Mütter machen Porno © Sat.1/Marvin Kochen
DWDL.de-TV-Kritik

"Mütter machen Porno": Harte Realität zur besten Sendezeit

 

Aufklärung mal anders: In einer neuen Dokumentation lässt Sat.1 fünf Mütter einen eigenen Porno drehen. Bis es so weit ist, müssen sie aber erst einmal recherchieren - im Sado-Maso-Workshop und an einem echten Porno-Set. Kann das gutgehen?

von Alexander Krei
22.07.2020 - 22:01 Uhr

Ob "Liebesgrüße aus der Lederhos'n" oder "Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd": Lange vor dem Siegeszug des Internets haben leicht gestrickte Sexfilmchen die Bundesrepublik erobert. Heute wirken die berühmt-berüchtigten Lederhosen-G'schichten eher amüsant – ganz besonders verglichen mit dem, was die dunklen Seiten im Netz offenbaren. Wer Pornos sucht, wird schnell fündig: Alleine Google spuckt fast 900 Millionen Treffer aus, wenn nach dem Liebesakt in bewegten Bildern gesucht wird. 

Wohl auch deshalb liegt das Durchschnittsalter bei Erstkonsumenten pornografischer Inhalte heutzutage bereits bei elf Jahren. "Noch nie hatten es Kinder und Jugendliche so leicht, auf pornografische Inhalte zuzugreifen", mahnt der Sprecher einer neuen Dokumentation, die ihren Ursprung in Großbritannien hat und deren erster Teil jetzt in Sat.1 zu sehen war. Ihr Titel: "Mütter machen Porno".

Was zunächst verstörend klingt, erklärt das Konzept der Sendung jedoch ziemlich gut: Fünf Mütter hat die Produktionsfirma Redseven Entertainment aufgetrieben, um einen Porno zu drehen, in dem es durchaus hart zur Sache geht, wie sich am Ende herausstellt. Gezeigt werden kann das Ergebnis daher auch nur in einer zensierten Form, kommentiert von den Ideengeberinnen, die in dem rund 23 Minuten langen Streifen dann auch konsequenterweise Regie führten.

"Wir möchten andere Mütter aufklären und vor allem auch unsere Kinder", sagt eine der Frauen. Ihre Botschaft: "Schaut euch nicht so etwas Grausames an – sondern wenn, dann einen ordentlichen Porno." So einen wie "Vanilla X", den sie und ihre Mitstreiterinnen sich erst erdacht und dann gefilmt haben. Die Handlung ist schnell erklärt: Ein Pärchen hat Sex. Mitten in einem Club. Und andere tanzen um sie herum. Gezeigt werden soll angeblich das Treffen von Aphrodite und Eros in einer "erotisierenden Zwischenwelt". Nun ja.

Warum eigentlich nur die Mütter?

Der Weg bis zur Umsetzung des Pornos wird detailliert erzählt. Hier das böse Internet, das Bilder schlimmer Vergewaltigungen zugänglich macht, dort die besorgten Mütter. Aber warum sind eigentlich bloß die Mütter besorgt und nicht die Väter? Und weshalb haben deren Kinder kein Mitspracherecht bei der Umsetzung des Werks, wo es doch eigentlich vorwiegend um sie und ihren Zugang zu Sexualität geht? Es sind wichtige Fragen, die offen bleiben – und das vielleicht größte Problem der Dokumentation offenbaren: Zu oft wird über die anderen gesprochen und viel zu selten miteinander.

"Mütter machen Porno" ist gut gemeint, verliert aber an manchen Stellen den eigentlichen Kern des Porno-Problems aus den Augen. Gleichwohl gelingt der Sendung eine gute Hinführung zu dem Thema, das man sonst üblicherweise nicht um 20:15 Uhr erwarten würde. Mal besuchen die Mütter eine Erotikmesse, ein anderes Mal sprechen sie mit einer Sexualtherapeutin und später gar einen Bondage-Workshop, bei dem eine Domina erklärt, dass Sado-Maso-Spielchen letztlich so etwas "wie ein riesiges Disneyland für Freaks" seien. Das alles hätte schnell peinlich werden können, ist es aber glücklicherweise nicht. 

Am Ende der ersten Folge werden die fünf Frauen schließlich von einem Porno-Produzenten ans Set eingeladen, der das Sat.1-Projekt "hochspannend" findet, sich aber letztlich betont gelassen gibt. "Ich weiß", sagt er, "dass mich das nicht arbeitslos machen wird." Danach geht’s motiviert ans Werk: Ein "Klischee-Porno", fasst eine der Mütter das ihr Dargebotene zusammen. Eine andere sagt in Anbetracht des eher billigen Spektakels: "Ich habe schon einige Ideen, die wir nicht machen." Als dann auch noch der zuvor großspurig auftretende Pornodarsteller einfach nicht zum Höhepunkt kommen will, haben die Mütter fast schon Mitleid mit ihm.

Die besondere Trostlosigkeit der Situation wird deutlich, als im Hintergrund "Mad World" ertönt. Immerhin gibt es jedoch noch, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Happy End – und an die Stelle der angewiderten Gesichter der Mütter rückt für einen kurzen Moment tosender Applaus für den Mann, der später von sich behaupten wird: "Eigentlich komme ich immer. Es ist nur eine Frage der Zeit." Der Porno der Mütter hat da gewiss mehr Stil. Ob es ihn wirklich braucht, darf dennoch bezweifelt werden, immerhin legen die eher beiläufig gezeigten Kommentare einiger Jugendlicher nahe, dass sie sehr wohl zwischen Fantasie und Realität unterscheiden können. 

"Mütter machen Porno" läuft am Mittwoch um 20:15 Uhr in Sat.1.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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