Josh D'Amaro hat sein neues Amt mit hohen Ambitionen angetreten. Der Mann, den sie bei Disney gern "Theme Park Guy" nannten, weil er sich von der Disneyland-Leitung in den Konzernvorstand hochgearbeitet hat, ist seit Mitte März neuer CEO und fängt gleich an, dicke Bretter zu bohren. Als eines seiner ersten Projekte hat er die Entwicklung einer Art Super-App angestoßen, wie Bloomberg Anfang Mai berichtete.

Demnach sei das Ziel, die verschiedenen mobilen Apps des Entertainment-Riesen mit dem Streaming-Dienst Disney+ zu vereinheitlichen und so zur zentralen Anlaufstelle für alles rund um Disney zu machen – einen Ort, an dem Nutzer Parktickets buchen, Fanartikel kaufen, Spiele spielen und Filme ansehen können. Die Pläne befinden sich offenbar noch in einem frühen Stadium, tauchen aber in internen Präsentationsunterlagen als Priorität auf.

Wer die Disney-Historie kennt, weiß um die symbolische und praktische Bedeutung eines solchen Vorhabens. D'Amaro zeigt damit deutlich, dass er traditionelle Silos innerhalb des Konzerns aufbrechen will. Wie strikt das Silo-Denken ist, hat er im langgezogenen Rennen um die Nachfolge von Bob Iger selbst erfahren, als angezweifelt wurde, ob der "Theme Park Guy" denn auch mit Hollywood-Größen könne. Zwischen Streaming, Gaming, Themenparks und Kreuzfahrtschiffen hat Disney im Lauf der Jahre immer mehr Apps auf den Markt gebracht. Pläne, diese zusammenzuführen, kamen in der Vergangenheit nicht recht in Gang. Gegenwärtig arbeitet die Streaming-Sparte des Konzerns daran, Disney+ und Hulu auf einer Plattform zusammenzuführen – angesichts unterschiedlicher Programmrechte und technischer Infrastrukturen kein ganz leichtes Unterfangen.

Tausend Stellen gestrichen

Auf seiner ersten Jahreshauptversammlung als CEO stellte D'Amaro den Aktionären bereits in Aussicht, dass Disney+ sich "über einen traditionellen Streaming-Dienst hinaus weiterentwickeln und zum digitalen Herzstück unseres Unternehmens werden wird – ein Portal, das unsere Geschichten, Erlebnisse, Spiele, Filme und mehr auf völlig neue Weise miteinander verbindet". Eine noch vage Ankündigung, die er in ähnlichen Worten bei der Vorstellung der jüngsten Quartalszahlen wiederholte. Kaum einen Monat nach Amtsantritt hatte D'Amaro allerdings auch unangenehmere Neuigkeiten mitzuteilen. Um "unsere Abläufe zu straffen", kündigte er per Memo an die Mitarbeiter die Streichung von rund tausend Stellen an. Betroffen sind in erster Linie Marketingfunktionen in nahezu allen Konzernsparten. Stattdessen wird eine zentrale Marketingabteilung unter Chief Marketing & Brand Officer Asad Ayaz eingerichtet.

"Angesichts des rasanten Tempos unserer Branchen müssen wir ständig prüfen, wie wir eine agilere und technologisch versierte Belegschaft fördern können, um den Anforderungen von morgen gerecht zu werden", schrieb D'Amaro in dem Memo. Und weiter: "Ich weiß, dass das schwer ist. Diejenigen, die uns verlassen werden, haben hier bedeutungsvolle Arbeit geleistet und liegen uns sehr am Herzen." Mit Ende des vorigen Geschäftsjahrs zählte Disney insgesamt 231.000 Mitarbeiter.

