Ist das die erlösende Rettung, die der Jugend zwangsweise verordnet werden muss? Seit Monaten besteht der gesellschaftliche Diskurs über den Zugang von jungem Publikum in digitalen Sphären. Während einige ihre Meinung aus gesundheitlichen und politischen Gründen herleiten, stehen sie den medienpädagogischen und zielgruppenspezifischen Dimensionen gegenüber. Es wird schnell klar: die Auslegung der Debatte kommt auf den jeweiligen Stakeholder an.
Prof. Dr. Alena Buyx, Professorin für Ethik in der Medizin und Gesundheitstechnologien an der TU München und TUM School of Medicine, attestiert auf den Medientagen München der derzeitigen Debatte einen tiefen ethischen Konflikt zwischen digitaler Teilhabe und Selbstbestimmung gegenüber einer Fürsorgeverpflichtung als Gesellschaft. Sie bezieht sich auf die 11 Prozent der deutschen Jugendlichen, die laut Studien eine suchtartige Nutzung von Social Media aufweisen, eine weitere Studie weist 20 Prozent der jungen Menschen einen risikohaften Zeitvertreib nach.
Dementgegen steht Fabian Grischkat, Creator und Journalist, als stellvertretendes Sprachrohr der Jugend. Er beruft sich auf die ineffiziente Auslegung bisheriger Regularien und bestärkt: “Das sind die einzigen Bereiche des Lebens, bei denen wir es geschafft haben, uns eine Bühne zu schaffen, gehört wurden und vernetzt haben.” Die Frage bleibt: gibt es eine einheitliche Ebene aus allen Winkeln? Ein Versuch, die überschneidenden Sichtweisen zu entzerren.
Die psychologische Komponente
Als eines der Hauptargumente im Streit um die digitale Hoheit wird vor allem der Schutz der psychischen Gesundheit angeführt. Studien legen den Zusammenhang zwischen massigem Internetkonsum und Stress, Angstzuständen und depressiven Symptomen nahe. Gerade junges Publikum ist von dem ausgehenden Druck sozialer Netzwerke betroffen und im Kontext des Heranwachsens für verschiedenste Schwingungen empfänglich. Zur Wahrheit gehört hier auch die Inklusion der körperlichen Unversehrtheit, die trendbasiert in jungen Kreisen besteht und immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Entsprechend kann dieser Komplex auf eine ganzheitliche Gesundheitsebene erweitert werden.
Die verbundenen Auswirkungen eines möglichen Verbots hätten direkten Einfluss auf die körperliche Ebene. Besserer Schlaf und mehr Konzentration werden einem Verbotskonzept nahegelegt. Dazu kommt die indirekte Enthebelung von Routinen, die junge Menschen womöglich akut nachts wachhalten oder die Dopaminausschüttung durch dauerhafte Mitteilungen beeinflussen könnte. In der Theorie wäre die Zielgruppe wieder stärker im Analogen verankert und weniger von der Suchtgefahr betroffen.
Die Nachteile der konstanten Vernetzung
Zusätzlich zum übermäßigen Konsum sind in diesem Kontext weitere negative Auswirkungen zu nennen, darunter die Gefahr durch Cybermobbing sowie der Kontakt mit ungeeigneten oder gar gefährlichen Inhalten. Wer sich im Internet aufhält, macht schnell Erfahrungen mit Beleidigungen, bis hin zur systematischen Ausgrenzung. Der Raum dafür ist oftmals nicht wirklich abgrenzbar. Im schlimmsten Fall können sich Hasswellen verselbstständigen und ein nicht-steuerbares Ausmaß erreichen, dafür reicht auch schon ein Foto aus dem Klassenchat. Immer wieder berichten auch bekannte Influencer von einer unerwarteten Hassflut, aber auch unbekannte User können Ziel dieser Attacken werden.
Unrealistische Schönheitsideale, Desinformation, Hassrede und Gewalt – die Konfrontation mit Inhalten dieser Beitragsarten geschieht in jungen Jahren stark undifferenziert. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass digitale Medien sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf junge Menschen haben können. Wichtig in der Diskussion: besonders gefährdete Jugendliche sind überproportional von negativen Auswirkungen betroffen. Aus dieser Not heraus begründen Befürworter ihre Entscheidung für ein Verbot, das die Schnittstelle lahmlegt.
