Fernsehen © ad.unger / photocase.com
Ein Kommentar

Das Problem mit dem "New Golden Age of Television"

 

Die Primetime Emmys in den USA und die startende MIPCOM in Cannes feiern das neue, goldene Zeitalter des Fernsehens. Längst würden gute TV-Serien auch als Kulturgut anerkannt. Doch wieso fühlt sich dieses tolle "Golden Age of Television" bei uns eher rostig an?

von Thomas Lückerath
06.10.2013 - 17:47 Uhr

An diesem Wochenende stand der deutschen TV-Branche wieder eine Reise in eine entfernte Galaxie bevor. In eine andere Welt, in der das Fernsehen derzeit auf dem Höhepunkt der Möglichkeiten gefeiert wird. Wo Autoren, Produzenten und neue Plattformen mal national, immer häufiger aber sogar international an neuen TV-Ideen basteln. Natürlich gibt es immer noch genug Mist im Fernsehen, doch nie gab es so viel herausragendes Fernsehen auf der Welt. Weit mehr sogar als eine einzelne Person überhaupt schauen könnte. Diese Euphorie für neue Möglichkeiten und die jüngsten Kultserien, die gerade um den Globus wandern, spürt man sehr gut, wenn man in diese entfernte Galaxie reist. Nun, so weit entfernt ist sie eigentlich gar nicht. Im Grunde geht es um die beschauliche Hafenstadt Cannes an der französischen Mittelmeerküste.

Doch obwohl keine zwei Stunden Flugzeit entfernt, ist Cannes für Fernsehschaffende wie Medienjournalisten aus Deutschland weiter weg als man denkt. Jeder, der einmal die Messetage dort mitgemacht hat, kennt dieses positive, dieses wuselige Gefühl, das sich einstellt, wenn man sich über neue TV-Trends und neue Formatideen informieren und mit Kollegen aus aller Welt austauschen kann. Der Alltag in Deutschland und damit auch das deutsche Fernsehen - das erscheint plötzlich so furchtbar weit weg. In Cannes kann man nachvollziehen, warum gerade der US-amerikanische Markt von einem neuen goldenen Zeitalter des Fernsehens spricht. Vor Ort hat man kein Problem dieser Analyse zuzustimmen. Doch zurück in Deutschland - mal angesichts des Programms, mal angesichts der Debatte darüber - will sich keine Jubelstimmung einstellen. Weder bei den Machern noch den Zuschauern.

Woran liegt es, dass uns vom goldenen Zeitalter erzählt wird und es sich doch in Deutschland so gar nicht danach anfühlen will? Die Antwort ist möglicherweise so banal, dass es weh tut. Weil wir in Deutschland seit Jahren die Zeit damit vertrödeln, uns mit der Verbreitung von Fernsehen zu beschäftigen - statt über Inhalte zu reden. Gemeint ist insbesondere die Debatte innerhalb der Branche. Die diskutiert mit Vorliebe über Rechte-Fragen, Verbreitungswege und Verwertungsfenster. Wir diskutieren darüber, ob für das Web anders produziert werden muss als fürs Fernsehen. Wir diskutieren alles zu Tode und gerne immer wieder in gleicher Besetzung.

Das sind alles keine unwichtigen Fragen. Aber sie haben inhaltliche Debatten weitestgehend verdrängt. Und inhaltlich zu werden - so weit sind wir übrigens auch schon - bedeutet ja heutzutage schon, dass wir darüber sprechen, welche Idee aus dem Ausland wohl am vielversprechendsten ist. Das kann es doch nicht sein! Wo bleibt der Ideenaustausch? Wo bleiben kreative Formen, gemeinsam über neue TV-Ideen nachzudenken? Bei britischen oder amerikanischen Branchengipfeln findet man da wesentlich mehr. Einen Speed-Pitch bei den Medientagen München oder dem medienforum.nrw? Wo denken Sie hin. Schön wäre es. So überlässt man die Diskussion über das Fernsehen eben den Verwaltern, nicht den Gestaltern.

Und genau deswegen ist die MIPCOM in Cannes wie ein Besuch in einer anderen Welt. Zweimal im Jahr geht es bei der Messe um Inhalte. Das ist Balsam für die geschundene Seele. Und man möchte der deutschen Fernsehbranche laut zurufen: Lasst uns doch auch mal wieder über Inhalte sprechen. Über abgefahrene Ideen, Storylines und Umsetzungen. Über Charaktere und Heldenreisen, egal ob wahrhaftig oder gebrochen. So kostspielig und unsinnig die Piloten im US-Fernsehen auch sind - man kann sich Jahr für Jahr an Ideen berauschen. Einige davon sind gut, andere nicht. Aber selbst mancher Aspekt einer gescheiterten Serie findet sich im nächsten Jahr vielleicht woanders wieder. Dabei vollzieht sich ja auch in den USA gerade ein Wandel des TV-Konsums.

Nur während wir den in Deutschland noch zu begreifen versuchen, ist er dort Gelegenheit für neue TV-Ideen. Eine gute Geschichte, stark erzählt - die funktioniert, egal auf welchem Wege. Lasst uns mit den Inhalten anfangen, die begeistern. Auch wenn in Cannes jeder schon einen vollen Terminkalender hat, so kann man nur raten: Einfach mal durch das Palais und vorbei an all den Ständen schlendern. Einfach mal Augen und Ohren aufhalten: Hier gibt es so viele kuriose Ideen. Saugt sie auf, genießt es. Fernsehen kann begeistern, wenn man Fernsehen macht, das auch begeistern will und nicht nur Sendeplätze füllen soll. Dann versteht man auch, warum die MIPCOM in den kommenden Tagen das New Golden Age of Television feiert.

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