Es gibt Sätze, die im Rückblick ein anderes Gewicht bekommen. Bei Iris Bettray ist es ein Satz, der so sehr nach ihr klingt, dass er fast wie eine Überschrift über ihrem Leben stehen könnte. Auf die Frage, ob sie noch einmal eine Firma gründen würde, antwortete die Unternehmerin und TV-Produzentin in der DWDL-Nahaufnahme Anfang 2025 ohne Zögern: „Ja, unbedingt!“ Und gleich hinterher kam der Aufruf an andere: Traut euch!
Am vergangenen Montag, den 5. Oktober 2026, ist Iris Bettray im Alter von nur 63 Jahren verstorben. Die traurige Nachricht veröffentlichte die von ihr zusammen mit Jutta Pinzler gegründete Produktionsfirma sagamedia auf LinkedIn. Darin heißt es: „Aus einer mutigen Idee ist ein Unternehmen entstanden, das für viele von uns viel mehr ist als ein Arbeitsplatz. Es ist ein Stück Zuhause – ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Geschichten erzählen, Ideen entwickeln, lachen, streiten und gemeinsam etwas bewegen. Und genau dafür stand Iris." Das kann jeder bestätigen, der sie kennenlernen durfte.
Etwa bei zwei gemeinsamen Jahren in der Jury des Deutschen Fernsehpreises. Dort habe ich den Mensch hinter dem Namen, über den wir zuvor schon so oft berichtet haben, besser kennengelernt. Und wer Iris Bettray begegnete, bekam sehr schnell eine Ahnung davon, woher dieses „Unbedingt“ in ihre Antwort kam als meine Kollegin Senta Krasser sie nach dem Mut zum Gründen fragte.
Es war keine unbekümmerte Sorglosigkeit. Iris wusste sehr genau, wie hart dieses Geschäft sein konnte. Dabei begann ihre TV-Karriere in den erfolgsverwöhnten 90er Jahren. Bei Sat.1, später RTL, aber auch schon auf Produktionsseite, lernte Bettray nach Studium der Germanistik, Geschichte und Politik das Fernsehhandwerk. Später ging es zu AZ Media. Und dann der große Sprung, der sie in ungeahntem Maße Auftragsdellen, Existenzängste, lange Arbeitstage und die Verantwortung für andere lehrte.
Aber sie besaß diese seltene Fähigkeit, Schwierigkeiten anzusehen, ohne ihnen die Deutungshoheit zu überlassen. Im Jahr 2005 gründete sie gemeinsam mit Jutta Pinzler sagamedia. Der Notartermin ging damals so schnell über die Bühne, dass Bettray sich wunderte, wie leicht es war, eine Firma zu gründen. Was danach kam, war deutlich schwerer. Anfangs verdienten die beiden praktisch nichts, es gab nur einen einzigen Auftrag: eine Reportage für „37 Grad“. Gleichzeitig waren da zwei kleine Kinder und die Zweifel einer berufstätigen Mutter: Kann das alles funktionieren? Es funktionierte.
Nicht von allein, sondern weil Bettray und Pinzler etwas daraus machten. Weitere Aufträge kamen, die Firma wuchs, und aus dem Wagnis wurde über zwei Jahrzehnte ein unabhängiges Produktionshaus. Bettray kümmerte sich um Reportagen, Doku-Soaps und Factual Entertainment, später gründete sie für das RTL-Magazin „Life!“ mit Sagafilmworks noch eine zweite Firma. Dabei blieb sie, was ihr wichtig war: Journalistin. Management bedeutete für sie nie, den Kontakt zu den Geschichten und den Menschen zu verlieren. Vielleicht erklärt das auch, warum ihre Kolleginnen und Kollegen heute schreiben, Iris habe sagamedia nicht nur mitgegründet, „sondern dem Unternehmen eine Haltung gegeben“.
Von Neugier, journalistischer Verantwortung und Menschlichkeit schreiben ihre Kolleginnen und Kollegen im Nachruf. Und man versteht beim Blick auf Bettrays Leben, wie konkret diese Begriffe für sie waren. Bettray glaubte an die gesellschaftliche Kraft des dokumentarischen Fernsehens. Gerade weil die Welt verrückt sei und Menschen Orientierung suchten, hielt sie diese Form des Erzählens für so relevant. Und das nicht nur im Speziellen, auch im Alltäglichen. Sie wollte Vergangenheit verständlich machen und Zukunft nicht fürchten, sondern begrüßen.
