WDR-Intendantin Katrin Vernau treibt den Umbau des öffentlich-rechtlichen Senders massiv voran. Am Freitag hat die Geschäftsleitung des öffentlich-rechtlichen Senders nun "weitreichende Maßnahmen" angekündigt, die ergriffen werden sollen, "um den Sender besser für die Zukunft aufzustellen und noch mehr Menschen zu erreichen, insbesondere über die digitalen Ausspielwege". Dafür will der WDR unter anderem sein Angebot fokussieren und Ressourcen stärker ins Digitale. Zudem kündigte der Sender an, Strukturen in Programm, Produktion und Technik sowie Verwaltung neu ausrichten und Personalkosten reduzieren zu wollen

"Die Mediennutzung verändert sich rasant, unsere Finanzierung ist ungewiss, unsere Kosten steigen", sagte Vernau. "Gleichzeitig benötigen wir mehr Mittel für digitale Angebote - während derzeit noch gut drei Viertel unserer Ressourcen im klassischen linearen Programm gebunden sind. Deshalb müssen wir jetzt handeln und Tempo machen. Unser Ziel: Wir wollen die digitale Heimat aller Menschen im Westen sein."

Im WDR sieht man auch deshalb einen steigenden Handlungsbedarf, weil nach einer aktuellen Prognose der Zeitpunkt unmittelbar bevorsteht, zu dem die Nutzung von nonlinearen Video-Inhalten erstmals höher sein wird als die lineare Nutzung. Der sogenannte Kipppunkt in der Mediennutzung komme daher früher als bisher angenommen - mit der Folge, dass der WDR immer weniger Menschen über seine linearen Angebote erreiche. "Unsere Reichweite sinkt zwar, aber gleichzeitig halten uns die Menschen laut der ARD-Akzeptanzstudie für wichtig – und für immer wichtiger. Denn diese Werte steigen. Und das auch bei den Jüngeren: 78 Prozent der 14- bis 29-Jährigen finden uns 'wichtig für die Gesellschaft'. Das ist ein Zuwachs von zehn Prozentpunkten in drei Jahren. Für mich zeigt das deutlich: Die Menschen wollen einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Demokratie und Gesellschaft stärkt und schützt", so Vernau. Die Menschen würden zunehmend den Wert von glaubwürdiger Information sehen, von respektvollem Austausch, von Inhalten, die unterhalten, bilden, positive Emotion und Gemeinschaftsgefühl erzeugen: "Aber wir müssen die Menschen mit unseren Inhalten besser erreichen, und dafür müssen wir uns im Digitalen noch besser aufstellen."

Nachdem der WDR bereits im Frühjahr angekündigt hat, sein Programmportfolio deutlich verkleinern zu wollen, beginnt der Sender nun mit der Umsetzung. In einem ersten Schritt will man sich von 76 Angeboten trennen. Wie am Freitag bekannt wurde, handle es sich dabei um lineare und auch digitale Angebote, "die ihre Zielgruppe nicht gut genug erreichen oder die nicht zu den strategischen Schwerpunkten des WDR gehören". Zu den Angeboten, die wegfallen, zählen etwa das Magazin "frau tv", dessen Aus bereits vor einigen Wochen bekannt geworden war (DWDL.de berichtete), aber auch die WDR-4-Sendung "Satire am Sonntag" sowie verschiedene Begleitangebote im Web. Einige Angebote, darunter "Erlebnis Erde", sollen komplett ins Digitale verlagert werden, während die Ausstrahlung im WDR Fernsehen entfällt. Auch digitale Angebote wie "Studio M", "Lisas Paarschitt" und "Doc Esser" - hier sind Podcast, Website und Facebook gemeint - werden beendet. Die Entscheidung, welche Angebote im nächsten Schritt eingestellt werden, will der WDR im kommenden Frühjahr treffen. Konkret will der WDR mit dem angepassten Programmportfolio unter anderem "Doppelungen im ARD-Angebot vermeiden, mit Dokus die ARD Mediathek stärken und sich im Linearen auf die Primetime konzentrieren", wie es heißt. 

