© Reed Midem
Fazit der Fernsehmesse

Phantome von Cannes: Die MIPCOM vor der SVoD-Schlacht

 

Bei der MIPCOM sprachen alle über Disney+ und Apple TV+, nur Disney und Apple nicht. Der verschärfte Wettkampf der SVoD-Anbieter war dominierendes Thema einer ruhigen Messe, bei der im Fiktionalen viel Durchschnittliches gehandelt wurde.

von Thomas Lückerath , Cannes
17.10.2019 - 11:02 Uhr

Veranstalter Reed Midem hatte den angekündigten Streamingdiensten bei der MIPCOM extra den roten Teppich ausgerollt und die Fernsehmesse in diesem Herbst schon frühzeitig unter das Thema „The Streaming Offensive“ gestellt. Doch die Erwartung, auf diesem Wege eine Plattform für die Plattformen zu werden, ging nicht ganz auf. Über Apple TV+ und Disney+, zwei neue Dienste die immerhin nur noch wenige Wochen vom Launch entfernt sind, wurde zwar viel geredet in Cannes - allerdings in Abwesenheit der beiden neuen Dienste und ihrer Strategen. Die weltgrößte Fernsehmesse spielt für Disney und Apple keine Rolle - eine bittere Pille für Reed Midem, weil dies sicher weniger Momentaufnahme als Signal für die Zukunft sein könnte.



Disneys Vertriebstochter Disney Media Distribution hatte zwar wie jeden Herbst auch diesmal noch ein Zelt am Strand, aber Disney+ war dort einer der beiden großen pinken Elefanten in der Mitte des Zelts, die zielsicher ignoriert wurden. Die Neugier des Marktes war enorm, die Antworten bleiben aber aus. Der andere Elefant im Raum ist die von Einkäufern schon bei den LA Screenings gestellte Frage: Wenn Disney+ künftig alles selbst verwertet, was kann Disney Media Distribution überhaupt noch anbieten? Wie schon im Mai in Los Angeles konnte auch diesmal niemand die Frage beantworten. Aber offene Fragen, die gab es nicht nur bei Disney.

Drüben bei WarnerMedia steckt man gerade in einem massiven Umbau, der den deutschen Tochterfirmen im Übrigen noch bevorsteht, und will im kommenden Jahr den Streamingdienst HBO Max launchen. Anders als Disney Media Distribution hat sich HBO die eigene Präsenz in diesem Herbst schon geschenkt, während sich das Produktionshaus Warner Bros. mit dem altbekannten Strand präsentierte, als hätte sich nichts geändert. Immerhin: Bob Greenblatt, der für WarnerMedia HBO Max verantwortet, wurde mit der Aussicht auf eine Ehrung als Media Personality of the Year nach Cannes gelockt. Man könnte es, freundlichst möglich formuliert, als optimistische Vorschusslorbeeren bezeichnen.

Eine Serie basierend auf dem Kultfilm „Grease“ sei in Planung, verriet er bei seinem Auftritt im Palais des Festivals. Mehr Infos zu HBO Max? Die kämen bald, versprach Greenblatt, möglicherweise schon Ende Oktober - aber eben nicht in Cannes. Das Rätselraten über die neuen international gedachten SVoD-Anbieter der nächsten Generation geht also auch nach der Fernsehmesse in Cannes weiter. In der Zwischenzeit aber spriesen nationale VoD-Angebote aus dem Boden, oft werbefinanziert, die auch hinter zahlreichen in Cannes vorgestellten Serienprojekten stehen, wie etwa das deutsch-chilenische „Dignity“, welches in Deutschland bei Joyn zu sehen sein wird.

Eben noch New Kid on the Block, jetzt schon Establishment: Amazon Prime Video. Die Keynote von James Farrell und Georgia Brown, verantwortlich für die internationalen bzw. europöäischen Produktionen bei Amazon Studios, spiegelte die langjährige Markterfahrung: Während die neuen Streaming-Konkurrenten zum weit überwiegenden Teil weiter auf Highend-Fiction setzen, will Amazon Studios sein Programmangebot diversifizieren. Eine Strategie, die kürzlich auch Konkurrentin Bela Bajaria von Netflix im DWDL-Interview, ausgeführt hat. Was für Serienfans weniger spannender klingt, ist für die linearen Fernsehsender ein möglicherweise weitaus dramatischerer Effekt als der Start von Apple+, Disney+ und HBO Max zusammen: Amazon - wie auch Netflix - entdecken zusätzlich zu Serien auch das Non-Fiktionale für sich.

Gerade erst haben die linearen Sender genau diese Programme als beste Antwort auf die SVoD-Konkurrenz mit ihrem weitgehend fiktionalen Angebot identifiziert, da wollen Amazon wie Netflix auf genau diesem Markt ebenso mitmischen. Trost für die linearen Anbieter: Georgia Brown räumt ein, dass das für Amazon schwieriger ist als Vorstöße ins Fiktionale. Bei Serien sei es einfacher Alleinstellungsmerkmale zu finden. Non-Fiktionales läuft bei vielen Sendern wiederum schon lange sehr erfolgreich. Hier gebe es - anders als bei aufwändigen und teuren Serien - keine so große Marktlücke und die Findung geeigneter Programme sei eine ungleich größere Herausforderung.

Das Formatgeschäft der MIPCOM 2019 war zwar diesmal ohne dominierende Highlights oder klare Favoriten wie zuletzt z.B. „The Masked Singer“. Im Angebot waren stattdessen einmal mehr enorm viele Datingshows neben zwei weiteren, klar zu identifizierenden Trends: Dem Zeitgeist entsprechend war einerseits eine Vielzahl von Formaten zu Umwelt- und Ernährungsthemen im Angebot, andererseits versuchten sich viele Produzenten an Variationen von "Old meets young"-Formaten. Deutlich wurde aber: Das Interesse an Nachschub im Non-Fiktionalen war auf der Einkäufer-Seite dennoch so groß wie seit Jahren nicht.

Waren es vor knapp zehn Jahren die wenigen Serien unter der Vielzahl von Formaten, die auffielen, wirkt es inzwischen umgekehrt: Serienprojekte sind die neue Fließband-Ware und das Palais des Festival sowie die umliegenden Pavillions und Zelt waren voll wie nie mit Plakaten, welche dem internationalen Markt neue Produktionen mit einen meist unbekannten Cast präsentieren. Wie einst eine angepriesene Castingshow der anderen glich, wirkte es in diesem Jahr mitunter bei den Serien. Im Überangebot wird aus Serienlust Serienfrust, auch weil die in Cannes gehandelten Serien in der Mehrheit ja möglichst kommerziell verwertbar sein sollen und damit Procedurals mit wöchentlichen Fällen dominieren.

Aus deutscher Sicht war die MIPCOM 2019 eher unauffällig. Die ganz großen Deals blieben diesmal aus, auch gab es keine deutsche TV-Idee bzw. Produktion, die den internationalen Einkäufern mit denen DWDL.de gesprochen hat, in diesem Herbst besonders aufgefallen sei. Die Stimmung, etwa beim German MIP Cocktail, war dennoch prächtig: Solange man über die neuen SVoD-Dienste eh nur weiter nur rätseln kann und Amazon wie Netflix im Non-Fiktionalen noch nicht aufgedreht haben, hält das neue Selbstbewusstein der linearen Sender an - und die Produzentenlandschaft jubelt ohnehin über immer mehr Telefonnummern, die man anrufen kann um seine Ideen zu platzieren.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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