Digitale Selbstbestimmung als hohes Gut
Im Gegensatz dazu stehen Stimmen, die die persönliche Freiheit der Betroffenen in Gefahr sehen. Mit Blick auf die Selbstbestimmung ist der digitale Raum keine Ausnahme für die persönliche Entwicklung und Entfaltung. Ein pauschales Verbot schränkt ihre Möglichkeiten ein, digitale Angebote eigenständig zu nutzen, neue Möglichkeiten zu erkunden und in einem erweiterten Sinn, die eigene Medienkompetenz zu schärfen. Groß ist die Angst, dass Anforderungen einer digitalen Welt, welche auch digitale Bedrohungen einschließen, nicht mehr adäquat bewältigt werden können. So gilt ein pauschales Verbot undifferenziert auch für jene, die Digitalangebote bisher verantwortungsvoll nutzen.
Exklusivität von Kontakten und Informationen
Damit einhergehend wird nicht nur der Zugang zu Funktionen unterbunden, sondern auch die Kanalisierung von Kontakten und Informationen verweigert. Die DNA des sozialen Kosmos im Sinne der Vernetzung und Kommunikation, auf die Millionen von Menschen täglich zurückgreifen, schließt eine bestimmte Gruppe gezielt aus. Darunter möglicherweise Personen, die Schwierigkeiten in sozialen Situationen verspüren und einfacher online eine Verbindung aufbauen. Damit erhalten sie Zugang zu Communities, die sonst durch Entfernung oder Exklusivität nicht erreichbar scheinen.
Wer Gefahren aussperren will, macht das konsekutiv mit Lernvideos, Hilfestellungen und aktuellen Nachrichten. Tatsächlich wollen sich auch Jugendliche über gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Themen und Ereignisse informieren. Stattdessen wird die Kommunikation erschwert und verlangsamt. Gerade in Zeiten, in denen Nachrichtenmüdigkeit und verfehlte Zielgruppen, die digitale Ausspielung an das junge Publikums dominieren, kann damit eine ganze Generation verdrossen werden. Für einige Medienmarken mag es überraschend klingen, aber durch das Verbot verlieren sie einen Teil des eigenen Publikums, das sonst nur abstrakt in Analysezahlen ausgewertet wird.
In einer immer stärker digitalisierten Welt, die nahezu alle Lebensbereiche betrifft, könnte ein Verbot die fehlende Vorbereitung auf digitale Hürden mit sich bringen. User müssen früher oder später lernen, Informationen kritisch zu prüfen, die Rechtslage einschätzen oder Falschmeldungen zu erkennen. Alternativ müssen Lernprozesse outgesourct und von außen, beispielsweise in Schulen, initiiert werden.
Bisherige Modelle zeigen einen erwartbaren Anstieg falscher Altersangaben oder entwendeter Konten. Dadurch wird es noch schwieriger, gefährdete Jugendliche zu erreichen und über ihre tatsächlichen Online-Erfahrungen aufzuklären. Im Rahmen des Medientage-Panels erklärte Fabian Grischkat, Creator und Journalist in Bezug auf die bisherigen Verbote: “Es hat nicht gut funktioniert, und das sage ich ganz wertfrei. Die Effekte, die man sich erhofft hat, sind nicht wirklich eingetreten, sie sind minimal.”
Unabhängig von der Abwägung für oder gegen die schwerwiegende Entscheidung werden Heranwachsende nach Alternativen für verbotene Plattformen suchen. Das bedeutet eine Verschiebung innerhalb der bestehenden Nutzung auf noch weniger regulierte Webseiten oder der illegale Zugang zu fortlaufenden Angeboten.
Im Laufe der Diskussion stellen beide Positionen fest, dass sie eigentlich nicht so weit voneinander entfernt sind. “Ich habe es stark verteidigt und heute bin ich von dieser radikalen Position abgerückt”, wurde sowohl von Prof. Dr. Alena Buyx als auch Fabian Grischkat in Bezug auf den jeweiligen Standpunkt geäußert. Stattdessen fordern sie eine stärkere Regulierung und verbesserte Besteuerung von Digitalkonzernen sowie die Offenlegung der aufgebauten Strukturen und verdeckten Algorithmen, eine verschärfte Kontrolle von gefährlichen Inhalten, eine Altersverifikation mit den wenigsten Datenschutzbedenken, ein Verbot von Smartphones bis zur neunten Klasse mit einem medienpädagogischen Alternativprogramm, zudem mehr Forschung in den betroffenen Bereichen der Medizin, Psychologie und Technik.
Zum Schluss bleibt die Hoffnung auf Veränderung. Grischkat resümiert: "Wir als Gesamtgesellschaft müssen uns die Frage stellen: sollen Plattformen noch menschenfeindlicher werden oder haben wir alle ein Interesse – von jung bis alt und dazwischen – mehr Druck auf die Politik auszuüben?" Die Zukunft wird zeigen, wie eine konkrete Umsetzung hierzulande aussieht, die Fragezeichen der Effektivität bleiben.
Mehr zum Thema
von



