Berlin hat das Borchardt, Köln das La Fonda - gehobene Gastronomie mit konstant guter Qualität, bei der man jedoch eher von den Begegnungen vor Ort überrascht wird als von wechselnden Speisekarten oder kulinarische Moden. Keine Adresse für vertrauliche Treffen. Gesehen werden ist Teil des Spiels. Und gesehen wurde an einem warmen Sommerabend: Clément Schwebig, der neue CEO der RTL Group.

An sich irrelevant, ist es die Reaktion, die seine Sichtung an einem Tisch mit Kölner Medienmanagern nur wenige Meter entfernt auslöst: „Den gibt’s jetzt ja auch noch“.  Nicht despektierlich gemeint, eher neugierig. Denn in den ersten Monaten seit seinem Antritt Anfang Mai blieb Schwebig erst einmal im Hintergrund: Glänzen sollte die Sky-Übernahme, das aktuelle Großvorhaben der wichtigsten Tochter RTL Deutschland unter Führung deren CEO Stephan Schmitter.

Der hat mit Clément Schwebig, Jahrgang 1977, seit Mai einen CEO mehr zwischen sich und der Bertelsmann-Führung. Aufgaben, die zuletzt in Personalunion bei Thomas Rabe lagen, sind künftig wieder getrennt: Schwebig bei der RTL Group und Thomas Coesfeld als designierter Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann. Wenn nach der großen RTL/Sky-Euphorie wieder Alltag einkehrt, wird es maßgeblich sein, wie gut Schwebig und Schmitter miteinander auskommen.

Wieder eine Führungskraft mehr bei Bertelsmann

Einst wäre das eine räumlich getrennte Achse Köln - Luxembourg gewesen. Doch längst sitzt die Führung der RTL Group offiziell unter dem gleichen Dach wie RTL Deutschland - am rechten Rheinufer in Köln. Eine Entscheidung von Thomas Rabe. Manche sagen, um seine aus der Not heraus nicht ganz freiwillig übernommenen Zusatzjobs bei RTL Group und RTL Deutschland besser mit Bertelsmann in Gütersloh unter einen Hut zu bringen.

Nun also ist Schwebig an Bord bei einer RTL Group, die durch Verkäufe unter Thomas Rabe strategisch geschrumpft wurde. In Frankreich würde man weiterhin gerne M6 verkaufen, wenn man nur dürfte. Die Hoffnung, das Vorhaben doch noch durchsetzen zu können, hat der noch amtierende Bertelsmann-CEO Rabe offenbar nicht aufgegeben. Die Neubewertung der internationalen Wettbewerbssituation beim RTL/Sky-Deal nährt dem Vernehmen nach die Hoffnung für einen neuen Anlauf bei M6.

Umso mehr stellt sich die Frage: Welche Akzente will eigentlich Clément Schwebig setzen? Welche Strategie verfolgt er bei Bertelsmanns TV-Tochter? Die Antworten darauf dürfte es nicht allzu schnell geben, denn vorerst schwebt noch Rabe über Schwebig: Bis zum Führungswechsel bei Bertelsmann - und einer Abstimmung mit Thomas Coesfeld -  wäre jede Kursänderung der RTL Group heikel bis unmöglich. Allerdings bietet sich in naher Zukunft eine interessante Option für die Produktionstochter Fremantle, u.a. Mutter der deutschen UFA.

Die angekündigte Übernahme der Sendergruppe ITV durch Sky in Großbritannien umfasst ausdrücklich nicht das Produktionsgeschäft von ITV Studios - und hat unmittelbar für Spekulationen über die Zukunft der Produktionsfirma gesorgt. Die gab es angesichts der Konsolidierungen im Markt ohnehin schon - und bekommen jetzt neuen Zündstoff, denn beide Häuser - ITV Studios und Fremantle - brauchen neue Perspektiven. Und in einem sich konsolidierenden Markt wird Größe zum Kriterium für sich.

Fremantle-Zukunft: Go Big or Go Home?

