© S. d'Halloy - Image & Co
Wie gut ist das neue Serien-Festival?

Canneseries-Premiere: Preisverdächtig war nur die Promo

 

Viel Show, aber wenig Ertrag: Die Premiere des neuen Serien-Festivals in Cannes geriet zur Enttäuschung mit Ansage. Während die Qualität des Wettbewerbs mit einem Fragezeichen versehen kann, waren viele MIPTV-Besucher einfach nur genervt.

von Alexander Krei , Cannes
12.04.2018 - 18:33 Uhr

Man muss Reed Midem gratulieren. Den Buzz, den der weltgrößte Messeveranstalter mit der Premiere von Canneseries auslöste, war durchaus beachtlich. Zahlreiche Medien weltweit berichteten über das neue Festival an der Côte d’Azur, das angesichts des großen Serien-Hypes den Nerv der Zeit zu treffen scheint. Und wer in den vergangenen Tagen durch Cannes schlenderte, kam an Canneserie ohnehin nicht vorbei: Fast kein Laden, dessen Front kein buntes Fähnchen zierte; kaum ein Restaurant, das sich keinen rosa Teppich vor die Pforte legte.

Tatsächlich gelang es Reed Midem, durch all die Promo-Power den Eindruck zu erwecken, Canneseries sei die Schwester des traditionsreichen Filmfestivals – dabei war es doch nur der Wurmfortsatz der MIPTV. Tatsächlich hat das neue Festival herzlich wenig gemein mit der Veranstaltung, auf die auch in wenigen Wochen wieder die Filmwelt blicken wird. Wer Glamour suchte, wurde nur selten fündig, was keineswegs nur auf das regnerische Wetter zurückzuführen ist. Und das war gewiss nicht das einzige Dilemma.

Auch in den vergangenen Jahren hatte die Fernsehmesse vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von Serien diverse Screenings integriert. So gesehen war das Zeigen neuer Produktionen alles andere als neu. Anders als bisher entschieden sich die Messeveranstalter nun aber dazu, einen großen Wettbewerb auszurufen und die Vorführungen auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dadurch waren die Veranstaltungen zwar gut besucht, doch ein großer Teil der Fernsehmacher, die nach Cannes gekommen waren, um Geschäfte zu machen, war vom zusätzlichen Trubel schnell genervt.

So sorgte Reed Midem beispielsweise dafür, weite Teile des großen Platzes vor dem bislang der Messe vorbehaltenen Palais abzusperren, um Canneseries mit seinem unübersehbaren Pink Carpet ins rechte Licht zu rücken. Umwege und lange Gesichter unter Messebesuchern waren die Folge. Wer die Screenings verfolgte, musste wiederum unweigerlich die Frage stellen, ob die zehn Produktionen im Wettbewerb wirklich die Speerspitze der aktuellen Serienkunst bilden – gewiss keine leichte Beurteilung. Erst recht, wenn als Basis für die Wertung ausschließlich Pilotfolgen dienen.

Canneseries
© Yann Coatsaliou - 360 Medias

Das gilt gewissermaßen auch für den deutschen Beitrag, die ZDF-Serie "Die Protokollantin" mit Iris Berben, die im Rahmen von Canneseries schon am Wochenende ihre Weltpremiere feierte. Gut produziert und gut besetzt, ja. Aber preisverdächtig? Als beste Serie machte letztlich das israelische Drama "When Heroes Fly" das Rennen, das im Dschungel Kolumbiens spielt. Immerhin konnte die ebenso kurzweilige wie kreative Preisverleihung, die am Mittwochabend von einem französischen Pay-TV-Sender live übertragen wurde, zumindest ein wenig für manchen Ärger der vergangenen Tage entschädigen.

Was also bleibt von Canneseries? Nach Séries Mania und Série Serie hat Frankreich jetzt also ein weiteres Serien-Festival – eines, auf das wohl nur wenige ernsthaft gewartet haben, und dessen Stellenwert angesichts seiner stimmigen Konkurrenten bei genauem Hinsehen ziemlich gering ist. Dass in der Öffentlichkeit der gegenteilige Eindruck entstanden ist, ist vor allem ein Marketing-Coup der Veranstalter, die mit ihrer Festival-Premiere mehr Schein als Sein verursachten. Zumindest das war an Canneseries preiswürdig.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen
Canneseries © S. d'Halloy - Image & Co
Wie gut ist das neue Serien-Festival?

