogramme betreffen. Und wer abfällig sagt, es sei nicht so schlimm wenn das Publikum mal auf diese oder jene Sendung verzichten soll - dann ist das sicher richtig, unterschätzt aber auch welchen Wert das Fernsehen gerade jetzt fürs Publikum hat.

Wie wichtig die Arbeit aller in der Branche ist, zeigt die enorm gestiegene Fernsehnutzung der vergangenen Tage, dazu ebenso gestiegene Abrufzahlen in Mediatheken. Völlig egal ob nun linear oder auf Abruf: Fernsehen kommt digital ins Haus, lässt sich auf einer Vielzahl von Geräten nutzen und wird augenscheinlich auch genutzt. Fernsehproduktionen kommen damit in Corona-Zeiten leichter ans Publikum als beispielsweise gedruckte Medien. Die gestiegene Nachfrage ist auch eine Erwartungshaltung, die erfüllt werden will. Zwischen der Erwartung informiert und unterhalten zu werden und der Produktion eben jener Sendungen jedoch liegt das Spannungsfeld, das die Branche in den vergangenen Tagen kaum hat schlafen lassen.

Vor den Mehrkosten kommt noch ein drängenderes Problem

Noch nie habe ich mit so vielen Produzenten, so vielen Sendervertretern und freien Medienschaffenden telefoniert, wie in den vergangenen Tagen. Besorgnis und Forderungen nach Hilfe, waren der einheitliche Tenor. Oft verbunden mit der Angst, dies Vertragspartnern so offen zu sagen. Glücklicherweise aber war auch Verantwortungsgefühl spürbar, doch das müssen sich gerade Produzenten erst einmal leisten können. In einer Branche, die weitgehend über die drei Ebenen des Auftraggebers, des Produzenten und der dann engagierten Kreativen organisiert ist, sind es die in der Mitte, die in der Zwickmühle sitzen. Natürlich soll das nicht die viel prekärere Lage vieler Kreativer außer Acht lassen, die viel unmittelbarer von teils mit sofortiger Wirkung ausgefallenen Umsätzen betroffen sind.

Die Übernahme von Mehrkosten aktuell laufender Produktionen haben alle großen deutschen Sender angekündigt. Das klingt zunächst einmal nach einer Lösung, ist es operativ aber selten, denn vor den anstehenden Mehrkosten bei Fortführung einer Produktion steht die viel dringender benötigte Entscheidung: Setzt man die Produktion überhaupt fort? Produktionsfirmen stehen bei den Auftraggebern im Wort zu liefern, zwingen damit aber mitunter beauftragte Kreative zwischen wirtschaftlicher Not und dem Weiterarbeiten trotz gesundheitlicher Sorgen zu entscheiden. "Das kann ich doch niemandem zumuten", sagte mir ein Produzent von Unterhaltungsfernsehen vergangene Woche.

Dramatischer ist die Situation bei fiktionalen Produktionen: Kein Film, keine Serie kommt ohne menschliche Nähe der Protagonisten aus. Hinter den Kulissen gilt das für alle Genres, vor der Kamera aber zweifelsohne besonders hier. Die Kolleginnen und Kollegen von "Blickpunkt:Film" und "Crew United" widmen sich diesem Aspekt der Branche seit Tagen im Detail. Es mangelt nicht an offenen Briefen, Appellen und Forderungen - von einzelnen Schauspielern aber auch prominenten Produktionsfirmen wie X Filme Creative Pool ("Babylon Berlin"). Sie fordern eine einheitliche Regelung zum Schutze aller. So lange nicht von den Auftraggebern - konkret den Sendern und Plattformen -  eine einheitliche Entscheidung gefällt wird oder der Gesetzgeber dies regelt, bleibt die Frage des Weiterproduzierens oder Stoppens ein gefährlicher wirtschaftlicher Wettbewerb.

Am Wochenende kamen jetzt die Produktionen deutscher Soaps und Telenovelas weitgehend zum Stillstand. Wie viele Wochen schon vorproduziert sind - das wollen die betroffenen Sender gerade nur ungerne offenlegen. Ein kurzer Produktionsstopps wäre im Programm erst einmal nicht spürbar, nach einigen Wochen aber würden neue Folgen fehlen. Denkbar ist, dass die Corona-Krise bei einigen Produktionen in die Storylines eingebaut wird - die Abstandsregelungen und fehlende Nähe im Spiel also thematisiert wird. An dieser Stelle mag sich mancher fragen: Wäre es denn jetzt wirklich so schlimm, wenn diese Soaps mal pausieren müssten?

