© DWDL.de
Fernsehmesse in Cannes

Fazit der MIPTV 2019: In der Ruhe liegt die Kraft?

 

Die meisten Besucher der Fernsehmesse in Cannes werden am heutigen Mittwoch die Rückreise antreten. Hinter ihnen liegt eine spürbar ruhigere MIPTV. Ein Umstand, dem viele Besucherinnen und Besucher auch etwas abgewinnen konnten. Trotzdem müssen die Veranstalter reagieren.

von Thomas Lückerath , Cannes
10.04.2019 - 10:28 Uhr

Die Bandbreite der vergangenen Tage war zunächst mal unverändert groß: Am Wochenende ging es ums Dokumentarische bei der MIPdoc und das Formatgeschäft bei der MIPformats, seit Montag dann um das ganze Spektrum des Fernsehens und das Festival Canneseries stellt kommende Serienprojekte in den Mittelpunkt. Es mangelte auch nicht an kleinen feinen und großen skurrilen TV-Ideen, aus denen sich ein Teil der Faszination dieser Fernsehmesse speist, bei der Fernsehen aus allen Teilen der Welt, den Rest der internationalen Fernsehwelt für seine oft eher speziellen Erfolge begeistern will.



Aber am Ende gehen von der MIPTV 2019 keinerlei Impulse aus. Kein Genre oder Format hat die internationalen Fachbesucher spürbar in den Bann gezogen. Die Zeiten jener Blockbuster sei ohnehin vorbei, beteuern stets alle Gesprächspartner - aber hoffen trotzdem weiterhin darauf. Die MIPTV 2019 bleibt in Erinnerung als eine spürbar ruhigere Messe als in den Vorjahren. Kaum vorstellbar, dass Veranstalter Reed Midem diesmal stabile oder gar steigende Besucherzahlen aus dem Hut zaubern kann. Die Hotelpreise und nicht ausgebuchten Restaurants in Cannes waren deutliche Indikatoren.

Die Reed Midem wird weiter an der Frühjahrs-Ausgabe der Fernsehmesse arbeiten müssen. Die MIPTV gerät seit Jahren durch immer neue bzw. andere, ausgebaute Veranstaltungen unter Druck. Die US-Studios konzentrieren sich im Frühjahr schon seit Jahren auf ihre LA Screenings im Mai, britische Firmen haben zuletzt rund um den BBC Showcase in Liverpool im Februar eine Art britische Screeningwoche etabliert. Und auch Festivals wie die Berlinale, die sich dem TV geöffnet haben, graben Cannes ein Stück weit das Wasser ab.

Ob man angesichts dieser Entwicklungen für Zusatz-Veranstaltungen wie MIPdoc oder MIPformats noch einmal zusätzlich Geld verlangen oder das generell anspruchsvolle Preisniveau durchziehen kann, ist fraglich. Tröstlich für die Veranstalter: Der neuen Ruhe in Cannes konnten die natürlich auch weiterhin zu Tausenden angereisten Fernsehmacher durchaus etwas abgewinnen. Das Klagelied ist der Entspannung gewichen. Hat man sonst im 30 Minuten-Takt kurze Termine gemacht, die netto meist nicht mehr als 20 Minuten Gespräch ermöglichten und Badge-Träger gehetzt durch das Palais des Festivals und Cannes rannten, lag diesmal in der Ruhe die Kraft.

Viele der von uns befragten Ver- und Einkäufer freuten sich darüber, die wenigeren Termine für gehaltvollere Gespräche nutzen zu können. Ein entspannterer Austausch zahle nachhaltiger auf die Kundenbindung ein als das stressige Speed Dating in möglichst hoher Taktung. Die Stimmung also war gut in den vergangenen Tagen in Cannes. Natürlich will und muss die MIPTV letztlich eine Fernsehmesse bleiben, aber mehr Networking und weniger von der hektischen Illusion eines Bazaars, dessen Angebot heutzutage ohnehin schon von zuhause checken kann, ist nicht verkehrt.

Zu viel Networking kann eine gefährliche Verlockung sein. Manche Messe träumt heutzutage davon, einen Kultcharakter zu entwickeln wie die SXSW in Austin, doch die CeBIT hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass eine komplette Abwendung von einer klar auf Relevanz für die Industrie angelegten Veranstaltung auch der finale Sargnagel sein kann. Es bleibt daher spannend zu sehen, welchen Weg die Reed Midem mit der MIPTV einschlagen wird. Wie viel Festival (Canneseries) verträgt eine Messe, wie selbstbewusst wird man bei den Preisen bleiben? Und würde eine klarere Aufteilung der Themen zwischen Frühjahr und Herbst nicht doch Sinn machen?

