Man kann den Machern von "Alarm für Cobra 11" beileibe nicht vorwerfen, mit dem Auftakt zur neuen Filmstaffel der Actionserie, nicht einen in die Zeit passenden 90-Minüter kreiert zu haben. Die Zahl der in der Geschichte aufgeworfenen Fragen ähnelt ein Stück weit der um die Produktion an sich kreisenden Unklarheiten. Vor den insgesamt drei Filmen, die in den vergangenen Monaten für RTL+ und RTL entstanden, gab es eine längere Produktionspause – unüblich für den RTL-Langläufer. Die drängendste Frage bei der Rückkehr als Filmreihe: Hat die Cobra wirklich eine Zukunft?



Die Produktionspause wird – zumindest indirekt – auch in der Reihe thematisiert, denn es ist ganz schön was passiert seit der letzten Serienfolge, die RTL im Sommer 2021 versendete. Semir Gerkhan (in gewohnter Manier: Erdogan Atalay), seit den 90ern das wesentliche Gesicht der Serie, sitzt überraschenderweise gar nicht mehr im Gefängnis, in das man ihn Ende der jüngsten Staffel gesteckt hat, hat sich Tinder auf seinem Handy installiert und offenbar seine Ehe mit der ehemaligen Kommissaritatssekretärin Andrea hinter sich gelassen. Seine Tochter Dana (Gizem Emre) erwartet ein Kind, während Vicky (Pia Stutzenstein), die seit zwei Serienstaffeln als seine Partnerin auf Streife ist, seit ihrer Nierentransplantation seltsam risikobereit ist und sich "unkaputtbar" zu fühlen scheint.

Nun hat die Produktion aus dem Hause Action Concept in ihren über 25 Jahren auf den Bildschirmen nicht nur eine gewaltige Strecke zurückgelegt, sondern auch diverse Kurven und Richtungsänderungen gemeistert. Manche Entwicklungen waren ein Volltreffer; etwa die Einführung des insgesamt in rund 80 Folgen mitspielenden Kommissars Ben Jäger (Tom Beck), der der Serie nach der schwächeren Gedeon-Burkhard-Phase einen neuen Drive verlieh. Oder eben auch die beiden jüngsten zwei Serienstaffeln mit erstmals weiblicher Semir-Partnerin, die zwar mit Blick auf die Reichweiten einen Abnutzungseffekt erkennen ließen, inhaltlich aber so deutlich wie nie zuvor um die wesentlichen Charaktere kreisten und mit Themen wie rechten Tendenzen bei der Polizei auch für das Format unübliche Geschichten staffelfüllend aufgriffen. Es war eine neue Ernsthaftigkeit eingekehrt in eine Serie, die ihr langjähriger Produzent Hermann Joha früher gerne mit einem Kirmes-Besuch verglich.

Während man sich in den bis dato letzten Serienstaffeln also an von Netflixserien bekannten Erzählstrukturen bediente, wurde für die Filme die Herangehensweise wieder geändert. Zeit für echte Charakterentwicklung ist im ersten Film von Autor Etienne Heimann und Regisseur Franco Tozza kaum. Da geht es gegen eine belgische Verbrecherorganisation, groß und mächtig, so wie man die Gegner aus über 25 Jahren "Cobra" in weniger tiefgehenden Folgen eben kennt. Der Film mag eine Art Rückbesinnung auf alte Tugenden sein. Es kracht und pufft. Hallo Kirmes.

Der erste 90-Minüter lässt aber leider eben auch zahlreiche Fragen offen: Wozu das emotionale Finale im August 2021 mit Semir hinter Gittern und einer Autobahnpolizei vor ungewisser Zukunft, wenn eine Produktionspause und eineinviertel TV-Jahre später alles wieder ist als wäre nie etwas besorgniserregendes gewesen? Der erste 90-Minüter bringt die Autobahnpolizei sofort und ohne Umschweife in altbekannter Manier zurück. Der Kniff der Macher geht vielleicht auch deshalb nicht auf, weil die Geschichte um eine in LKW-Containern folternde Bande mitunter gar zäh ist. Dass es "Cobra" an Tempo fehlt, das ist speziell zum Auftakt der Filmreihe doch ein Stück weit ungünstig. 

Somit bleibt nach Film eins die Frage, ob das Konzept als Filmreihe hauptsächlich RTL, nicht aber dem Publikum, in die Karten spielt, weil sich Filme im Herbst und im Frühjahr linear besser zwischen die Fußballspieltage der Europa League einfügen lassen als acht- oder zehnteilige Serienstaffeln und deshalb auch größere und über mehrere Abende gesponnene Handlungsbögen deplaziert wären.

Inhaltlich zeigt zumindest aber die Folge "Unversöhnlich", dass die Autorinnen und Autoren bei einem 90-Minüter kein Stück weit vom Gas gehen dürfen und deshalb Storys brauchen, die diese Laufzeit auch tragen. Ganz früher war es üblich, Staffeln mit spielfilmlangen Folgen zu eröffnen, in denen Geschichten aus "Speed" nacherzählt, große Verschwörungen aufgeklärt oder ein Linienbus voller Passgiere gekapert wurde. So viel Highlight steckt im neuen "Cobra 11"-Aufguss zunächst nicht.

 

In den kommenden beiden Wochen, so viel hat RTL jedenfalls schon verraten, werden Semirs Vergangenheit im Knast (mittels Flashbacks) und auch die Schwangerschaft seiner Tochter dann weitergehend in neuen 90-Minütern thematisiert. Dass die "Cobra" in der Lage ist, sich zu wandeln und auch bei inhaltlichen Anpassungen in die seichtere oder ernstere Richtung die Kurve zu kriegen, hat sie mehr als nur einmal bewiesen. Dabei hatte sie aber immer mehr Zeit als nur drei Mal 90 Minuten. So bleibt die Frage nach Semirs Zukunft als Kommissar oder nahender Rente zunächst unbeantwortet. 

Der Film "Unversöhnlich" steht bei RTL+ zur Verfügung. Zwei weitere "Cobra 11"-Streifen, nämlich "Machtlos" und "Schutzlos", folgen jeweils donnerstags. RTL will die Filme 2023 zeigen.