Kurz nachdem Ted Sarandos Ende Februar den Bieterkampf um Warner Bros. Discovery verlassen hatte, gab er sich betont unaufgeregt: "Ich bin zufrieden mit unserem Einstieg und zufrieden mit unserem Ausstieg", sagte der Netflix-Co-CEO in einem Bloomberg-Interview. Dass er das bereits sicher geglaubte Übernahmeobjekt nun doch an Paramount verloren hatte, schien weder ihn selbst noch die Finanzmärkte allzu sehr zu stören.

Immerhin hatte der Streaming-Platzhirsch plötzlich 2,8 Milliarden Dollar mehr Cash in der Tasche – die mit WBD vereinbarte Vertragsstrafe für den Fall eines Rückzugs – und konnte sich endlich wieder über steigende Kurse freuen. Ob Netflix also der wahre Gewinner der vordergründig verlorenen Schlacht ist, wie etliche Branchenbeobachter befanden, muss sich noch zeigen. Durch den Rückzug blieb Sarandos zwar ein komplexer Prüfprozess durch staatliche Kontrollbehörden in letzter Minute erspart. Dennoch war schon zuvor, als noch beide Angebote auf dem Tisch lagen, ein unübersehbares Schlaglicht auf die Finanzkraft und Marktmacht seines Hauses gefallen.

Und das hat nun Folgen: Wie in den letzten Apriltagen bekannt wurde, haben sich mehrere US-Gewerkschaften, darunter die Writers Guild, und mehrere Verbraucherschutzgruppen wie das Center for Digital Democracy oder das Tech Oversight Project zusammengetan und einen Brief an die US-Wettbewerbsbehörde FTC sowie die Kartellabteilung des Justizministeriums geschrieben. Darin fordern sie, gegen Netflix wegen möglicher Verstöße gegen das Kartellrecht zu ermitteln. Die Behörden sollen prüfen, ob der Streamer seine marktbeherrschende Stellung nutze, um "dem Wettbewerb, den Kreativen und den Verbrauchern zu schaden", zitierte das US-Portal "Axios" aus dem Schreiben. 

Sei dies tatsächlich der Fall, fordern die Unterzeichner "geeignete Maßnahmen, um gegen ein solches Verhalten vorzugehen". Ihre Argumentation geht so: Allein die schiere Größe von Netflix könne "bedeutende Eintritts- und Expansionsbarrieren für aktuelle und potenzielle Wettbewerber" zur Folge haben, während die Plattform sich gleichzeitig als "entscheidender Gatekeeper zwischen Kreative und Publikum" schiebe. Eine solche Macht könne es ermöglichen, "gleichzeitig in vielen Märkten die Bedingungen zu diktieren". Weder Netflix selbst noch die angerufenen Behörden haben sich bisher dazu geäußert.

Kurs-Kosmetik durch neues Rückkaufprogramm

Unbestritten ist, dass Netflix seinen finanziellen Spielraum ohne die Transaktion kräftig ausgeweitet hat. Den nutzt das Unternehmen unter anderem für einen Rückkauf eigener Aktien im Wert von bis zu 25 Milliarden Dollar. Das Rückkaufprogramm wurde beschlossen, nachdem die jüngsten Quartalszahlen Mitte April mit verhaltenen Prognosen abermals für einen Kurseinbruch gesorgt hatten. Aus dem letzten Rückkaufprogramm vom Dezember 2024 stehen derzeit noch etwa 6,8 Milliarden Dollar zur Verfügung. Im März kaufte Netflix 13,5 Millionen eigene Aktien für rund 1,3 Milliarden Dollar zurück.

Freilich investiert der Streaming-Riese nicht bloß in seine Kursstützung. Ein weitaus kleinerer Deal als die gescheiterte WBD-Übernahme, der jedoch einiges an Zukunftspotenzial verspricht, ging im März über die Bühne: Für einen Kaufpreis von bis zu 600 Millionen Dollar hat Netflix die Firma InterPositive übernommen, ein von Hollywood-Star Ben Affleck mitgegründetes KI-Produktionshaus. Der bar gezahlte Preis lag niedriger, doch die bisherigen Eigentümer bekommen in den nächsten Jahren noch Nachschläge, wenn bestimmte Leistungsziele erreicht werden. Der Deal ist nicht nur einer der größten, die Netflix je getätigt hat, sondern auch eine der bislang größten KI-Akquisitionen eines Hollywood-Studios.