Das war ihr journalistisches Profil– und zugleich eine ziemlich genaue Beschreibung ihrer eigenen Art, durchs Leben zu gehen. "Es gab noch nie, nie, nie diesen Moment, wo ich dachte, jetzt gebe ich auf“, sagte Iris Bettray im Februar vergangenen Jahres im Gespräch mit Senta Krasser für die DWDL-Nahaufnahme. Natürlich sei auch sie schon mal genervt. "Aber nein, never ever." Ihre bayerische Großmutter sagte immer: "Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben." Das sei zu ihrem eigenen Lebensmotto geworden.
Ein Leben, das trotz Furchtlosigkeit am 5. Oktober im Alter von nur 63 Jahren ein zu frühes Ende fand. Wer bei sagamedia und weit darüber hinaus Abschied von ihr nimmt, erinnert sich an ihr Lachen, ihre Direktheit und ihren Humor, an ihre Leidenschaft für Menschen und gute Gespräche. Dazu gerne ein Gläschen Wein - um auch bei schwierigen Themen das Beste daraus zu machen. Eine Haltung, die auch in den Geschichten aus ihrem Leben immer wieder aufblitzt.
Etwa wenn Bettray davon erzählte, wie sie und Jutta Pinzler schon den ersten Geburtstag ihrer jungen Firma mit einer großen Karaoke-Party über den Dächern Kölns feierten. Die Logik damals: "Sollten wir nächstes Jahr pleite sein, dann kommt das so oder so, dann ist es doch egal, ob wir eine Party machen oder nicht." Zwanzig Jahre später, im Frühjahr 2025, steckte die Branche wieder mal in einer Krise. Und wieder feierte Bettray mit ihrer sagamedia - im Alten Wartesaal am Kölner Hauptbahnhof, mit kölschem Buffet und Björn Heuser. Während andere vielleicht fragten, ob Feiern in solchen Zeiten angebracht sei, lautete ihre Antwort wieder: gerade jetzt.
Iris Bettray hat das Leben nie auf später verschoben. Ihre Energie holte sie sich unter anderem in den Bergen. Jahr für Jahr fuhr sie zum Heilfasten nach Garmisch, warf Ballast ab und tankte Kraft für das nächste Jahr. Die Berge waren ihr zweites Wohlfühlhabitat. Zugleich war sie gläubige Katholikin und pilgerte mehrfach mit den Maltesern nach Lourdes. In ihr passte vieles zusammen, was anderswo wie ein Gegensatz wirken mag: Bodenständigkeit und Wagemut, Zahlenverständnis und Erzählleidenschaft, Glaube und Tatkraft, unternehmerische Entschlossenheit und Zugewandtheit.
Sie wusste zudem, dass ihr eigener Weg nicht selbstverständlich war. Zweimal Mutter zu werden hatte ihren beruflichen Aufstieg nicht verhindert – und genau deshalb ärgerte es sie, wenn jungen Frauen noch immer andere Botschaften vermittelt wurden. Frauen, fand sie, stellten ihr Licht zu oft unter den Scheffel. Ihr Gegenentwurf war kein theoretisches Empowerment. Sie lebte ihn vor: Verantwortung übernehmen. Sich vorbereiten. Die Zahlen kennen. Und dann den Mut haben.
Nun ist Iris Bettray gestorben. Und plötzlich wirken diese Geschichten nicht mehr wie Anekdoten aus einem Unternehmerinnenleben. Sie erzählen davon, was ein Mensch hinterlässt. Bei sagamedia formulieren sie es so: Künftig werde es Momente geben, in denen man sich fragt, was Iris jetzt gesagt hätte. Wahrscheinlich liege darin tatsächlich eine besondere Form des Weiterlebens. Wenn eine Stimme so vertraut geworden ist, dass man ihre Antwort noch hört. Wenn eine Haltung Entscheidungen weiter prägt. Wenn Mut ansteckend war und bleibt.
Iris Bettray hätte gerne noch mehr Zeit gehabt. Und viele, die sie kennenlernen durften ebenso. Es kann ein Trost sein, dass viel von ihr bleibt: eine Firma, die seit mehr als zwei Jahrzehnten Geschichten von Menschen erzählt. Kolleginnen und Kollegen, die sagamedia auch wegen ihr als ein Stück Zuhause beschreiben. Und die Erinnerung an eine Frau, die selbst in schwierigen Zeiten nicht zuerst fragte, was alles schiefgehen könnte, sondern was möglich wäre. Vielleicht ist deshalb ausgerechnet ihr Rat an Gründerinnen und Gründer ein passender Satz zum Abschied.
Nicht, weil nun jeder eine Firma gründen müsste.
Sondern weil darin ihre Haltung zum Leben steckt:
Traut euch.
Iris Bettray hat es getan.
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