Oliver Pocher © Screenshot RTL
TV-Kritik zu Pochers neuer RTL-Show

Gefährlich ehrlich: "Mir gehört der Sender mittlerweile"“

 

Mit einem Freifahrtsschein erster Klasse wirbelt Oliver Pocher jüngst durch das RTL-Programm. Mit der neuen Personality-Show "Pocher - Gefährlich ehrlich" gibt es jetzt auch Insta-Stories als TV-Show. Ein Besuch auf Planet Pocher.

von Thomas Lückerath
16.05.2020 - 08:35 Uhr

Oliver Pocher und Günther Jauch sind schon lange gute Freunde und die Zeiten, in denen es noch Seltenheitswert hatte, als Jauch Harald Schmidt das Wasser reichte, sind eh vorbei: So beginnt Pochers neue RTL-Show mit Schützenhilfe von Mentor Jauch und einer "Frühjahrsausgabe" von "Menschen, Bilder, Emotionen". Die Botschaft: Pocher ist der tollste Typ des noch jungen Jahres. Die Lobhudelei soll Jauch durch sichtbares Unbehagen brechen, war vermutlich der Gedanke. Das klappte schauspielerisch leider nur so mäßig. Sagen wir höflich: Es war ein überraschender Cold Opener, bevor es dann - mit zwanzig Minuten Verspätung dank Überziehung bei "Let’s dance" - so richtig los ging mit "Pocher - gefährlich ehrlich" und der rote Faden der Show sofort wieder aufgegriffen wurde: Willkommen auf Planet Pocher, wo sich alles um ihn dreht.



In den ersten Minuten seiner neuen Show geht es nur darum, die Follower seines Instagram-Accounts zu steigern - mit einem Gewinnspiel. Das hat Humor, greift es doch jene bitterböse Kritik am Influencer-Dasein auf, die Oliver Pocher in den vergangenen Wochen zu zusätzlichem Ruhm (und Kritik) in den sozialen Netzwerken verholfen haben. Es dürfte unstrittig sein, zu sagen: Ohne seine Instagram-Stories wäre diese Show nie entstanden. Das jedoch hat auch einen Haken. Sollte die Lobhudelei zu Beginn eine verständliche Herleitung dafür sein, warum Oliver Pocher mit seiner Ehefrau Amira jetzt diese Sendung macht, fehlte dort leider der entscheidende Teil: Seine mitunter provokanten Auseinandersetzungen mit fragwürdigen Instagram-Influencern. Wer das in den vergangenen Wochen nicht mitbekommen hat, wird sich über den Start der Sendung und ein Gewinnspiel zum Pushen seiner Follower-Zahlen, bei dem es Pochers Blut zu gewinnen gibt, irritiert wundern.

Was dann in der insgesamt 45-minütigen Sendung folgt, sind erwartbare Elemente: Wie schon von zuhause in seinen Instagram-Stories arbeitet sich Pocher zunächst in StandUp-Manier und mit gelegentlichen Einwürfen seiner Frau an Attila Hildmann ab, führt die Verschwörungstheorien von ihm und manchem Demonstrationsteilnehmer und vermeintlichen Experten vor. Das ist so gefällig wie auf Instagram, was die Frage aufwirft, ob der Mehrwert einer TV-Show jetzt wirklich den entscheidenden Unterschied macht. Für Pochers Konto sicherlich: Er hat dem Sender wieder einmal eine Show verkauft. Und hier liegt ein Talent, das keiner aktuell so gut beherrscht wie er. Niemand im deutschen Fernsehen spielt die Klaviatur der Branche so wie ein bestens vernetzter Oliver Pocher, der trotz seines jugendlichen Lausbuben-Looks inzwischen auf 20 Jahre vor der Kamera zurückblicken kann und sich dabei auch nach manchen Flops so oft neu erfunden hat, dass jedem Chronisten schwindelig wird.

Im Journalismus wurde in den vergangenen Jahren oft propagiert, wie wichtig es sei, nicht nur gute Texte zu schreiben, sondern diese auch bestmöglich zu verpacken und zu promoten. Ein früher oft puristischer Berufsstand lernte, umfänglicher zu denken. Gefragt war, wer selber Themen setzte, aufbereitete,  veröffentlichte und verbreitete. Oliver Pocher ist das Äquivalent in der Unterhaltung. Einst mit Boris Becker, jüngst mit Michael Wendler und letztlich auch bei den Instagram-Influencerinnen und -Influencern erschafft Pocher den heutzutage scheinbar wichtigsten Wert: Aufmerksamkeit in einer immer breiteren medialen Landschaft, in der eben diese schwerer zu erzielen ist. Wenn die Aufmerksamkeit erst einmal geschaffen ist, bekommt Pocher bei RTL gerade alles was er will. "Mir gehört mittlerweile der Sender", scherzt Pocher in der Sendung, als seine Frau die eMail-Adresse verliest, unter der man Themen und Videos einschicken kann: pocher@rtl.de.