Das Start-up hat eine Reihe von Tools entwickelt, mit denen Filmemacher bereits gedrehtes Material nachträglich verändern können. David Fincher hat die Produkte von InterPositive etwa für einen kommenden Film mit Brad Pitt in der Hauptrolle genutzt. Die Software trainiert weder ohne Erlaubnis mit bestehenden Filmen noch generiert sie neue Projekte ohne den Ausgangsfilm. Vielmehr setzt sie am fertigen Material an und entfernt störende Objekte aus dem Bild oder passt den Hintergrund bestimmter Szenen an. Affleck und seine Partner hatten die Technologie mehrere Jahre im Geheimen mit Unterstützung des Finanzinvestors RedBird entwickelt und erst 2025 Gespräche mit potenziellen strategischen Investoren aufgenommen.

Netflix will eigenes Studiogelände in LA

Ende April wurde zudem bekannt, dass Netflix sich in Kaufverhandlungen um das Radford Studio Center, ein historisches Studiogelände in Studio City, befindet. Laut Bloomberg steht ein Kaufpreis von unter 600.000 Dollar im Raum – deutlich weniger als jene 1,85 Milliarden, die der bisherige Eigentümer Hackman Capital Partners 2021 für den Komplex bezahlt hatte. Hackman war mit Milliardenschulden in Verzug geraten, weshalb die Kreditgeber unter Führung von Goldman Sachs voriges Jahr eine Zwangsvollstreckung vornahmen. Das einstige Stummfilmstudio war Schauplatz etlicher TV-Serien wie "Seinfeld", "Gunsmoke" oder "Gilligan's Island". 

Netflix hat schon länger vor, seine verschiedenen Standorte in Los Angeles auf einem Gelände zu bündeln. Der Wert von Studioimmobilien ist stark eingebrochen, seit das Produktionsvolumen infolge der Hollywood-Streiks von 2023 gesunken und die Zinslast gestiegen ist. Laut FilmLA waren die lokalen Studios im vergangenen Jahr nur zu 62 Prozent ausgelastet. Netflix, das Immobilien in der Vergangenheit eher gemietet als gekauft hat, nutzt die Gunst der Stunde. In New Jersey lässt der Streamer derzeit einen eigenen Studiokomplex im Wert von rund einer Milliarde Dollar bauen.

Last but not least profitieren auch die Inhalte von dem unerwarteten Geldregen. Im laufenden Jahr veranschlagt Co-CEO Sarandos etwa 20 Milliarden Dollar für seine Content-Spendings – eine deutliche Steigerung gegenüber den 18 Milliarden im vorigen Jahr und den 16,2 Milliarden von 2024. Allein in den vergangenen acht Wochen hat Netflix die Maya-Hawke-Produktion "The God of the Woods", die Miniserie "Enigma Variations" mit Aaron Taylor-Johnson, das kanadische Drama "This Summer Will Be Different", die Rom-Com "Uncorked" von Darren Star, eine Fortsetzung von "K-Pop Demon Hunters", ein Reboot von "13 Going on 30" und den Chris-Pine-Überlebensfilm "Yeti" angekündigt.

In Hollywood ist schon von einem wahren Kaufrausch die Rede. Manche glauben, Netflix rüste sich für seinen ersten ernst zu nehmenden Herausforderer, die künftige Einheit von Paramount und WBD. Im Visier sind dabei sowohl prestigeträchtige Filme und Miniserien mit Oscar- und Emmy-Potenzial als auch kostengünstigere Mainstream-Produktionen. Wider Erwarten könnten auch Kinoauswertungen eine größere Rolle spielen – obwohl man das Filmstudio Warner Bros. gar nicht erworben hat. Die von Greta Gerwig inszenierte Abenteuerverfilmung "Narnia: The Magician's Nephew" mit Daniel Craig und Meryl Streep kommt am 12. Februar 2027 weltweit in die Kinos – und erst am 2. April auf die Plattform. 

Ursprünglich hatte Netflix geplant, den Film dieses Jahr zu Thanksgiving ins Kino zu bringen und nur zwei Wochen später mit der Streaming-Auswertung zu beginnen. Netflix hatte die Filmrechte an den "Narnia"-Romanen von C.S. Lewis 2018 gekauft und steckt mindestens 175 Millionen Dollar in Gerwigs Film, der den Auftakt einer Reihe bilden soll. Auf der jüngsten CinemaCon in Las Vegas hatte Sarandos sich Mitte April mehreren Medienberichten zufolge mit den Chefs der größten Kinoketten getroffen. Demnach ging es um die Möglichkeit, mehr Netflix-Filme als bisher in die Kinos zu bringen, und zwar nicht nur für verkürzte Laufzeiten. Zwar wurden keine konkreten Pläne geschmiedet, doch die Stimmung wurde von Teilnehmern in der US-Fachpresse als "hoffnungsvoll" beschrieben.