Schon seit Wochen schwelt ein Konflikt zwischen Netflix auf der einen und einigen Synchronsprecherinnen und Synchronsprechern auf der anderen Seite. Im Kern geht es um neue Vertragsklauseln, und hier besonders KI-Regelungen, die die Sprecherinnen und Sprecher unterzeichnen sollen. Dagegen wehren sie sich allerdings und boykottieren den Streamingdienst teilweise sogar. Netflix selbst zeigt Verständnis und spricht von einem Missverständnis, will die strittigen Bestimmungen aber nicht zurücknehmen. 

Darum geht es bei den KI-Regelungen: Netflix will Aufnahmen der Sprecherinnen und Sprechern zu Trainingszwecken einer KI zuführen, eine Vergütung ist dafür nicht vorgesehen. Im vergangenen Sommer hatte sich die Schauspielgewerkschaft BFFS mit Netflix auf entsprechende Regelungen geeinigt (DWDL.de berichtete), diese gehen vielen Synchronsprecherinnen und Synchronsprechern aber offenkundig nicht weit genug. In diesen Regelungen ist festgehalten, dass eine Vergütung erfolgt, sofern die trainierte KI dann auch tatsächlich eingesetzt wird. 

"Wir halten es bei den aktuellen Entwicklungen für absolut notwendig, die Freiheit und Selbstbestimmung der Kunstschaffenden zu fördern und zu verteidigen. So müssen Sprecher*innen frei darüber entscheiden dürfen, ob ihre persönlichen Daten, ihr Instrument, ihre Essenz unwiederbringlich in KI-Software eingespeist werden dürfen oder nicht. Die Arbeitsergebnisse der Sprecher:innen sind untrennbar von ihnen als Person. Eine Einspeisung in KI-Systeme ist keine reguläre Auswertung ihrer Aufnahmen, sondern ermöglicht das Erstellen von Kopien und Deepfakes", heißt es vom Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS). 

Man setze sich dafür ein, dass Sprecherinnen und Sprecher das Recht haben, dies zu tun und dafür vergütet zu werden. Und ebenso für die Möglichkeit, diese Nutzung ihrer persönlichen Daten abzulehnen, ohne negative Konsequenzen für zukünftige Projekte befürchten zu müssen. Der Vorstand des VDS: "Die Abgabe persönlicher Daten als Trainingsmaterial für KI-Systeme darf kein Branchenstandard werden. Wir sind Kunstschaffende, keine Datenquellen. Wer eine Technologie nicht fördern will, darf nicht dazu gezwungen werden. Es gibt viele Versionen der Zukunft und wir haben das Recht, sie mitzugestalten."

Auf Social Media wird das Thema ebenfalls besprochen. In einem vielbeachteten Posting schrieb eine Synchronsprecherin zuletzt auf Blue Sky, dass sich einige Sprecherinnen und Sprecher seit Anfang Januar weigern würden, für Netflix zu arbeiten. "Das hat nun zur Folge, das demnächst Serien und Filme auf Netflix ohne deutsche Synchro erscheinen." Gleichzeitig schrieb sie von "Verhandlungen", die es noch in dieser Woche mit Netflix zum Thema geben solle. 

Synchro-Ausfall? Die Gefahr ist da

Die Gefahr, dass Netflix seinen deutschen Nutzerinnen und Nutzern künftig keine Synchronfassung mehr anbieten kann, ist real. In einem Brief von Netflix an die Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher, der DWDL.de vorliegt, zeigt der Streamingdienst Verständnis für die Ängste der Betroffenen, will aber nicht von den Bestimmungen zurückweichen. "Längere Verzögerungen bei der Unterzeichnung [...] oder anhaltende Boykottaufrufe gefährden die Produktionszeitpläne und Produktionsinvestitionen. Wir könnten gezwungen sein, auf deutsche Untertitel zurückzugreifen, während wir weiterhin Synchronisationen in anderen Sprachen anbieten."

