Man fragt sich, ob Ehrgeiz blind macht für ein Mindestmaß an journalistischem Anstand. Im Dezember 2018 machte die Mediengruppe RTL Deutschland eine Kampfansage an Boulevard-Platzhirsch "Bild": Mit einer Neupositionierung von RTL.de als General-Interest-Portal will man künftig u.a. Bild.de angreifen und dafür nach eigenen Angaben auf die enorme Anzahl von 700 Journalistinnen und Journalisten des Unternehmens zurückgreifen. Wenige Monate später wurde dann Ex-"Bild"-Chefin Tanit Koch neben ihrer Aufgabe als Chefin des Nachrichtensenders ntv auch neue Chefredakteurin der Zentralredaktion der Mediengruppe RTL Deutschland.

Die Arbeit von gleich 700 Journalistinnen und Journalisten erschloss sich bei der Lektüre von RTL.de bislang noch nicht und Aufmacher-Themen wie einst sogar ein exklusives Update zum 2019er Sommerurlaub von "RTL aktuell"-Anchor Peter Kloeppel repräsentieren die groß angekündigten Ambitionen jetzt auch allenfalls subtil. Die Wahrnehmung dessen, was die Website zum Sender so veröffentlicht, war bislang überschaubar - bis zu diesem Wochenende. Im Windschatten heftiger Kritik an der "Bild" wegen der Veröffentlichung von Namen und Chat-Nachrichten eines Minderjährigen ohne dessen Zustimmung wäre beinahe untergegangen, dass diesmal RTL.de Bild.de doch tatsächlich voraus war. Das soll nicht unterschlagen werden. Ehre wem Ehre gebührt!



Vergangenen Donnerstag schockierte die Meldung von einer Familientragödie im nordrhein-westfälischen Solingen, bei der eine 27-jährige Mutter mutmaßlich fünf ihrer Kinder betäubt und erstickt hat. Ein sechstes Kind, ein elfjähriger Junge, überlebte und tauschte sich via WhatsApp und offenbar Telefonaten mit mindestens einem Freund aus. Noch am gleichen Tag stand dieser "Freund" dann mit Zustimmung seiner Mutter, was für sich genommen schon schockierend ist, vor der RTL-Kamera und berichtete von dem WhatsApp-Chat. Auch dieser Umstand allein ist fragwürdig. Auf Nachfrage des Medienmagazins DWDL.de erklärt eine Sprecherin den Beitrag, der u.a. auch am Freitag on air bei "Punkt 12" lief, mit "berechtigtem öffentlichen Interesse". Das klingt ein bisschen nach Freifahrtsschein.

Dass ein solches Interesse aber auch Grenzen hat, könnte man zum Beispiel bei Günther Jauch erfragen, der es sich leisten kann, seine Privatsphäre regelmäßig erfolgreich juristisch zu verteidigen. Neugier der Presse oder des Publikums allein ist kein "berechtigtes öffentliches Interesse" - und die Kinder in Solingen nicht einmal prominent. Zumindest nicht bis RTL ins Spiel kam und eigenmächtig den vollen Namen des Minderjährigen veröffentlicht, der gerade alle Geschwister verloren hat. Auf Anfrage des Medienmagazins DWDL.de räumt RTL am Montag ein: "Wir überprüfen uns und unsere Arbeitsweise jeden Tag aufs Neue und gestehen auch ein, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Wir bedauern, dass in diesem Fall unter anderem der volle Namen des Jungen genannt wurde und entschuldigen uns dafür."

In einer ersten Fassung des Beitrages wurde darüber hinaus direkt aus den WhatsApp-Nachrichten zwischen den beiden Jungen zitiert. Man bedauere auch dies und habe das schon am Freitag korrigiert. Doch noch am Montagvormittag fand sich die unbearbeitete Fassung bei TVnow zum Abruf. Dann wurde das Thema gänzlich rausgeschnitten aus der "Punkt 12"-Sendung vom Freitag. "RTL hat mit Zustimmung und im Beisein seiner Mutter mit einem Freund des überlebenden Jungen über die Tragödie gesprochen. Wir haben bewusst darauf verzichtet, sensible WhatsApp-Nachrichten zu zeigen Wir halten es jedoch - auch nach juristischer Rücksprache - für angemessen, die Hintergründe einer Tat von solch schrecklicher Dimension zu beleuchten, da ein berechtigtes öffentliches Interesse daran besteht", teilt eine Sprecherin der Mediengruppe RTL Deutschland mit.