Unterhaltung ist ein wichtiges Ventil in diesen Wochen

Und damit sind wir bei einer anderen Perspektive des Themas, die an die gestiegene Nutzung anknüpft: Neben der Vielzahl an Informationsprogrammen, bei denen es eine ganz eigene Höchstleistung ist, mit genügend Journalistinnen und Journalisten die kontinuierliche Information zu gewährleisten, spielt auch die Fernseh-Unterhaltung eine wichtige Rolle: In der aktuell angespannten Lage braucht es die Ventile, um den Druck aus dem Kessel zu lassen - die Zerstreuung und den Eskapismus. Sie sind nicht wichtiger als aktuelle Information und die Gesundheit aller, aber Ablenkung durch singende Faultiere, tanzende Promis oder Oliver Welke in der "heute show" sind wichtig fürs Gemüt einer angespannten Gesellschaft.

Sie lassen sich auch nicht ersetzen in dem wir jetzt nur noch alte Spielfilme aus den Archiven holen. Es braucht die mediale Vergewisserung in den Wohnzimmern der Republik oder auf den Tablets der Nation, dass es da draußen außerhalb der eigenen vier Wände Menschen gibt, die gerade das Gleiche durchmachen aber Optimismus und ein Minimum an Normalität vermitteln. Es ist Balsam auf die Seele. Darüber sollte sich die junge Generation nicht arrogant belustigen. Nicht jeder hat so viele Kommunikationsmittel zur Verfügung, kann damit umgehen und sichert so Austausch. Wer auch immer aus dem Fernsehen in die Wohnzimmer spricht, singt, tanzt oder trotz allem sogar lacht - das ist besonders wertvoll für die, die wir gerade besonders schützen sollen.

Das macht es im Programm auch ein Stück weit leichter auf neue fiktionale Programme zu verzichten als auf die non-fiktionale Unterhaltung. Dass RTL mit "Let's dance", ProSieben mit "The Masked Singer" oder das ZDF mit der "Heute show" - und diese Sendungen seien nur beispielhaft herausgepickt - alle Mühen in Kauf nehmen, um ein in Krisenzeiten wachsendes Fernsehpublikum mit Balsam in Form schöner Stunden zu versorgen, ist bemerkenswert. Trotz Reiserestriktionen, trotz seit Mittwoch eingestelltem Hotelbetrieb in Köln, gelingt es bislang noch, die Logistik der Sendungen aufrecht zu erhalten. Auch hier aber gilt natürlich: Von Tag zu Tag muss neu abgewogen werden.

Niemand muss den Helden spielen

Spielen wir alle mit offenen Karten! Niemand muss ein Held sein, niemand muss zu stolz sein um in diesen Zeiten um Hilfe zu bitten. Die am härtesten Betroffenen, die meist frei arbeitenden kreativen Gewerke, haben den Ernst der Lage schon artikuliert. Sie können es sich schlicht nicht anders leisten. Auch Produktionsfirmen und Sender bzw. Plattformen jedoch, die sonst sicher auch gerne um Budgets taktieren, sollten genau das unterlassen. Es geht nicht nur um Budgets sondern auch je nach Genre um die Frage, ob überhaupt produziert werden kann. Hier können nur die, die das Geld von oben in den Produktionskreislauf geben, für Klarheit sorgen. Insbesondere in der Fiktion ist das dringend nötig.

Das ist kein Vorwurf. Niemand war auf diese Situation vorbereitet. In den ersten Tagen der Krise gab es ja auch immerhin schon Bekenntnisse zur Hilfe, doch im Operativen tasten sich gerade alle sehr langsam vor. Jeder hofft, irgendjemand anderes finde einen Modus Operandi der sich als tauglich erweisen könnte. Alle erwarten einerseits Geld vom Staat und andererseits voneinander Signale, doch Letzteres lähmt. Und das ausgerechnet jetzt, wo das professionelle Produktionsgewerbe im Non-Fiktionalen herausgefordert wird von Content Creatorn in den sozialen Netzwerken. Nein, nicht denen, die z.B. Oliver Pocher gerade so leidenschaftlich anprangert und vorführt.

