Little Fires Everywhere © Hulu
DWDL.de-Serienkritik

"Little Fires Everywhere": Schmerzhafter Clash zweier Mütter

 

Wichtige, mitreißende Romanverfilmung: Reese Witherspoon und Kerry Washington liefern sich in "Little Fires Everywhere" einen Zweikampf um Mutterkonflikte vor dem Hintergrund von Rassismus und Klassenprivileg. Das ist brillant gespielt und beklemmend aktuell.

von Torsten Zarges
21.05.2020 - 10:00 Uhr

Ist es bloß ein Zufall, dass in Reese Witherspoons Wirken als Produzentin und Schauspielerin "Little Fires Everywhere" auf "Big Little Lies" folgt? Beide Serien sind Literaturverfilmungen, behandeln komplexe Fragen von Mutterschaft und weiblicher Solidarität, spielen in Enklaven des Wohlstands und Witherspoons Rolle ist jeweils die einer selbstermächtigten Problemlöserin. 

Doch damit enden die Parallelen, nicht nur, weil "Little Fires Everywhere" in den 90er Jahren in einer Kleinstadt in Ohio angesiedelt ist. Das Rätsel, das am Anfang der Serie steht und erst in der achten Folge aufgeklärt wird: Wer hat das Haus von Elena Richardson (Witherspoon) angezündet, während sie im Bett lag und schlief? Verdächtigt wird schnell ihre rebellische Tochter Izzie, das jüngste von vier Kindern. Es könnte freilich auch Elenas Mieterin Mia Warren (Kerry Washington) gewesen sein, eine rastlose Kunstfotografin und alleinerziehende Mutter, die eine Art Kreuzzug gegen Elena führt.

Zunächst einmal ist die Serie, die Showrunnerin Liz Tigelaar nach dem gleichnamigen Roman von Celeste Ng entwickelt hat, eine Geschichte von zwei dominanten Mutterfiguren. Auf der einen Seite Washingtons Mia, die mit ihrer Teenager-Tochter Pearl seit Jahren von Ort zu Ort zieht und das ebenso unstete wie bescheidene Leben mit ihrer Kunst begründet. Auf der anderen Seite Witherspoons Elena, die ihre Karrierepläne spätestens nach dem vierten Kind verdrängt hat und sich seither umso rigoroser aufs lückenlose Management ihrer Bilderbuchfamilie sowie ihren Teilzeitjob bei der Lokalzeitung konzentriert.

Little Fires Everywhere© Hulu
Beide Welten prallen schicksalhaft aufeinander, als Mia und Pearl nach Shaker Heights kommen: Elena vermietet ihnen eine Wohnung und stellt Mia kurz darauf als Haushaltshilfe an. Damit wird eine Dynamik ausgelöst, die zum Unwillen beider Mütter ihre Kinder unter den Einfluss der jeweils anderen bewegt. Pearl fühlt sich nach all den Entbehrungen von der Stabilität und dem Luxus der Familie Richardson angezogen, während Izzie vor eben jenem Spießertum Zuflucht in Mias Atelier sucht. Was Elena und Mia dazu bringt, für ihr Duell selbst die Kinder zu instrumentalisieren, erzählt die Serie langsam und eindringlich in etlichen Rückblenden und Nebensträngen.

Dazu gehört unter anderem auch, dass Elena und Mia auf gegnerischen Seiten eines Sorgerechtsprozesses stehen, in dem es um ein ausgesetztes Baby geht. Elena unterstützt ihre unfruchtbare beste Freundin, die nach monatelanger Betreuung auf die offizielle Adoption hoffen darf. Mia dagegen setzt sich für die leibliche Mutter ein, eine undokumentierte chinesische Einwanderin, die ihren Fehler bereut und wiedergutmachen möchte. Im Laufe der Staffel kommen Mias und Elenas eigene dunkle Geheimnisse nach und nach ans Tageslicht.

"Little Fires Everywhere" legt die Filter von Rassismus und Klassenprivileg an, um die Konflikte seiner beiden Hauptfiguren als Frauen und Mütter zu analysieren. Das tut die Serie so konsequent und unnachgiebig, dass sie mitunter alles andere als leichte Kost liefert. Phänomene wie Mikroaggression oder kulturelle Aneignung werden zwar auf der Folie der 90er verhandelt, fühlen sich jedoch beklemmend heutig an. Anders als in der Romanvorlage, in der Mias ethnische Abstammung gar nicht erwähnt wird, steht und fällt Washingtons Figur hier damit, dass sie als Schwarze nicht nur einschlägige Erfahrung mit Rassismus hat, sondern auch ihre Tochter mit entsprechenden Gefühlsvorkehrungen zu beschützen versucht. Während Elena als sprichwörtlicher 'Gutmensch' und 'weiße Retterin' auftritt, die stets explizite Dankbarkeit und implizite Unterordnung erwartet, steckt Mia so tief in ihrem Bunker aus Misstrauen, dass sie ihrer Tochter selbst die Freundschaften mit Elenas Kindern verbiet, weil die sie ja eh nur enttäuschen würden.

Die moralische Fallhöhe ist also gewaltig. Der Achtteiler – von Hello Sunshine und Disney Television Studios für den US-Streaming-Dienst Hulu produziert – wird ihr nicht nur gerecht, sondern überzeugt dank herausragender Buchqualität und brillanter Hauptdarstellerinnen als wichtiges, mitreißendes Melodram. Washington und Witherspoon gelingt es, vielschichtige Facetten in ihren Figuren mitschwingen zu lassen. Etwa wenn Washingtons Gesicht sekundenlang vor Schmerz erbebt, ehe dieser zurück unter Mias stoische Rüstung gedrückt wird. Oder wenn Witherspoon in einem kurzen Aufflackern zu erkennen gibt, dass tief hinter Elenas Fassade doch noch eine Restsehnsucht brodelt. Auch die jugendlichen Darsteller, allen voran Lexi Underwood als Pearl, leisten einen starken Beitrag.

Kurz vorm internationalen Start bei Amazon starb Lynn Shelton, Regisseurin der ersten vier Folgen und Executive Producer, am 16. Mai im Alter von 54 Jahren.

"Little Fires Everywhere", ab Freitag bei Amazon Prime Video

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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