Es fügt sich zeitlich gut, dass Sascha Schwingel auf seiner Reise zur MIPCOM eine prestigeträchtige internationale Personalie im Gepäck hat, die aufhorchen lässt. Mit einem der momentan gefragtesten Hollywood-Produzenten, David Bernad, hat die UFA soeben eine Zusammenarbeit vereinbart. Bernad ist der langjährige Produktionspartner von "The White Lotus"- und "Enlightened"-Creator Mike White, der dessen Visionen kongenial in erfolgreiche HBO-Serien umgesetzt, aber auch Serien wie "Superstore", "The Bold Type" oder "White House Plumbers" produziert hat.
Gemeinsam wollen die Partner ein Serienprojekt entwickeln, das den englischen Arbeitstitel "The Spy Hotel" trägt – oder auf Deutsch "Hotel Neptun". Das legendäre 20-stöckige Hotel am Ostseestrand von Rostock-Warnemünde – 1971 als Stolz der DDR eröffnet – hieß im Volksmund "Stasi-Hotel", weil dort Spitzenpolitiker von Willy Brandt bis Fidel Castro logierten und von der Staatssicherheit ausspioniert wurden. Auch der berüchtigte DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski hatte im Neptun eine ständige Suite. Die NDR-Doku "Hotel der Spione" enthüllte 2006 die IM-Decknamen etlicher ehemals leitender Hotelmitarbeiter.
Nach einem Jahr an der UFA-Spitze kann Schwingel mit dem deutsch-amerikanischen High-End-Projekt einen wichtigen Claim abstecken. Zuletzt dockten Partner dieses Kalibers nämlich meist direkt bei der UFA-Mutter Fremantle in London an. Schwingels internationale Ambition dürfte im Konzern nicht unbemerkt bleiben. Beim "Spy Hotel" ebenfalls mit an Bord sind die amerikanischen Journalisten und Autoren Joshua Davies ("Little America") und Joshuah Bearman ("Argo"). UFA-Fiction-Geschäftsführerin Nataly Kudiabor hat den Deal an Land gezogen, nachdem sie mit Bernad beim letztjährigen Berlinale Series Market ins Gespräch gekommen war..
Für die UFA sind solche starken Signale nach außen wie nach innen Gold wert in einer Zeit, da sie nicht mehr der unbestrittene Marktführer früherer Jahre ist. Mit rund 260 Millionen Euro Umsatz fiel die Gruppe aus den Top 5 der deutschen Produktionsriesen heraus, weil sie mittlerweile von Banijay, Beta Film oder Leonine überholt wurde. Schwingel hat keinen leichten Job: Einerseits muss er dem Traditionsbetrieb, der von seinen Vorgängern Nico Hofmann und Wolf Bauer lange geprägt wurde, nun seinen eigenen Stempel aufdrücken. Andererseits ist er in wirtschaftlich schwierigen Zeiten angetreten, in denen bei fast allen Auftraggebern Sparkurs und Zurückhaltung vorherrschen.
Da geht man abends nie ins Bett und denkt: Wow, wieder drei Projekte abgeschlossen.
UFA-CEO Sascha Schwingel
Fragt man nach bei Mitarbeitern wie bei Kunden, bekommt man überwiegend Positives über den 53-Jährigen mit deutlich jünger wirkendem Elan und authentischer Can-Do-Mentalität zu hören. Schwingel sei gut darin, ungeahnte Motivation in der Belegschaft freizusetzen, weil er ein untrügliches Gespür dafür besitze, wer in welcher Konstellation am besten funktioniere. Und er habe in den vergangenen Monaten bei Sendern und Streamern mindestens eine Handvoll neuer Projekte eigenhändig akquiriert, indem er mit einer Mischung aus kreativer Dreistigkeit und vertrauter Augenhöhe des erfahrenen Ex-Senderchefs überzeugt habe. Schwingel selbst quittiert solche Einschätzungen im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de bloß mit einem kommentarlosen Lächeln. Sein erstes Jahr als UFA-Boss sei ihm viel kürzer vorgekommen, sagt er, "weil die Arbeit erwartungsgemäß sehr intensiv ist und eine recht hohe Komplexität hat. Da geht man abends nie ins Bett und denkt: Wow, wieder drei Projekte abgeschlossen."