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen
Mums Make Porn © Channel 4
Eindrücke von der MIPTV

MIP-Schmuckkästchen: Streetart, Hangover und Pornos

Auf der Fernsehmesse MIPTV mangelt es nicht an skurrilen Formaten. In unserem "Schmuckkästchen" stellen wir ihnen ganz subjektiv sehenswerte Neustarts vor: Von Hangover-Spielchen über Streetart-Casting bis hin zu Müttern, die Pornos drehen... » Mehr zum Thema
ITV-Stand auf der MIPTV © DWDL.de
Veränderungen bei der Fernsehmesse

MIPTV ab 2020 ohne Aussteller-Stände vor dem Palais?

Weil die Zahl der großen Aussteller-Stände im Freien bei der MIPTV in Cannes in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist, überlegt der Messeveranstalter jetzt, sämtliche Stände ins Innere zu verlegen. Im Herbst soll sich aber nichts ändern. » Mehr zum Thema
Bauhaus bei Canneseries © 360 MEDIAS
Preisverleihung an der Côte d'Azur

ZDF-Serie "Die neue Zeit" gewinnt bei Canneseries

Am Rande der MIPTV fand zum zweiten Mal das Serien-Festival Canneseries statt. Dabei wurde die neue ZDF- und Arte-Serie "Die neue Zeit" mit einem Preis bedacht. Die deutsche Netflix-Serie "How to get Drugs online (fast)" ging dagegen leer aus. » Mehr zum Thema
2025 © Keshet
Eines der Big-Budget-Formate der MIPTV 2019

Hot or not? Keshets monumentales Reality-Projekt "2025"

Kann dies noch das nächste große Ding von Keshet werden? Bei der MIPTV wurde die XXL-Realityshow "2025" mit angezogener Handbremse vermarktet, weil die Quoten in Israel enttäuschten. Internationales Interesse gibt es dennoch. » Mehr zum Thema
MIPTV © DWDL.de
Fernsehmesse in Cannes

Fazit der MIPTV 2019: In der Ruhe liegt die Kraft?

Die meisten Besucher der Fernsehmesse in Cannes werden am heutigen Mittwoch die Rückreise antreten. Hinter ihnen liegt eine spürbar ruhigere MIPTV. Ein Umstand, dem viele Besucherinnen und Besucher auch etwas abgewinnen konnten. Trotzdem müssen die Veranstalter reagieren. » Mehr zum Thema
Bad Banks © ZDF/Sammy Hart
Laufende Verhandlungen

US-Adaption von ZDF-Serie "Bad Banks" in Planung

Die Produzenten Patrick Wachsberger und Pascal Breton wollen die Serie "Bad Banks" für die USA adaptieren, wie sie auf der MIPTV ankündigten. Das ZDF bestätigt entsprechende Verhandlungen. Auch an einer Sisi-Serie wird gearbeitet » Mehr zum Thema
International Emmy Kids Awards © Emmy
Sieben Sieger aus fünf Ländern

Keine deutschen Gewinner bei den Kids-Emmys in Cannes

Am Dienstagabend ging es am Rande der MIPTV um Kinderfernsehen: In sieben Kategorien wurden die International Emmy Kids Awards verliehen - zum nunmehr siebten Mal. Die drei deutschen Nominierten gingen bei der Gala allerdings leer aus. » Mehr zum Thema
German MIP Cocktail © Loic Thébaud
Mehr als 300 Gäste beim Get Together

German MIP Cocktail: Partner, Plattformen und Personalien

Bei bestem Wetter war es so voll wie selten zuvor beim German MIP Cocktail, zu dem Medienboard Berlin-Brandenburg und Film- und Medienstiftung NRW eingeladen hatten. Themen des Abends: Neue Serienprojekte und Partnerschaften sowie die aktuellen Umbrüche in der deutschen TV-Landschaft. » Mehr zum Thema
Sat.1 © Sat.1
Geht Liebe durch den Auspuff?

"Nächste Ausfahrt: Liebe": Sat.1 macht Kuppelshow im Auto

Auf der Suche nach einer neuen Kuppelshow-Idee hat Sat.1 einen neuen Spin ausgedacht. Noch in diesem Jahr wird der Sender "Nächste Ausfahrt: Liebe" ins Programm nehmen. In der Sendung haben zwei Singles ein Blind Date auf vier Rädern. » Mehr zum Thema
Die neue Zeit © ZDF / zero one film
First Look der neuen ZDF-Serie

Serien-Projekt "Die neue Zeit": Sperrig und ohne Kitsch

Beim Festival Canneseries hat die ZDF-Serie "Die neue Zeit" ihre Weltpremiere gefeiert. Sie befasst sich mit dem Bauhaus, der berühmten Künstlerschule, die gerade ihr 100-jähriges Jubiläum feiert. Ähnlich künstlerisch kommt auch die Produktion selbst daher. » Mehr zum Thema