Dies würde, so Netflix in dem Brief weiter, nicht nur das Erlebnis der Abonnenten beeinträchtigen, "sondern könnte auch die lokale Synchronisationsbranche gefährden und letztlich Auswirkungen auf die Arbeitsplätze deutscher Synchronsprecher haben". Gleichzeitig hält der Streamer fest: "Dies ist keineswegs unsere Präferenz, da wir Ihre Arbeit schätzen, und wir hoffen aufrichtig, dass dies nicht notwendig sein wird, da die Kontinuität in der Produktion allen Beteiligten zugute kommt."

Netflix will sprechen, aber nicht verhandeln

Darüber hinaus spricht Netflix von einem "offenen und kontinuierlichen Dialog", den man führen wolle. Mit Veränderungen am Vertragswerk, die die verärgerten Sprecherinnen und Sprecher besänftigen könnten, ist aber eher nicht zu rechnen. Netflix spricht in dem Brief von "Missverständnissen", die im Rahmen der Debatte aufgekommen seien. Das Unternehmen verteidigt noch einmal die getroffenen Regelungen bezüglich des KI-Trainings und hält fest: "Wir glauben, dass diese Bestimmungen Ihnen die Gewissheit geben sollten, dass wir ohne Ihre gesonderte und ausdrückliche Zustimmung keine digitale Nachbildung oder synthetische Stimme verwenden werden, die aus Ihrer Stimme generiert wurde."

Die angeblichen "Verhandlungen", auf die einzelne Sprecherinnen und Sprecher hoffen, sind wohl viel weniger als das. Gegenüber dem BFFS bestätigte Netflix zuletzt, dass man dazu bereit sei, Vertreterinnen und Vertreter des VDS informell zu treffen, um ihnen die KI-Regelungen zu erläutern. Dabei soll es sich aber ausdrücklich nicht um Verhandlungen handeln. Nach Angaben des BFFS rief zuletzt auch der Bundesverband Synchronregie und Dialogbuch (BSD) dazu auf, den Boykott gegen Netflix zu beenden. Man sehe Chancen, mit dem Streamer für die eigenen Mitglieder KI-Schutzregelungen zu erreichen. 

Am Ende geht es vor allem um die Frage: Reichen die 2025 zwischen Netflix und BFFS vereinbarten Regelungen zum Schutz vor Ausbeutung durch KI? Ist im Nachhinein wirklich noch nachvollziehbar, aus welchen Quellen und Ursprüngen die KI Neues erzeugt? Daran würden dann schließlich die eigentliche Vergütung hängen. Das ist vor allem in dem Bereich wichtig, in dem die Stimme das Kapital ist. 

David gegen Goliath

Das Thema könnte zu einer Grundsatzfrage zur Gefräßigkeit von KI werden. Viele Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher wollen nicht auf eine nachgelagerte Klärung vertrauen, verlangen daher vorher eine vertragliche Klärung und keinesfalls einen Blanko-Scheck für Netflix und KI-Engines. Was nachvollziehbar klingt, ist ein Kampf David gegen Goliath, nicht einmal wegen des global tätigen Streamers. Es ist die Frage, inwieweit sich grenzüberschreitende Technik in nationalen Medienmärkten überhaupt regulieren lässt - und Verantwortung für das, was KI kreiert, eingefordert werden kann.

Ein gewichtiges Thema, weit über die Klärung für die Film- und Fernsehbranche hinaus. Doch es gibt nicht nur das Lager der besorgten Skeptiker, auch das der ernüchternden Realisten, so könnte man es nennen. Dort wird die Besorgnis zwar verstanden, aber der Lauf der KI als weitgehend unaufhaltsam akzeptiert - oder gar für sich genutzt. Es entstehen neue Geschäftsmodelle und Perspektiven, deren Nachhaltigkeit man schwer abschätzen kann. DWDL.de berichtete vergangenes Jahr bereits unter viel Aufmerksamkeit von dem Versuch, eine Serie weitgehend von KI ins Deutsche übersetzen zu lassen. Das ging noch schief. Zuletzt gingen außerdem gleich mehrere Produktionsfirmen mit einem KI-Schwerpunkt an den Start. 

Jetzt also der Protest gegen die neue Rechteabtretung von Netflix. Der Ausgang dieses Konflikts ist offen. Die Nutzerinnen und Nutzer könnten die Auswirkungen des Streits aber schon bald erleben. Dann nämlich, wenn es für Serien und Filme keine deutschen Synchronfassungen mehr gibt.