Neo Magazin Royale - Rundfunkbeitrag © Screenshot ZDFneo
"Angst und Unbeholfenheit"

Böhmermann geht hart mit ARD & ZDF ins Gericht

 

Jan Böhmermann mag den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, hält ihn aber für dringend renovierungsbedürftig. Daraus macht er in der aktuellen Ausgabe seiner Show keinen Hehl. MIt deutlichen Worten schießt er gegen das System, für das er arbeitet.

von Alexander Krei
04.09.2015 - 11:33 Uhr

"Was kostet etwas mehr als 15 Euro im Monat und man kriegt dafür rund um die Uhr geiles Programm für die ganze Familie? Richtig! Ein Netflix- und ein Amazon-Prime-Abo." So scherzte Jan Böhmermann am Donnerstagabend in seiner ZDFneo-Show "Neo Magazin Royale". Die in der vergangenen Woche bekannt gewordene Forderung von ARD und ZDF nach mehr Geld war Anlass genug für ihn, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter die Lupe zu nehmen - genauer sagt unter die "Tele-Lupe", wie die Rubrik von den Machern der Show getauft wurde.

63 Jahre alt seien die durchschnittlichen ZDF-Zuschauer. Für 8,5 Milliarden Euro pro Jahr bekämen die bei ARD und ZDF auch "wirklich tolles Fernsehen", was Böhmermann mit Blick auf das häufig vernachlässigte junge Publikum schlicht mit "WTF" abkürzt. Böhmermann selbst betont, als Zuschauer und Angestellter des ZDF zwischen den Stühlen zu sitzen und versucht sich daher in einer Abwägung der Argumente. So betont er, dass die Öffentlich-Rechtlichen von gar nicht so wenigen jungen Zuschauern gesehen würden. Eine "Traumschiff"-Folge erreiche mehr junge Zuschauer unter 40 "als die letzten zehn Folgen dieser kleinen pisseligen Loser-Show zusammen", gibt Böhmermann zu.

Der WDR strenge sich bei seiner momentan laufenden Programmoffensive außerdem "ganz doll an, dabei nicht so angestrengt rüberzukommen wie sonst", betont der Moderator mit einem betont verbissenen Gesichtsausdruck und verweist auf die neue Show "Gefällt mir" mit Matthias Opdenhövel. "Da wird uns jungen Menschen gezeigt, was der WDR im Internet gefunden hat." Als Beispiel führt er eine aus YouTube bekannte "Propeller-Katze" an, die nicht nur bei "Gefällt mir" über die Köpfe des Publikums flog, sondern im vergangenen Jahr auch schon in der britischen Vorlage "Virtual Famous". Aus dem WDR-Hashtag "#machtan" macht Böhmermann daraufhin "#machtnach". Dass sich auch seine Show sich "von den ganz Großen des Fernsehbusiness" habe inspirieren lassen, gibt Böhmermann freimütig zu und sagt: "Ich habe aber Andrea Kiewel vorher gefragt."

"Immer wenn der Rundfunkrat tagt, stirbt irgendwo auf der Welt eine gute Idee für junge Zuschauer."
Jan Böhmermann im "Neo Magazin Royale"

Und dass ARD und ZDF wirklich gut seien, gibt Böhmermann erst zu, als ihm von hinten mit einer Waffe gedroht wird. Er lobt daraufhin Transparenz, Offenheit und Staatsferne der Sender und führt als Beleg an, dass Degeto-Chefin Christine Strobl mit dem baden-württembergischen CDU-Vorsitzenden verheiratet und gleichzeitig Tochter von Finanzminister Schäuble sei. "Sowas gibts auch in anderen Bereichen der Gesellschaft - von Usbekistan", ätzt er und nimmt sich dann auch noch den ZDF-Fernsehrat zur Brust. "Die sitzen dann da und gehen ganz lange nicht mehr weg", sagt Böhmermann, ehe er vorrechnet, dass lediglich zwei von 77 Mitgliedern des Gremiums jünger als 40 Jahre sind. Das erkläre auch die alte Seemansweisheit: "Immer wenn der Rundfunkrat tagt, stirbt irgendwo auf der Welt eine gute Idee für junge Zuschauer."

Neo Magazin Royale - Rundfunkbeitrag© Screenshot ZDFneo

Was folgt, ist ein langer Dialog, in dem Böhmermann durchscheinen lässt, sich einen anderen, moderneren öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu wünschen. "Es ist scheißegal. Meinetwegen nehmt die verkackte Kohle - ihr kriegt sie ja sowieso. Aber keine Drogen davon kaufen! Da lacht der Gebührenzahler drüber, und zwar 1,6 Milliarden Mal. Der Punkt ist doch ein völlig anderer: Klar, die Angst und die Unbeholfenheit von ARD und ZDF sind manchmal genauso schwer zu ertragen wie all die Leute, die mit dem unschlagbaren Argument 'Scheiß-Zwangsgebühren' das Internet vollschreiben. Ich bezahle auch Rundfunkgebühren und finde nicht alles geil, was hier läuft. Aber ich zahle auch Steuern und finanziere damit irgendwelche Bundesstraßen in der säschischen Schweiz. Auch wenn ich kein Auto hab und die Sächsische Schweiz nicht mag und da auch niemals hinfahren werde."

In den letzten 15 Jahren seien Google und Facebook zu den wichtigsten Meinungsmaschinen geworden, "während wir uns gestritten haben über das Für und Wider von Rundfunkgebühren und ob ARD und ZDF gut oder schlecht sind. Und Google hat keinen Rundfunkrat. Nicht mal 'nen Fernsehrat. Und Facebook zensiert Nippel aber lässt Nazi-Hetze einfach stehen", so Böhmermann. "Wissen Sie: Manchmal wünschte ich mir, es gäbe im Internet ein oder noch besser zwei von der Allgemeinheit finanzierte Medienhäuser, die die Interessen vieler Bevölkerungsgruppen berücksichtigen und abwägen, die sich an unsere Gesetze und Werte halten, die offen für Kritik sind, vielleicht bisschen spießig - aber das ist okay, denn es gibt keine Werbung. Zwei Medienhäuser, die speziell für die Bedürfnisse der Menschen in unserem Land gemacht sind. Ich sag ihnen das ganz ehrlich: Ich wäre sogar dazu bereit, dafür eine monatliche Grundgebühr zu zahlen  - vielleicht 17,50 Euro oder so. Sowas müsste mal erfunden werden."

Zwar sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk "vermufft", wie Böhmermann betont, doch eigentlich gehe es "um eine gute Idee, die man ordentlich renovieren müsste". Und weiter: "Erst wenn das passiert, dass es irgendeinen Teufelskerl gibt, der sich das traut und nicht gefeuert wird, nachdem er das gemacht hat - erst dann glaube ich, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland eine Zukunft hat."

Die Telelupe: Rundfunkbeitrag ("Neo Magazin Royale") (1 Videos)

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