Auch Sido war übrigens Thema der Auftaktsendung. "Er hat so ein paar Sachen erwähnt, wo es danach hieß 'Oh, Sido, jetzt bist du auch Verschwörungstheoretiker'." Anders als beim Wahn eines Attila Hildmann und anderen spielt Pocher Sidos Aussagen herunter, stürzt sich stattdessen auf den Video-Beitrag einer "Bild"-Reporterin, die vor Sidos Privatadresse auftauchte und dort statt erwarteter Antworten vom Sänger gepöbelt wird, der sich durch die Dreharbeiten vor seinem Grundstück in seiner Privatsphäre verletzt sieht. Ob sie stolz sei auf ihren Job, will Sido wissen. Was sie davon halten würde, wenn er bei ihr vor der Tür stehen würde. Als es eskaliert nennt er die Journalistin Abschaum, bezeichnet sie als behindert.

"Ich finde, Sido sagt ein paar nicht ganz falsche Sachen", moderierte Herr Pocher den Beitrag an. Frau Pocher äfft wiederum die Reporterin nach. Auch wenn das Vorgehen der "Bild"-Zeitung hier - wie so oft - fragwürdig war und man sicher ein ehrlich empörtes TV-Ehepaar erlebt, sind es die unangenehmsten Moment der Auftaktfolge von "Pocher - gefährlich ehrlich". Oliver Pochers Humor stößt hier an seine Grenzen: Wer so wie er gerne impulsiv agiert, lässt dabei manchmal die Differenzierung auf der Strecke. Nur um den Punkt zu machen, dass "Bild" unmöglich ist und die Privatsphäre von Prominenten in Gefahr bringt, werden Verschwörungstheorien, die eben noch Gegenstand seiner Abarbeitung an Attila Hildmann waren, egal.



Am Ende der Show kommt dann noch ein Revival von "Rent a Pocher", wo plötzlich Lausbub Pocher wieder rumschreien und schauspielern kann wie einst bei seinem "Ex-Heimatsender ProSieben". Über seine größte Hürde ist Pocher noch immer nicht gesprungen: noch immer ist es Oliver Pocher, der Oliver Pocher am lustigsten findet und am lautesten über sich lacht. Dieser Klamauk will aber nicht so recht passen zu dem Oliver Pocher, der sich in den vergangenen Wochen aufgeschwungen hat, bitterböse aber mit ernstem Kern den Wahnsinn von Influencerinnen und Influencern aufzudecken und aufzuarbeiten. Und jetzt wieder das alberne "Rent a Pocher", ausgerechnet bei Senioren? Erst dürfen diese wochenlang keine Gäste empfangen und dann kommt Oliver Pocher. Spaß beiseite. Das hat lustige Momente, aber keine Relevanz. Die hat er sich mit seiner Aufklärungsarbeit zum Unmut von Influencerinnen und Influencern erarbeitet und ihm ja erst diese Show ermöglicht.

Abgesehen von dieser nicht nötigen Wiederbelebung ist "Pocher - gefährlich ehrlich" im Grunde eine etwas zulange Instastory TV mit Shiny Floor und einer schlagfertigen Ehefrau als Sidekick. Dass sie leider selten zu Wort kommt, weil jemand anderes der Star ist - das kennt ihr Mann noch aus seiner Nebenrolle einst bei "Schmidt & Pocher". Daran lässt sich aber ebenso arbeiten wie übrigens an der Positionierung von Oliver Pochers Teleprompter oder Kontrollmonitor im Studio - was auch immer es war, das Pocher permanent unnatürlich zur Seite blicken ließ. Die neue Live-Show der Pochers kann mit etwas mehr Fokus eine spannende Plattform werden für den wochenaktuellen Austausch über die Aufreger der Woche. Ob sie auch ohne "Let’s dance" im Vorlauf ihr Publikum finden wird, zeigt sich kommende Woche, wenn die Show auf den Donnerstagabend wechselt.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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