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"In deutschen Arztserien geht es nicht um Medizin"

 

Wie viel Fakten braucht die Fiction? Und warum ist Dr. House an der Uni in Marburg Bestandteil von Vorlesungen, der Bergdoktor aber nicht? In der Diskussionsrunde "Fiktion & Wirklichkeit in deutschen fiktionalen Formaten" ging es offiziell um diese Fragen - im Grunde redete man aber aneinander vorbei.

von Alexander Legge
06.09.2011 - 16:02 Uhr

"Dr. House" als Lehrmittel an der Philips-Universität in Marburg. Gibt's nicht? Gibt's doch: Prof. Dr. Jürgen Schäfer, Kardiologe und Dozent an der Uni Marburg nutzt den launischen Serienarzt als Beispiel für komplexe und ungewöhnliche medizinische Fälle. Einsetzen kann er "Dr. House" dafür allerdings nur, weil die Serie für ihren Wahrheitsgehalt bekannt ist. Bücher jeder einzelnen Folge werden im engen Austausch mit Experten entwickelt und auf ihre wissenschaftliche Plausibiliät hin untersucht. Der "Bergdoktor" im ZDF sei dafür schlichtweg nicht geeignet.

Katherine Lingenfelter, Supervising Producer bei "Dr. House" empfindet es als eine Art gesellschaftliche Verantwortung in fiktionalen Serien, die sich auf wissenschaftlichem Terrain bewegen, die wissenschaftlichen Fakten korrekt zu halten: "Wir haben eine Verpflichtung nicht mit schlechter Recherche zur Verbreitung von Binsenweisheiten beizutragen. Die medizinischen Probleme müssen realistisch sein und den tatsächlichen Möglichkeiten entsprechen."

 

 

Ähnlich sieht man das beim ZDF erklärt Klaus Bassinger, Leiter des Vorabends im ZDF: Zwar sei es wichtig, dass Fakten entsprechend recherchiert würden. Bei deutschen fiktionalen Serien käme es aber auf die Komplexität der medizinischen Umstände gar nicht an. Im wesentlichen generiere man in fiktionalen US-Serien die Dramaturgie über möglichst absurd erscheinende Krankheiten. In Deutschland lege man mehr Wert auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Charaktere. Arztserien in Deutschland seien eher der Familienunterhaltung zuzurechnen.

Eine Einschätzung, die auch Brigitte Kohnert von RTL teilt: "Unsere Zuschauer interessieren nicht in erster Linie die Fakten, sondern die Haltung von Figuren und deren Charakter. Es sollte alles so authentisch wie möglich sein, aber im Vordergrund steht für uns die Figurenführung." Es würde vom Zuschauer schlichtweg nicht goutiert, wenn man versuche Dr. House zu kopieren. Deutsche Serien würden von den deutschen Zuschauern mit einer gänzlich anderen Erwartungshaltung geschaut: "Wir müssen uns inhouse von Dr. House unterscheiden."

Letztlich konnte man sich darauf einigen: Wenn man ein deutsches "Dr. House" produzieren wollte, bräuchte man ein höheres Budget für eigenproduzierte Serien. Zwischenrufe einiger Autoren aus dem Publikum machten den Eindruck als schätzten sich deutsche Autoren im internationalen Vergleich schlechter ein. Ein Eindruck den man auf dem Podium so nicht stehen lassen wollte: Das deutsche Fernsehen sei eines der besten Angebote weltweit. Am Beispiel des Bergdoktors hieß es: Nur weil der Bergdoktor anders ist, ist er doch nicht automatisch schlechter als "Dr. House". Die Langliebigkeit beider Formate könnte man für sich sprechen lassen. Auf den Punkt brachte es in dem Zusammenhang dennoch Bassinger: "Wenn wir aus dem Bergdoktor Dr. House machen würden, wäre es nicht mehr der Bergdoktor."

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