Dr. Ulrich Liebenow © MDR/Marco Prosch
Adieu, SD-Signal!

HD-Vielfalt per Antenne: Wie erfolgreich wird DVB-T2?

 

2017 soll DVB-T2 in Ballungszentren zum neuen Empfangsstandard in der Terrestrik werden. Ulrich Liebenow, Vorsitzender der ARD-Technik-Kommission, setzt auf bessere Bildqualität und größere Sendervielfalt. Die Privaten allerdings bitten Zuschauer zur Kasse.

von Peer Schader
24.08.2016 - 10:58 Uhr

Wer sein Fernsehsignal zuhause terrestrisch empfängt, kann sich schon mal den 29. März 2017 rot im Kalender anstreichen. An diesem Tag endet in zahlreichen Gegenden Deutschlands die bisherige DVB-T-Verbreitung. Die gute Nachricht ist: In den Ballungsräumen können die Zuschauer stattdessen bis zu 40 Programme in HD-Qualität per Antenne empfangen. Die schlechte ist: Das freut zuallererst einmal die Geräteindustrie, denn für den neuen Standard sind auch neue Receiver notwendig.

Dazu lassen die privaten Sender ihre Signale verschlüsseln. Eine Freischaltung über den Sendernetzbetreiber Media Broadcast, der seit März zu mobilcom-debitel gehört, ist kostenpflichtig. Die öffentlich-rechtlichen Sender betrifft das nicht, sie sind weiter kostenfrei über Antenne empfangbar, künftig wohl sogar in besserer HD-Qualität (1080p50) als im Kabel oder per Satellit.

DVB-T2 könnte den terrestrischen Empfang gegenüber anderen Verbreitungswegen wieder stärken. Dem Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten zufolge kam das klassische Antennenfernsehen DVB-T in SD-Qualität in den deutschen TV-Haushalten zuletzt auf eine Reichweite von 9,7 Prozent – vier Jahre zuvor waren es noch 12,5 Prozent. "Auch das ist eine Motivation für uns, in DVB-T2 einzusteigen", erklärte Dr. Ulrich Liebenow, Vorsitzender der Produktions- und Technik-Kommission (PTKO) der ARD und Betriebsdirektor des MDR am Dienstagabend im Vorfeld der IFA in Berlin.

Der Vorteil der neuen Technik ist nicht nur eine verbesserte Bildqualität, sondern auch eine größere Auswahl an Sendern, die dank der gewählten Komprimierung übertragen werden kann. Liebenow zufolge wird die ARD außer dem Ersten und dem Dritten Programm der jeweiligen Region regulär auch Tagesschau24, One (Einsfestival), Phoenix, Arte sowie weitere Dritte aus den Nachbarregionen einspeisen und belegt dafür zwei so genannte Multiplexe; das ZDF steuert außer dem Hauptprogramm noch 3sat, Kika, ZDFinfo und ZDFneo bei. Dazu kommen die verschlüsselten Privaten, die voraussichtlich für 69 Euro jährlich über das Angebot Freenet TV freigeschaltet werden können.

Derzeit läuft in 18 Ballungsräumen bereits ein DVB-T2-Pilot, über den ARD, ZDF und vier Private empfangen werden können (noch ohne Bezahlung); der Regelbetrieb für DVB-T2 beginnt dann wie gesagt im Frühjahr an 65 Standorten; in einer weiteren Phase werden 2018 Regionen mit Mittelzentren angeschlossen. Vor Weihnachten wollen die Sender damit beginnen, per Einblendung auf die bevorstehende Umstellung hinzuweisen.

Zahlen DVB-T2-Zuschauer für RTL & Co.?