Mindestens ebenso viele Gedanken muss D'Amaro sich momentan über politisch motiviertes Störfeuer machen, das voriges Jahr in ähnlicher Form schon Iger auf Trab gehalten hatte. Im Mittelpunkt steht wieder einmal Late-Night-Star Jimmy Kimmel. Diesmal hat die US-Medienaufsicht FCC für die Rundfunklizenzen der lokalen TV-Sender, die zum Disney-Network ABC gehören, eine vorzeitige Überprüfung angeordnet. Der Schritt erfolgte, kurz nachdem Präsident Donald Trump und First Lady Melania Trump Kimmels Entlassung wegen eines Gags in dessen Show gefordert hatten. "Frau Trump, Sie strahlen wie eine werdende Witwe", hatte Kimmel in der Ausgabe vom 23. April gewitzelt – zwei Tage vor dem White House Corresponents' Dinner, bei dem dann Schüsse eines mutmaßlichen Attentäters fielen.

Disney lässt sich nicht einschüchtern

Selbst wenn man den Ausspruch für nicht ganz geschmackssicher halten mag, ist die Konsequenz des Trump-treuen FCC-Vorsitzenden Brendan Carr beispiellos und soll wohl Druck auf ABC sowie dessen Mutterkonzern Disney ausüben. Offiziell gibt die Behörde an, sie müsse untersuchen, ob die Sender gegen den sogenannten "Public Interest Standard" verstoßen haben, eine FCC-Vorschrift, die "rechtswidrige Diskriminierung" im Zusammenhang mit Vielfalts- und Inklusionsrichtlinien verhindern sollen. Das landesweite TV-Programm von ABC wird terrestrisch über rund 240 lokale Sender ausgestrahlt, von denen ABC selbst nur acht besitzt. Diese Sender müssen alle acht Jahre eine Lizenzverlängerung beantragen. Die nächste reguläre Überprüfung wäre zwischen 2028 und 2031 fällig gewesen.

Sollte Carr tatsächlich versuchen, den ABC-Sendern Lizenzen zu entziehen, würde er wohl auf erheblichen juristischen Widerstand stoßen. Doch allein die Einleitung einer solchen Untersuchung kann ja schon für genügend Ablenkung sorgen. Anders als im Vorjahr, als Disney Kimmels Show auf Druck lokaler Sender für einige Tage aus dem Programm genommen hatte (DWDL.de berichtete), sieht es diesmal nicht danach aus, als würde man sich einschüchtern lassen. Ein Unternehmenssprecher erklärte, man sei "zuversichtlich, weiterhin die Voraussetzungen als Lizenznehmer gemäß Communications Act und First Amendment" zu erfüllen, und bereit, dies "auf dem geeigneten Rechtsweg" nachzuweisen. Kimmel kommentierte derweil in eigener Sache, Trumps Mission, ihn zum Schweigen zu bringen, ziele in Wahrheit darauf ab, von den "Trump-Epstein-Akten" und dem "illegalen Krieg, den er im Iran begonnen hat", abzulenken.

Zu D'Amaros wichtigsten strategischen Entscheidungen der ersten Wochen zählt laut einem "Business Insider"-Bericht das langfristige Bekenntnis zu ESPN. Die Frage, ob der Sportsender als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert werden sollte, schwebte seit Jahren über Disney, weil Investoren und Analysten immer wieder argumentierten, das rückläufige Kabel-TV-Geschäft beeinträchtige den Wert des Gesamtkonzerns. D'Amaro hat sich nun offenbar gegen eine Abspaltung entschieden. Stattdessen soll ESPN Teil des breiten Markenportfolios bleiben und verstärkt im Streaming mit seinen Pfunden wuchern. Voriges Jahr hatte Disney zehn Prozent der ESPN-Anteile an die Football-Liga NFL verkauft. Solche Minderheitsbeteiligungen wären für D'Amaro dem Vernehmen nach auch mit weiteren Partnern denkbar.

Unterdessen bleibt Disneys neuer CEO tief im Herzen wohl noch lange ein "Theme Park Guy". Im Gespräch mit Fan-Bloggern erzählte er kurz nach seiner Ernennung, dass er gelegentlich inkognito und unangemeldet durchs Disneyland spaziere. "Das treibt das Sicherheitsteam in den Wahnsinn", so D'Amaro, "aber es ist die einzige Möglichkeit, einfach man selbst zu sein und ohne Gefolge herumzulaufen."

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