Fernsehen © paulniestroj / photocase.com
Der Begriff "Fernsehen" im Wandel

Mobiler TV-Konsum spaltet Jung und Alt

 

Was ist "Fernsehen"? Eine noch unveröffentlichte Goldmedia-Studie zeigt, dass die große Mehrheit der unter 20-Jährigen ihre Definition längst auf Smartphones und Laptops ausgedehnt hat. Für die Älteren hängt der Begriff noch stark vom Gerät im Wohnzimmer ab.

von Torsten Zarges
28.10.2015 - 15:35 Uhr

Das Fernsehen ist tot – es lebe das Fernsehen! So oft wie derzeit auf Medienkongressen über die Zukunft von TV, VoD und Online-Video diskutiert wird, so sehr stellt sich die Frage: Verändert sich nur die Art und Weise, wie wir bewegte Bilder konsumieren, oder verändert sich auch der Fernsehbegriff selbst? Vieles spricht dafür, dass unterschiedliche Zielgruppen längst nicht mehr dasselbe meinen, wenn sie von "dem Fernsehen" sprechen.

Eine noch unveröffentlichte Goldmedia-Studie, die dem Medienmagazin DWDL.de vorliegt, erhärtet diese Vermutung. Demnach verstehen ältere Zielgruppen unter "Fernsehen" in der Regel das, was linear von einem klassischen TV-Sender auf das heimische Fernsehgerät geliefert wird. Bei den Jüngeren hingegen ist das nicht mehr so. Ihre Definition von Fernsehen reicht längst viel weiter. 



"Würde man die Frage stellen 'Was ist Lesen?', wäre die Antwort wohl sehr einfach", findet Florian Kerkau, Geschäftsführer des Berliner Forschungsinstituts Goldmedia Custom Research. "Egal, ob es sich um das Dekodieren von in Stein gemeißelten Buchstaben, gedruckten Büchern, Magazinen oder textbasierten Internetseiten handelt – all das würde man zweifellos und unabhängig vom Trägermedium als 'Lesen' bezeichnen. Bei der Dekodierung von Bewegtbildinformationen aber ist das nicht mehr so simpel. Je nachdem, ob man ins Kino geht, Online-Videos oder Fernsehsendungen ansieht, den Computer oder den Fernseher, den Tablet-PC oder das Smartphone nutzt, gibt es ganz unterschiedliche Bezeichnungen für das, was man gerade auf diesem Gerät tut."

Abhängig vom Übertragungsweg variieren in der Studie die Zustimmungswerte für das Statement "Das ist für mich Fernsehen" teils sehr stark. Während der Bewegtbildkonsum auf einem Fernsehgerät über alle Altersgruppen hinweg mit hohen Zustimmungswerten bei über 90 Prozent liegt, ist für 70 Prozent der 14- bis 19-Jährigen auch das Ansehen von Inhalten über Smart-TV "Fernsehen". Bei den über 50-Jährigen sagen das nur 56 Prozent, bei den über 60-Jährigen nur 40 Prozent.

Die Einschätzung für "Fernsehen" auf dem Computer und Laptop wird von rund 70 Prozent der unter 19-Jährigen geteilt, während kaum die Hälfte der älteren Nutzer hier zustimmen mag. Starke Unterschiede gibt es auch bei der Bewertung der Bewegtbildnutzung per Smartphone. Über 50 Prozent der 14- bis 19-Jährigen nennen dies "Fernsehen", während es bei den über 30-Jährigen nur noch rund 40 Prozent sind, bei den über 40-Jährigen knapp 30 Prozent und bei der Generation 60+ nur noch 16 Prozent.

"Wie diese Zahlen gut belegen, verändert sich die Sichtweise auf dieselbe Tätigkeit in Abhängigkeit von Übertragungskanal und Gerät", so Kerkau. "Es ist zugleich auch interessant, einen Blick auf das zu richten, was Menschen als 'Fernsehen' unabhängig vom Verbreitungsweg beschreiben. In unserer Analyse konnten wir drei wesentliche Faktoren der Motivlage isolieren: Information, Entspannung und Unterhaltung." Gemessen an diesen Grundbedürfnissen zeigt die Studie, dass der Motive-Mix bei den jüngeren Zielgruppen über eine größere Variation von Geräten und Kanälen befriedigt wird, während bei älteren Zuschauern den Geräten und Kanälen tendenziell nur ein bestimmter Funktionszweck zugeordnet wird.

"Im Vergleich zum Lesen muss man fairerweise auch erwähnen, dass das Lesen bereits eine 6.000 Jahre andauernde Entwicklung durchlebt und dass das Bewegtbild gerade einmal auf eine 150-jährige Geschichte zurückblicken kann", so Kerkau. "Viel Zeit also noch, um so manche Diskussion über Bezeichnungen, Geräte und Übertragungskanäle zu führen." Den Studienansatz zur Begrifflichkeit und Nutzerperspektive rund ums Fernsehen würde der Goldmedia-Geschäftsführer nur zu gern fortführen. Im September hatte er dafür 1.187 Personen befragen lassen. Zwecks Ausbau des Forschungsfelds spricht er derzeit mit verschiedenen Branchenpartnern.

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