Canneseries-Premiere: Preisverdächtig war nur die Promo

Viel Show, aber wenig Ertrag: Die Premiere des neuen Serien-Festivals in Cannes geriet zur Enttäuschung mit Ansage. Während die Qualität des Wettbewerbs mit einem Fragezeichen versehen kann, waren viele MIPTV-Besucher einfach nur genervt. » Mehr zum Thema
Simone Emmelius, Jobst Benthues, Ute Biernat, Christian Franckenstein © DWDL.de
DWDL.de-Umfrage beim German MIP Cocktail

Kann es auch zu viel gutes Fernsehen geben?

Produzenten aus aller Welt jubelten bei der MIPTV: Nie gab es mehr Aufträge, weil immer mehr Plattformen und Sender sich mit eigenen Inhalten profilieren wollen. Aber wer soll das alles noch finden und gucken? Kann es auch zu viel gutes Fernsehen geben? » Mehr zum Thema
What Would Your Kid Do? © ITV
Eindrücke von der MIPTV

MIP-Schmuckkästchen 2018: Sänger, Kids und Drogenköche

Auf der Fernsehmesse MIPTV mangelt es nicht an skurrilen Formaten. In unserem "Schmuckkästchen" stellen wir ihnen ganz subjektiv sehenswerte Neustarts vor: Von neuen Spins im Koch- und Casting-Genre über Musical-Comedy bis hin zu Kochen mit Gras. » Mehr zum Thema
Marcus Wolter © Banijay / Mateusz Tondel
Eine Rückkehr zu neuen Ufern

Wolter wird CEO und Gesellschafter von Banijay Germany

Neue Aufgabe mit vertrauten Weggefährten: Marcus Wolter, zuletzt Nordeuropa-Chef von Endemol Shine, wird CEO und Gesellschafter der neu gegründeten Banijay Germany, wie er DWDL.de gegenüber bestätigt. In der Position verantwortet er künftig neben Banijay Productions auch die Produktionsfirma Brainpool. » Mehr zum Thema
International Emmy Kids Awards © Emmy
Verleihung der International Emmy Kids Awards in Cannes

International Emmys für "Berlin und wir" und "Rote Bänder"

Was für ein Abend aus deutscher Sicht: In der Kategorie Factual gewann "Berlin und wir" und als beste Serie räumte "Club der roten Bänder" einen der International Emmy Kids Awards ab. Wer in Cannes sonst noch jubeln konnte.... » Mehr zum Thema
German MIP Cocktail © Eric Bonté
Get Together zur Fernsehmesse in Cannes

German MIP Cocktail: Branchentreff im Serienfieber

Mehr als 350 Gäste folgten der Einladung zum u.a. von DWDL.de gesponsorten German MIP Cocktail des Medienboard Berlin-Brandenburg und der Film- und Medienstiftung NRW. Canneseries, Personalspekulationen und ein Werkstattblick auf "Das Parfüm" waren die Themen des Abends. » Mehr zum Thema
Red Bull © Red Bull
Als Partner an Bord

Red Bull Media House steigt bei privater Mond-Mission ein

Eine Gruppe von Visionären plant für das kommende Jahr die erste private Mondlandung - wenn auch unbemannt. Jetzt hat das deutsche Forscherteam mit Red Bull Media House einen globalen Medienpartner an Bord geholt. » Mehr zum Thema
Rich House, Poor House © Channel 5
Ausstrahlung noch im Frühjahr

"Plötzlich arm, plötzlich reich": Sat.1 adaptiert Tausch-Doku

Was passiert, wenn arme und reiche Familien für eine Woche lang ihr Leben tauschen, will Sat.1 demnächst in einem neuen Format herausfinden. Der Sender adaptiert dafür die aus Großbritannien stammende Dokusoap "Rich House, Poor House". » Mehr zum Thema
Matthew Henick © S. d'Halloy - Image & Co
Keynote auf der MIPTV

Facebooks Content-Chef: Alles, nur kein Fernsehen

Matthew Henick ist neuer Content-Chef von Facebook und kommt frisch von Buzzfeed. In Cannes machte er jetzt deutlich, dass er auf Bewegtbild setzt, nicht aber das Fernsehen kopieren möchte. Sein Zauberwort heißt "Social Entertainment". » Mehr zum Thema
Red Bull und Beta Film © DWDL
Joint-Venture gegründet

Red Bull und Beta planen internationale Fußball-Saga

Im Vorfeld der MIPTV überraschen Beta Film und das Red Bull Media House mit einer ungewöhnliche Zusammenarbeit. Beide Unternehmen haben ein Joint-Venture gegründet. Das gemeinsame Ziel vor Augen: Eine internationale Serie über die Untiefen des Fußballs. » Mehr zum Thema