Beauty & The Nerd © ProSieben/Kay Kirchwitz
DWDL.de-TV-Kritik zu "Beauty & The Nerd"

"Nicht wundern, ich werde gleich anfangen zu weinen"

 

Sieben Jahre nach der wenig glanzvollen ersten Staffel holt ProSieben die Realityshow "Beauty & The Nerd" zurück und lässt schon in der ersten Folge so gut wie kein Klischee aus. Das ist nicht wirklich unterhaltsam, sondern vor allem plump.

von Alexander Krei
04.06.2020 - 22:44 Uhr

Es gibt Fernsehsendungen, die man auch nach Jahren noch vermisst. "TV total" beispielsweise oder die "Bullyparade". Und dann gibt es "Beauty & The Nerd". Sieben Jahre ist es mittlerweile her, dass ProSieben eine Staffel dieser Freakshow ausstrahlte, und man kann nicht gerade behaupten, dass dem deutschen Fernsehen seither etwas gefehlt hätte. Dennoch hat ProSieben die Sendung jetzt noch einmal von Endemol Shine Germany wiederbeleben lassen, um... ja warum denn eigentlich?

Augenscheinlich muss irgendjemand in Unterföhring eine Vorliebe für Klischees hegen. Anders ist es nicht zu erklären, dass in den mehr als zwei Stunden, in denen sich die Auftakt-Folge dahinschleppte, quasi kein Vorurteil ausgelassen wurde. Hier die sandallatschigen Eigenbrödler mit Hang zu Priestergewändern und Magic-Karten, dort die aufgebrezelten Schönheiten, die zwar große Brüste, aber nur ein kleines Hirn besitzen und Koalabären am Nordpol wähnen. 

Sieben von jeder Sorte hat ProSieben noch rechtzeitig vor der Pandemie nach Ibiza verfrachtet, damit sie Pärchen bilden und sich bestenfalls gemeinsam zum Affen machen. Und damit nichts schiefgeht, scheint man RTL für einen Fuffi auch gleich noch den Klamottenfundus der "Schwiegertochter gesucht"-Kandidaten abgekauft zu haben, um die "Nerds" standesgemäß in Schale zu werfen. Ganz am Ende winkt nicht nur ein Umstyling, sondern auch ein Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Zunächst gilt es, dem Publikum das Konzept verständlich zu erklären. Eitelkeit treffe auf Einsamkeit, erläutert der Sprecher und stellt sogleich "sieben zumeist ungeküsste Liebes-Loser" vor, deren "gemeinsamer Endgegner" die Frauen sind. "Weiblichen Umgang habe ich wenig", gibt sogleich einer der Außenseiter vor, "abgesehen von Mutter, Oma und so weiter." Ein anderer verlässt das Haus angeblich niemals ohne seine Posaune, sodass es nur folgerichtig ist, dass er das Instrument auch nach Ibiza mitgenommen hat.

Und dann ist da noch der Nerd, der von sich behauptet, "Fachkraft für Geschirrspüler-Logistik" zu sein. Er habe diesen Hang nach Perfektionismus, den Raum im Inneren des Reinigungsgeräts optimal zu nutzen, damit auch jede noch so kleine Kuchengabel glänzt. Bei den Frauen hält sich die Begeisterung über die Herren der Schöpfung erwartungsgemäß in Grenzen – und es ist davon auszugehen, dass sich ausnahmslos alle bei "Love Island" wohler gefühlt hätten. Aber weil sie sich nun mal auf diesen Quatsch eingelassen haben, müssen wohl oder übel Bündnisse geschlossen werden, was nach einigen Anlaufschwierigkeiten auch ganz gut funktioniert.

Und plötzlich kippt die Stimmung

Selbst Zauberkarten-Sammler Dion findet im zweiten Anlauf noch seine Spielgefährtin. Noch nie habe er so gute Chancen bei einer Frau gehabt, steht in der Einblendung geschrieben – was nicht weiter überrascht, ist er doch der einzige, der bei der Paarungszeremonie noch übrig geblieben istt. Am Ende ist es Selina, mit der er ein Doppel bildet, was immerhin den schönsten Dialog des Abends nach sich zieht. "Ich bin Dion." - "Ich heiße Selina." - "Cool, zusammen sind wir Celine Dion."

Doch die Verbindung steht unter keinem guten Stern, weil eine rauschende Party völlig aus dem Ruder läuft. Wo gerade noch in bester Malle-Manier ausgelassen zu "Schatzi, schenk mir ein Foto" getanzt wird, eskaliert die Situation jäh, nachdem Selina von einer Mitstreiterin mit drei Champagner-Tröpfchen übergossen wird. Was im folgenden Streit genau gesagt wird, ist nicht ganz klar, weil immer mehr Satzfetzen von einem Piepton überspielt werden müssen. Irgendwann ist von "Fotzen" die Rede und davon, dass Dion nicht mehr mit ihr das Bettchen teilen darf. 

Dion selbst weiß gar nicht, wie ihm geschieht. "Nicht wundern, ich werde gleich anfangen zu weinen", lässt er einen Nerd-Kollegen wissen, ehe die Tränen tatsächlich zu kullern beginnen. Dass Selina am nächsten Morgen vor lauter Wut über den Schampus-Schock die Villa verlässt, sorgt aber nur kurz für einen Dämpfer, weil ProSieben dankenswerterweise schon die nächste Beauty bereithält, die sich – Klischee sei Dank – mit ihrem operierten Hintern bestens in die Bewohnerriege einfügt.

Irgendwann im Laufe der Staffel, so verspricht es ProSieben, soll der Spieß noch umgedreht und das Kuriositätenkabinett um männliche Beautys und weibliche Nerds ergänzt werden. Ob die Show dadurch besser wird, darf jedoch arg bezweifelt werden. So recht mag der Funke einfach nicht überspringen, zu vorhersehbar und plump kommt das Gezeigte daher. Nein, diese Neuauflage hätte es nicht gebraucht. Aber vermutlich ist nicht umsonst die Rede vom verflixten siebten Jahr.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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