Sløborn © ZDF/Stefan Erhard
Kritik zur neuen ZDFneo-Serie

Epidemie-Serie "Sløborn": Propheten der Apokalypse

 

In der Serie "Sløborn", die heute bei ZDFneo startet, greift Showrunner Christian Alvart der Corona-Pandemie auf einer Nordsee-Insel vor. Das ist trotz heilloser Überfrachtung oft tiefgründig – und vom ersten bis zum achten Teil spannend.

von Jan Freitag
23.07.2020 - 10:34 Uhr

Wenn endlich ein Impfstoff gefunden und Covid-19 besiegt, wenn also alles wieder wie früher ist oder zumindest kurz mal Ruhe herrscht im Katastrophenkarton Erde, spätestens dann dürfte die Unterhaltungsindustrie flugs auf Hochtouren laufen, um das Geschehen der vergangenen Monate fiktional verwertbar zu machen. Auf Netflix wird die Pandemie zur wuchtigen Thriller-Serie und bei Arte zum sozialkritischen Fluchtdrama, während ein handlungsfähigerer US-Präsident als der amtierende in Wolfgang Emmerichs Actionblockbuster – nennen wir ihn schlicht "The Virus" – eigenhändig Heilmittel über Texas abwirft.

Alles also eine Frage der Zeit, bis auch das Fernsehen die Entertainmentmaschine anwirft und umfassend auf Corona eicht. Schließlich hat die Ufa bereits vor der Verhaftung des Hauptschuldigen gerade verkündet, den Wirecard-Skandal zu verfilmen. Manchmal jedoch ist das Fernsehen seiner Zeit sogar ein Stückchen voraus. Als "Corona" für den Großteil Europas kaum mehr war als ein spanisches Dünnbier, hat ZDFneo die fiktive Nordsee-Insel "Sløborn" zum Hotspot einer globalen Virusinfektion gemacht. Ein Krisenherd, an dem unsere Gegenwart verdichtet auf acht Folgen weitsichtig eskaliert.

Wie üblich, springt auch diese Katastrophenserie zu Beginn zwar für einige Sekunden Richtung Zukunft, in der die weibliche Hauptfigur panisch durchs Kriegsgebiet ihrer dystopischen Heimat hetzt. Drei Schnitte weiter jedoch kehrt Evelin (Emily Kusche) an idyllisch grasendem Vieh vorbei von der Klassenreise zurück in den ereignislosen Alltag ihrer Provinzwelt – und kotzt auf der Raststätte erstmal gut sichtbar ins Tankstellenklo. Die 15-Jährige ist nämlich schwanger. Von ihrem Lehrer. Nicht der einzige Krisenherd im Kleinen.

Evelins Mitschüler Herm (Adrian Grunewald) zum Beispiel wird kollektiv gemobbt, Vater Richard (Wotan Wilke Möhring) will Mutter Helena (Annika Kuhl) und seine vier Kinder aufs Festland verlassen, die spröde Buchhändlerin Merit (Laura Tonke) lädt den koksenden Bestsellerautor Nikolai (Alexander Scheer) zur scheiternden Buchlesung. Und wenn der dänische Rückkehrer (Roland Møller) nebenan ein Sozialprojekt für kriminelle Teenager aufbaut, mit denen das ländliche Umfeld naturgemäß fremdelt, ist die Messlatte der Serie gelegt: Es geht um die kleineren wie größeren (Luxus-)Probleme einer saturierten Gesellschaft, deren Besitzer ihre wahren Gesichter zeigen, sobald eine verlassene Segelyacht strandet.

Auf der verwest ein amerikanisches Ehepaar, das – wie sich später zeigt – an der Taubengrippe gestorben ist. Einer neuen Form von Influenza, die sich – wie uns Nachrichtensprecher unablässig aus dem Off einimpfen – gerade zur fatalen Weltseuche auswächst. Dank seiner Abgeschiedenheit im Meer wäre das titelgebende Eiland davon nun womöglich verschont geblieben – würden jene drei Schüler, die dem ausgegrenzten Herm nebenbei das Leben zur Hölle machen, nicht heimlich das Boot ausrauben und Sløborn somit langsam, aber unaufhaltsam krank machen.

Solche Storys gab es in ähnlicher Form schon häufiger. Die Furcht vor der unsichtbaren Gefahr durch Keime jeder Art ist schließlich nicht erst seit Wolfgang Petersens Virenthriller "Outbreak" vor 25 Jahren ein beliebtes Film- und Serienthema. Von der schnellen Erreger-Taskforce "D.I.K." bei Sat.1 über den ProSieben-Blockbuster "Pandemic" bis hin zur "Mobilen Einsatzgruppe Tropenmedizin" (ZDF) haben auch deutsche Sender danach filmisch auf grassierende Krankheiten wie Meningitis, Vogelgrippe oder SARS reagiert. Dass ZDFneo den globalen Befall mit Covid-19 präzise vorweggenommen hat, anstatt darauf nur zu reagieren, macht die Verantwortlichen allerdings zu Propheten der Apokalypse. Einerseits.

Andererseits waren Viren wie dieses ja auch vor SARS-CoV-2 schon Teil der Weltungesundheit, also auch mit weniger Fantasie fiktionalisierungstauglich. Obwohl das mediale Hintergrundrauschen aus Konjunkturprogramm, Infodemie, Desinfektionsmitteltrinkempfehlungen fraglos nachträglich ergänzt wurde, wirken die epidemiologischen Aspekte von "Sløborn" inklusive Maskenpflicht aber dennoch visionär. Anders jedenfalls als die dramaturgischen Aspekte. Christian Alvart wäre nicht Christian Alvart, wüchse die Welle der Virenlast bei ihm nicht zum Tsunami an. Wie in seinen Schweiger-"Tatorten" oder den plakativen "Dogs of Berlin", überfrachtet der Regisseur die Krise nach eigenem Drehbuch als Dauershowdown mit neunzigprozentiger Mortalität, blutenden Augen und Bundeswehr im Kampfeinsatz, bis das Ganze in einen Mix aus "Herr der Fliegen" und "Walking Dead", Roland Emmerich und Attila Hildmann mündet.

Bis dahin allerdings versteht es der Showrunner wie kaum ein zweiter, Jugendkulturen so glaubhaft darzustellen, dass die Klischees der Erwachsenenwelt beinahe erträglich werden. Während der flamboyante Festlandschriftsteller nämlich etwas zu Tom Wolfe ist, die schöne Inselprostituierte zu Julia Roberts, der coole Dorfpolizist zu "Stranger Things" und der krasse Drogendealer viel zu "Breaking Bad", inszeniert Christian Alvart seine Teenager mit großem Gespür für Pubertätskonflikte, bei denen soziale Medien gleichsam einen und spalten. Gepaart mit dem stichhaltigen Sound von Christoph Schaues und Max Filgen, wird "Sløborn" damit zur pausenlos spannenden, abseits aller Melodramatik tiefgründigen Milieustudie einer Mikrogesellschaft im Angesicht des Untergangs.

ZDFneo zeigt am heutigen Donnerstag, 23.7., ab 20:15 Uhr vier Folgen, die restlichen vier Folgen laufen am morgigen Freitag ab 20:15 Uhr. Zudem werden sie in der ZDF-Mediathek veröffentlicht.

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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