Ob die ARD glaubt, dass sich die Marktanteile zugunsten der öffentlich-rechtlichen Sender verschieben, weil bisherige DVB-T-Seher womöglich auf die kostenpflichtige Freischaltung der Privatsender verzichten könnten, mag Liebenow (der, bevor er 2011 zum MDR kam, interessanterweise Geschäftsführer des Sendernetzbetreibers Media Broadcast war) nicht konkret sagen. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass DVB-T heute überall dort erfolgreich ist, wo die privaten Sender das Angebot ergänzt haben", erklärt der PTKO-Vorsitzende. "Die ARD will den privaten Betreibern ihr Geschäftsmodell nicht vorschreiben. Ich rechne aber nicht mit großen Marktanteilverschiebungen."

Dabei dürfte gerade in den Kernregionen – wo bislang 17,5 Prozent der Haushalte per DVB-T fernsehen – entscheidend sein, ob die Zuschauer sich dazu durchringen werden, für den terrestrischen Empfang von RTL, ProSieben & Co. zu zahlen. Oder ob sie womöglich auf andere Übertragungswege wie Kabel, Satellit oder IPTV ausweichen. Am Ende wird es auch daran liegen, wie flexibel die Anbieter ihre Preisgestaltung handhaben – mobilcom-debitel hat bereits angekündigt, sich auch Bundles mit Mobilfunkverträgen, die das Hauptgeschäft des Unternehmens ausmachen, vorstellen zu können.

Sicher ist nur, dass sich die Zuschauer nicht mehr darauf verlassen können, dass alles bleibt, wie es ist. Liebenow sagt: "Die Technologieschübe im Broadcastbereich sind nicht zu unterschätzen." Diskussionen gibt es vor allem über teure Simulcast-Betriebe, zum Beispiel per Satellit. Der ist zwar vollständig digitalisiert, allerdings verbreiten die Sender ihre Programme immer noch gleichzeitig in SD- und HD-Qualität. Dafür werden teure Transponderplätze gebucht, die sich einsparen ließen, wenn das SD-Signal abgeschaltet würde, wie es unter anderem die KEF angeregt hat.

Für die Parallelausstrahlung belegt die ARD bei SES Astra derzeit vier Transponder für HD und fünf für SD, von denen wiederum vier eine Vertragslaufzeit bis Ende 2018 haben. Liebenow zufolge liegen die Kosten für eine Verlängerung bei 21 Millionen Euro pro Jahr. Ganz so leicht lässt sich das SD-Signal aber nicht verabschieden: Bis heute sehen gut die Hälfte der Haushalte (48,1 Prozent) ihre Programme noch nicht in HD.

UHD nicht in Sicht, DAB+ lässt sich Zeit  

Auch deswegen gibt sich Liebenow derzeit zurückhaltend, was das von der Industrie forcierte Format UHD (Ultra High Definition) angeht. "Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass einzelne UHD-Produktionen beauftragt werden, aber es gibt in der ARD aktuell keine Planungen, UHD als Standard zu etablieren." Zumal dafür bei den Sendern erneut teure Anpassungen in den Produktionsstrukturen notwendig würden.

Im Hörfunk kämpft die ARD weiterhin den – bislang wenig vielversprechenden – Kampf zur Etablierung von DAB+, das viele längst als gescheitert sehen. Auch Jahre nach dem Start des Digitalradios verfügen laut Digitalisierungsbericht 2015 gerade einmal 10 Prozent der Haushalte über entsprechende Empfangsgeräte; inzwischen ist die Quote wohl auf 13 Prozent angestiegen. Eine mögliche UKW-Abschaltung ist damit aber weiterhin unrealistisch; auch, weil sich viele Privatradios dagegen wehren und die Kosten einer vorübergehenden Simulcast-Übertragung scheuen.

Liebenow sagt, die ARD sei sich einig, dass man einer "Ausbauphase" in eine "Migrationsphase" übergehen könne, wenn DAB+ in 30 Prozent der Haushalte empfangbar sei und eine flächendeckende Versorgung der öffentlich-rechtlichen Sender von 95 Prozent gegeben sei. Letztere könne zwischen 2018 und 2020 erreicht sein. Dass DAB+ bis dahin noch zum Renner wird, lässt sich bislang jedoch nicht absehen.

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