Noch vor wenigen Jahren identifizierte die RTL Group bei Fremantle große Wachstumspotentiale. Die Erzählung: Der Produktionsgeschäft könne die Herausforderungen im TV-Werbemarkt ausgleichen. Doch Fremantle hat bislang weniger Umsatz mit den globalen Streamern gemacht als man es sich nach DWDL.de-Informationen bei der RTL Group erhofft hatte. Zunächst weil Fremantle traditionell stärker in der non-fiktionalen Unterhaltung aufgestellt ist, doch auch mit dem Genre-Schwenk einiger Streamingdienste profitierte man nicht wie erwartet.

Auf Anfrage erklärt die RTL Group zu einem möglichen Interesse an ITV Studios das, was man auch schon im vergangenen Jahr erklärte: „Bei großen Fusionen im Bereich der Content-Produktion sehen wir nur begrenzte Skaleneffekte – sie sind sehr komplex und bringen keine hohen Synergien mit sich. Daher werden wir uns bei Fremantle weiterhin auf Akquisitionen von kleinen und mittelgroßen Produktionsfirmen konzentrieren – und mit diesen Übernahmen unsere Präsenz in attraktiven Regionen und Genres weiter ausbauen.“

Doch die Rahmenbedingungen ändern sich: Zum Einen ist es der Kurs des scheidenden Thomas Rabe, zum Anderen werden maßgebliche, größere Übernahmen angesichts der Konsolidierung im Markt von einer Frage der Angriffslust zu einer Frage der Verteidigungsnotwendigkeit. Da wird dann die sonst gesuchte Komplementarität weniger wichtig als ein gemeinsamer Fokus, der Integration und Synergien erleichtert. 

ITV Studios und Fremantle sind sich in der Positionierung alles andere als fremd. Beide Häuser sind durch ihre Anbindung an eine Sendergruppe gewachsen, kennen gerade diese Kundschaft und ihre Herausforderungen gut; sind im klassischen Formatgeschäft groß. Waren aber schon mal größer: Der aggressive Expansionskurs von Banijay, zuletzt durch die Fusion mit All3Media, hat unter den europäischen Produktionshäusern die Kräfte verschoben. 

Auch das wäre Anlass genug für eine Revision der Position der RTL Group gegenüber Akquisitionen dieser Größe. Nach aktuellen Auswertungen der Marktforscher von TheWit, präsentiert im Mai bei der spanischen Branchenkonferenz Conecta auf Mallorca, kommt Banijay im Distributionsgeschäft in der Saison 2025/26 auf einen Marktanteil von 16,3 Prozent unter allen neuen Format-Adaptionen im internationalen TV- und Streamingmarkt. Fremantle folgt auf Platz 2 mit 7,8 und ITV Studios auf Platz 3 mit 7,0 Prozent. 

Status Quo verwalten ist keine Option

Zusammen würden sie aufschließen zu Banijay, die allerdings durch die All3Media-Integration (6,1 Prozent) ihren Vorsprung gerade ausgebaut haben. Es läuft auf die Grundsatzfrage hinaus: Wie will Clément Schwebig die RTL Group führen? Schwer vorstellbar, dass er den Status Quo verwalten will. In Deutschland, so hofft man den Flur hinunter sicherlich, lässt er die gerade neu aufgestellte Crew bei RTL Deutschland ihre Arbeit machen. 

In Frankreich hofft sein Vorgänger bei der RTL Group und Noch-Bertelsmann-CEO Thomas Rabe eigentlich immer noch auf Vollendung seiner Strategie. Vielleicht erliegt ja MFE der Versuchung, sich M6 einzuverleiben? Andererseits hat Schwebig vielleicht persönlich mehr Interesse am - und Vorstellungsvermögen für - den französischen Markt als sein Vorgänger. 

Mitte August ist Clément Schwebig 100 Tage im Amt. Das neue RTL Deutschland mit integriertem Sky ist dann erst einmal auf die Straße gebracht. Und die Profitabilität im Streaming, das wichtigste Vorhaben der RTL Group für 2026, konnte Alt-CEO Thomas Rabe schon im 1. Quartal vermelden. Die Frage bleibt: Wo wird Schwebig Akzente setzen? Oder etwas klarer formuliert: Wie liefert die RTL Group ihren Aktionären neue Fantasien?