Eurovision Song Contest © EBU
Erst der Song, dann der Künstler

Nach ESC-Debakel: Schreiber legt Fokus auf Songs

 

Nach dem erneuten Debakel beim Eurovision Song Contest sieht Thomas Schreiber die Lösung in einer anderen Auswahl: Künftig will der Unterhaltungskoordinator der ARD erst über die Songs entscheiden und dann passende Künstler suchen.

von Marcel Pohlig
21.05.2016 - 12:43 Uhr

Nach dem erneuten Debakel beim Eurovision Song Contest, bei dem Deutschland mit Jamie-Lee abermals auf dem letzten Platz landete, und der ersten Ursachenforschung gilt es nun, nach vorne ins kommende Jahr zu blicken. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der bereits kurz nach dem Event in Stockholm analysierte, dass es international eher auf Unverständnis gestoßen sei, dass ein Manga-Mädchen aus Deutschland angetreten sei, möchte dabei vor allem wieder an der Vorauswahl schrauben.

Im Gespräch mit Imre Grimm sagte Schreiber gegenüber der "Hannoverschen Allgemeinen", dass künftig erst der Song und dann der Interpret feststehen soll. "Unser Hauptziel wird künftig die Suche nach ESC-Songs sein", meint Schreiber, der als Unterhaltungskoordinator innerhalb der ARD für den Eurovision Song Contest zuständig ist. Dass zuletzt nur Künstler mit ihren Songs gesucht wurden, hat für Schreiber auch seinen Anteil am schlechten Abschneiden der Deutschen in der Post-Raab-Ära. "Zumindest ab 2013 hat es damit zu tun, dass wir – anders als etwa 2010 bis 2012 – nicht die Lieder aus einem internationalen Pool von mehreren Hundert Songs ausgesucht haben, sondern Künstler mit Liedern gesucht haben", so Schreiber. Entsprechend soll künftig nicht nur national, sondern auch wieder international nach dem richtigen Lied gesucht werden.

Das finale Wort soll auch in Zukunft wieder der Zuschauer haben – auch wenn Schreiber selbst wohl gerne auf einen Vorentscheid verzichten würde, wie das Beispiel Xavier Naidoo und sein Verweis auf Österreich zeigen. "Der ORF zum Beispiel hatte selbst Conchita mit ihrem Song zum ESC geschickt. Nein, im Ernst: Das machen wir nicht, denn bei uns soll das Publikum das letzte Wort haben", meint Schreiber nach den Protesten im Zuge der Nominierung von Xavier Naidoo. Eine Auswahl durch die Zuschauer macht es Schreiber dabei freilich auch im Nachhinein leicht: Immer wieder verweist Schreiber auch in diesem Interview darauf, dass Jamie-Lee schließlich durch 720.000 Anrufe von den Zuschauern ins Rennen geschickt wurde. Und eben nicht vom ihm, vom Sender, mag man in Gedanken ergänzen, wenn er nachvollziehbare Rücktrittsforderungen unter Verweis auf das Zuschauervoting im Vorentscheid und die Quoten des Finales in Stockholm von sich weist.

Ohnehin sind Zahlen für Thomas Schreiber von großer Bedeutung. Als eine Pleite möchte er den Eurovision Song Contest als "musikalische Unterhaltungssendung und die erfolgreichste Show des Jahres im Ersten" angesichts von über neun Millionen Zuschauern nicht verstanden wissen, auch einen Rückzug schließt er daher aus. "Warum sollten wir uns von der erfolgreichsten und größten Show des Jahres zurückziehen? Beim ESC in Düsseldorf hatten 14 Millionen Zuschauer in Deutschland Spaß – zu einem solchen Ereignis wollen wir wieder hin", so Schreiber, der in der Vergangenheit beim schlechten Abschneiden von Cascada auch schon einmal eine Mitschuld der Kanzlerin als Begründung vorschob. "Mein Vergleich war sicher nicht glücklich, ich wollte aber vermeiden, dass alle auf unsere Interpretin einprügeln", meint Schreiber drei Jahre später.

Eiszeit herrscht unterdessen zwischen Schreiber und der Kandidatin des vergangenen Jahres, Ann-Sophie – oder wie der Unterhaltungskoordinator der ARD mittlerweile bevorzugt sagt: Frau Dürmeyer. Ihre Kritik, wonach der Sender sie nach dem ESC habe fallen lassen, riegelt Schreiber jedenfalls gänzlich ab. "Frau Dürmeyers Erinnerung und die meiner Kollegen von Universal und Brainpool, auch meine eigene, unterscheiden sich doch sehr", meint Schreiber und verweist darauf, dass es eine zweite Single mit Video geben sollte, die Vorstellungen bezüglich der Kosten aber auseinander gingen.

"Mutig war, als sie uns vorwarf, wir hätten für das Album nicht genug Aufmerksamkeit hergestellt: Im ersten Halbjahr 2015 hatte in Deutschland kein Künstler auch nur annähernd vergleichbar viele Auftrittsmöglichkeiten im Fernsehen und im Radio – daran lag das geringe Interesse nicht", bei Aida Cruises habe sie indes schlicht nicht auftreten wollen. "Und wenn die Erfahrungen mit uns wirklich so entsetzlich waren, wie sie gerne gegen Honorar in der einen oder anderen Talkshow erzählt – warum bewirbt sie sich dann beim NDR wenige Minuten, nachdem wir bekannt gegeben hatten, dass Xavier Naidoo nicht zum ESC fährt? War es doch nicht so schlimm?", fragt Schreiber merklich gereizt in Richtung Ann-Sophie.

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