Motsi & Oti. Meet the Mabuses © WDR/HR/ITV Studios Germany Neues Format: "Motsi & Oti - Meet the Mabuses"
Bereits bekannt war, dass der WDR sein Programmportfolio von heute etwa 600 auf 300 Angebote im Jahr 2030 reduzieren will, während im Gegenzug aber auch bis zu 100 Angebote neu entwickelt werden. Mit diesen Formaten wolle man besonders jene Menschen erreichen, die die bisherigen WDR-Angebote nur wenig nutzen. In seiner Mitteilung verwies der WDR am Freitag etwa auf "Deutschland, ich küss' dein Herz" mit Tahsim Durgun, "Draußenpolitik" mit Louis Klamroth und die Dokusoap "Motsi & Oti - Meet the Mabuses". Geplant seien darüber hinaus unter anderem ein Geschichtspodcast und neue digitale Auslandsangebote. Daneben will der WDR auch seine regionale Berichterstattung ausbauen. Regionale Inhalte sollen dabei jedoch "prioritär für Web, App und Social Media konzipiert, produziert und veröffentlicht" werden, hieß es. Themen, Ressourcen und Produktionsprozesse in der Region sollen noch stärker darauf ausgerichtet werden - etwa das Angebot im Regionalsport auf WDR.de und in der WDR-App. 

Hinter dem Umbau steht neben dem veränderten Nutzungsverhalten aber auch finanzieller Druck - mit Auswirkungen auf das Personal. So kündigte der WDR am Freitag an, "angesichts des real sinkenden Etats bei nominal derzeit konstantem Beitragsaufkommen" auch die Personalkosten senken zu wollen. Konkret soll jede dritte durch Verrentung freiwerdende Stelle bis 2030 nicht neu besetzt werden. Auch Beauftragungen freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen nach Angaben des Senders weniger werden. "Die Veränderungsprozesse werden durch eine bedarfsgerechte Personalentwicklung so begleitet, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den digitalen Wandel mit vorantreiben können", teilte der WDR mit und verwies auf "entsprechende Mittel für Qualifizierungsmaßnahmen", die zur Verfügung gestellt werden sollen.

Kritik von ver.di: "Keine gute Managementkultur"

Kritik kam umgehend von der Gewerkschaft ver.di, die eine "Schwächung des Medienstandorts NRW" befürchtet. "Die Pläne des WDR zeigen, dass auch im bevölkerungsreichsten Bundesland und der größten Landesrundfunkanstalt Programmvielfalt und Personal abgebaut wird. Eine Rundfunkpolitik, die von den Bundesländern verantwortet wird, spart die Sender kaputt und führt damit auch zu weniger Sendungen für die Breite der Gesellschaft",  sagte Christoph Schmitz-Dethlefsen, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand und dort für Medien zuständig. "Damit gefährden die Bundesländer für das von der Haushaltsabgabe finanzierte Programm die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger, während diese für private Medien ständig steigende Abo-Preise erleben." Gleichzeitig sei jedoch "nicht nachvollziehbar", dass der WDR bisher "nicht offen in Rundfunkrat und bei den Beschäftigten mit diesen Plänen umgegangen ist, nun aber schon konkrete Zahlen und Stellenabbau vorgibt, was keine gute Managementkultur der Intendantin Katrin Vernau in einem von der Gesamtgesellschaft getragenen Sender ist."

Der WDR kündigte unterdessen an, bis zum Jahr 2030 rund 20 Prozent der Stellen "aus klassischen Produktionsbereichen in technologieorientierte Aufgabenfelder zu verlagern". Ziel sei es auch hier, "digitale Angebote weiter auszubauen und ihre Auffindbarkeit für die Nutzenden in der digitalen Welt zu verbessern". Gleichzeitig will der WDR in der Eigenproduktion gezielt Schwerpunkte setzen und etwa im Bereich Doku und Unterhaltung noch stärker auf externe Produktionsfirmen und Dienstleister setzen. Mittelfristig will man außerdem die Anzahl der Regien und Studioflächen im WDR reduzieren. Schon bis Ende 2028 reduziert der WDR eigenen Angaben zufolge auch seine genutzten Büro- und Produktionsflächen um rund 100.000 Quadratmeter gegenüber 2017. Vergleichbare Verwaltungsleistungen würden zudem innerhalb der ARD arbeitsteilig organisiert, Prozesse automatisiert und standardisiert, wodurch der WDR 20 Prozent des bisherigen Aufwands bis 2036 einsparen will.