Journalismus zwischen Recht und Anstand

Namentlich zitieren lassen möchte sich damit niemand. Auch die gestellte Frage, wer für diesen Beitrag eigentlich verantwortlich war, ist unbeantwortet. Niemand will verantwortlich sein und so bleibt es ein Rätsel, worin dieses berechtigte öffentliche Interesse liegen soll, möglichst viele Details über die Gedanken eines traumatisierten Jungen zu erfahren, der gerade alle seine Geschwister verloren hat, weil seine eigene Mutter sie umbrachte. Es gab keine akute Gefahrensituation mehr, keinerlei Prominenz der Beteiligten. Nichts, was auch nur im Ansatz ein Anhaltspunkt dafür sein könnte, dass ein "berechtigtes öffentliches Interesse" an einem solchen Interview mit einem Minderjährigen über einen Minderjährigen vorlag - noch am Tag einer unglaublichen Tragödie.

Es ist aber auch nicht allein eine juristische Frage, sondern viel mehr eine moralische und am Ende auch eine nach dem journalistischen Handwerk. Macht man so etwas? Ist das wirklich ein Level von Journalismus, den man auch in der hauseigenen RTL-Journalistenschule lehren würde? Ein kleiner Trost: Auf Nachfrage bestätigt die Mediengruppe RTL Deutschland, dass für das Interview kein Geld gezahlt wurde. Auf perverse Art und Weise macht das allerdings umso unverständlicher, wieso eine Mutter ihren Sohn durch die Boulevardmedien reicht. Beinahe wäre die Mediengruppe RTL Deutschland mit ihrer Berichterstattung übrigens im Windschatten der heftigen Kritik an der "Bild" untergegangen.

Nun, es ist quasi ein Kompliment für "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt: Auf seinen Seiten ist erst aufgefallen, was beim offenbar irrelevanteren Wettbewerber RTL.de zunächst einmal nicht auffiel. Auch Bild.de sprach unter Zustimmung der Mutter mit dem zuvor schon von RTL interviewten Freund und veröffentlichte sogar Screenshots aus dem WhatsApp-Chat der beiden Jungen. Auch hier mutmaßlich ohne die Zustimmung des Jungen, der gerade eine Familientragödie zu bewältigen hat und auch hier mit vollem Namen genannt wurde. Scharfe Kritik kam von Medienwissenschaftlern, Journalisten und aus der Politik. Mehr als 50 Beschwerden seien beim Presserat eingegangen, berichtet schon am Sonntag der Berliner "Tagesspiegel".

Falsche Bescheidenheit bei "Bild"

Ein Sprecher der "Bild"-Zeitung erklärte am Montag gegenüber DWDL.de: "RTL hat die Geschichte über die WhatsApp-Chats des Bruders der getöteten Geschwister mit einem Freund mit Video am Donnerstag aufgebracht, die im Weiteren international aufgegriffen wurde. 'Bild' hatte diese mit dem ausdrücklichen Einverständnis und Entscheidung der Mutter, wie auch in dem Beitrag explizit dokumentiert, ebenfalls am Freitag übernommen, was wir bedauern. Wir hatten uns für 'Bild' daher zeitnah entschlossen, den Beitrag auf Bild.de wieder herunter zu nehmen, um den Freund nicht dauerhaft identifizierbar zu machen."



Die Argumentation deckt sich mit dem, was Julian Reichelt laut Bericht des neuen Branchendienstes Medieninsider.com am Wochenende schon intern kommuniziert hat: Man habe ja nur das gemacht, was auch RTL gemacht habe. Eine bemerkenswert kindische und gefährliche Argumentation, der Führung eines Mediums dieser Größe unwürdig. Oder wie es Ulrike Simon im "Horizont" auf den Punkt bringt: "Sich allerdings damit herauszureden, dass man nicht angefangen habe, sondern nur tat, was ein anderer vorgemacht hat, erinnert an Ausreden auf Kitas und Schulhöfen. Es zeugt von sittlicher Unreife."

Anstand, wir brauchen mehr Anstand. Dazu würde auch gehören, geäußerte Kritik ernst zu nehmen. Stattdessen wird die Unsachlichkeit mancher Kritik an "Bild" von Reichelt zum Anlass genommen, im internen Schreiben an das Team den Eindruck einer Kampagne gegen "Bild" zu erwecken, was den Kern der Empörung diskreditiert. Manche fast schon justiziable Beleidigung gegen "Bild" - aber auch RTL - erweist ernster Kritik allerdings  einen Bärendienst und macht es den Experten für Agenda-Setting in beiden Häusern viel zu leicht, das Narrativ zu ändern und sich selbst als Opfer zu verstehen. Schon rückt das eigentliche Thema in den Hintergrund, dabei will man noch eins sagen: Schämt Euch!