Die ersten fünf Monate – bis sein einstiger Mentor Hofmann im Februar die Position als Chairman aufgab und die UFA endgültig verließ – bemängelten manche im Unternehmen, Schwingel dürfe durchaus etwas beherzter zupacken. Er tat genau das, als er Natalie Clausen von Netflix abwarb, sie im Rang eines COO zu seiner Innenministerin machte und dafür den langjährigen Hofmann-Vertrauten Joachim Kosack erst aus der Holding, dann aus der UFA Serial Drama verdrängte. Der ließ öffentlich verlauten, sein Abschied sei "nicht selbst gewählt", doch böses Blut blieb aus. Schwingels Managementstil lässt sich auch daran ablesen, dass jetzt zwei Geschäftsführer ohne eigene Produzenten-Ambition da sitzen, wo zuvor zwei leidenschaftliche Produzenten qua Konzernkarriere mehr und mehr administrative Verantwortung übernommen hatten. Wenn Schwingel neue Projekte selbst an den Mann bringt, landen diese umgehend bei den Produzenten der operativen Töchter.
© UFA/Hagen Wolf
Ausbau Ost: Katharina Rietz und Henriette Lippold (v.r.) führen die neu gegründete UFA Mitte GmbH
Die Frage ist: Auf welchen Bühnen können wir künftig wachsen, wenn das Wachstumspotenzial im linearen TV endlich ist?
UFA-CEO Sascha Schwingel
Generell lässt Schwingel keinen Zweifel daran, dass vor allem Ausbau auf seiner Agenda steht. Das interne Projekt "UFA 2030", dessen Ziel er im Juni im DWDL.de-Interview als "ein möglichst präzises Bild der UFA – kreativ und kulturell ebenso wie organisatorisch und wirtschaftlich" beschrieb, dürfte schon bald konkreter werden. Entsprechende Strategie- und Kultur-Workshops mit der Belegschaft sind für November angesetzt; ein Offsite-Meeting des Managements soll die Zukunftsagenda dann im Januar offiziell beschließen. Nicht zuletzt dürften darin auch klare Wachstumsziele stehen, die die UFA wieder dauerhaft über die 300-Millionen-Euro-Umsatzschwelle hieven sollen. Schwingel bleibt auf Nachfrage eher allgemein: "Die UFA hat in der Vergangenheit immer auf jeder neuen Bühne gespielt, die sich aufgetan hat. Dieser Geist des beherzten Ausprobierens neuer Geschäftsfelder steckt im Kern des Unternehmens. Die Frage ist: Auf welchen Bühnen können wir künftig wachsen, wenn das Wachstumspotenzial im linearen TV endlich ist?"
© Bastei Lübbe
Nachschub: Die UFA hat "Dunbridge Academy" optioniert
Doch der UFA-Chef denkt längst über klassische TV- und Streaming-Formate hinaus, was angesichts der wirtschaftlichen Branchenentwicklung wohl auch nötig ist, wenn Umsatz und Ertrag nachhaltig nach oben klettern sollen. "Die Creator Economy hat heute ein globales Marktvolumen von 250 Milliarden Dollar und wird Schätzungen zufolge bis 2027 auf über 450 Milliarden wachsen", markiert Schwingel das Objekt seiner Begierde. "Dass wir als UFA Teil dieser Economy sein wollen, steht für mich außer Frage." Was das genau heißt, außer verstärkt mit Influencern zusammenzuarbeiten, lässt Schwingel noch offen. Gut möglich aber, dass es mittelfristig zu Zukäufen in diesem Segment kommt. "Zu meiner Degeto-Zeit, als 'Babylon Berlin' startete, haben wir Jutetaschen für die Buchmesse in Frankfurt bedruckt", erinnert sich der CEO. "Da war noch kein Gedanke an Influencer. Heute wäre eine 'Maxton Hall'-Premiere ohne Influencer undenkbar. Deren globale, virale Reichweite war sicher ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Serie."
Ob im klassischen Produktionsgeschäft oder in der Creator Economy: Früher oder später wird Schwingel zusätzliche Investitionsmittel brauchen, wenn die UFA auch anorganisch wachsen soll. Dem Vernehmen nach lief sein Antrittsbesuch in Rom bei Andrea Scrosati, dem Kontinentaleuropa-Chef von Fremantle, kurz und reibungslos. Der Wachstumskurs, den Schwingel mit "UFA 2030" verfolgt, scheint im Konzern unumstritten. Das war in der Vergangenheit nicht unbedingt selbstverständlich, solange Vorgänger Hofmann direkt an Fremantle-CEO Jennifer Mullin berichtete und Scrosati sein Imperium um Deutschland herum in anderen europäischen Märkten ausbaute. Schwingel sagt dazu auf Nachfrage nur dies: "Von Andrea Scrosati bekomme ich genau die Unterstützung, die ich brauche. Wenn wir unsere Vorhaben gegenüber Fremantle erklären, stoßen wir auf große Offenheit und Unterstützung." Klingt ganz so, als wirke die Motivationskraft des neuen Deutschland-Chefs auch nach oben.

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