Aber Comedians und Talkshows-Hosts, die sonst Teil großer teurer Fernsehproduktionen sind, entdecken plötzlich die im wahrsten Wortsinn hausgemachte Produktion aus den eigenen vier Wänden. Es ist, ausgerechnet möchte man sagen, das zuletzt so schwer gebeutelte Sat.1, das diese Entwicklung als erster Sender jetzt auch auf den Sender bringt. Luke Mockridge geht ab Montag werktäglich am Vorabend auf Sendung, am Donnerstag macht Hugo Egon Bader mit Larissa Rieß eine Comedy-Show mit Schalten in die Wohnzimmer der Comedians. Hier bedient sich die Unterhaltung nun Mitteln, die TV-Journalistinnen und -Journalisten aus ernsten Krisen rund um die Welt kennen: Wenn nötig, muss es von überall aus gehen. Man kann auch von zuhause schalten.

Die deutsche Fernsehbranche hat sich in den vergangenen 15 Jahren manchmal in einen Hyper-Perfektionismus verrannt. Das ist jetzt keine neue Erkenntnis. Schon so manche Produzentin hat das in den vergangenen Jahren angemerkt. Die Zahl der Scheinwerfer, der sich spiegelnde Studioboden, eine noch größere LED-Wand, noch mehr Kameras oder gar gänzlich virtuelle Sets haben jedoch nicht in gleichem Maße die Qualität steigen lassen. Wenn eine Sonderausgabe der "NDR Talkshow" vier Gastgeberinnen und Gastgeber in einer Videokonferenz zusammenschaltet, dann sind das minimale Kosten mit derzeit aber maximalem Effekt.

Diese Zeiten stellen auch die Fähigkeit des TV-Journalismus, auf besondere Lagen zu reagieren, auf die Probe - wenn der Ausnahmezustand zur Regel wird. Und anders als jede Form von TV-Unterhaltung sind die Fernsehnachrichten mehrfach täglich terminiert und aktuell ebenso gefragt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Nachrichten leben auf eine perverse Art und Weise auch von Krisen. Das erklärt, warum innerhalb der Branche zuerst über fiktionale und non-fiktionale Unterhaltungsprogramme und ihre Produktionsumstände gesprochen wurde. Die Information hat für solche Situationen erprobtere Arbeitsabläufe. Doch wenn der Ausnahmezustand zur Regel wird, geht es auch hier an die Substanz.

Das Fernsehen ist (wieder) ein wichtiges Fenster zur Welt

Die Branche muss - Genre für Genre - eine Lösung finden, die einerseits verantwortbar ist und gleichzeitig Präsenz fürs Publikum im Rahmen der Möglichkeiten erhält. Denn das vertraut in diesen Tagen so zahlreich wie seit Jahren nicht einem Medium, das in der Branche dahinter sicher nicht wenige Probleme zu klären hat, die aber klärbar sind, wenn jetzt alle mit offenen Karten spielen. Stoppt vorerst fiktionale Produktionen, klärt die finanziellen Folgen ehrlich und kämpft um non-fiktionale Unterhaltung, so lange es sich verantworten lässt. In der krisenerprobteren Information wird die schwierigste Zeit noch kommen, denn an Arbeit mangelt es hier ja nicht. An den menschlichen Ressourcen unter Dauereinsatz irgendwann schon.

Das lineare Fernsehen ist in seiner ganzen Bandbreite derzeit (wieder) ein enorm wichtiges Fenster in die Welt, weil eben nicht alle im Internet sind. Besonders nicht die, um die wir uns gerade besonders sorgen. Und die wachsende Zahl jener, die zeitsouverän streamen, ist eine Versicherung für die Zukunft des Handwerks hinter bewegten Bildern.

PS: Das Team des Medienmagazin DWDL.de arbeitet seit einer Woche übrigens im Mobile Office und wird unverändert tagesaktuell über alle Entwicklungen in der Branche informieren. Alle Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner von uns sind über die bekannten Wege weiter erreichbar und wie immer offen für Informationen, Sorgen und Hinweise. Bleiben Sie gesund und munter!

Mehr zur TV-Branche in Zeiten des Corona-Virus gibt es auch hier...