Conrad Albert © ProSiebenSat.1
"Medienordnung 4.0"

ProSiebenSat.1 will am Rundfunkbeitrag beteiligt werden

 

Auch ProSiebenSat.1 stifte mit Formaten wie dem "Frühstücksfernsehen" und "Galileo" gesellschaftlich relevante Inhalte, ist Vorstand Conrad Albert überzeugt. Und will, wenn ARD und ZDF schon Werbung senden dürfen, auch einen Teil des Rundfunkbeitrags erhalten.

von Marcel Pohlig
02.07.2017 - 11:39 Uhr

Es ist ein gewohntes Bild vor anstehenden Bundestagswahlen: In Unterföhring entdeckt man zumindest kurzzeitig auch das politische Spektrum im eigenen Programm und sorgt hier und da durchaus für innovative TV-Ideen. Doch abseits einer Bundestagswahl spielt Politik nur eine untergeordnete Rolle, die Nachrichten wurden auf ein Minimum zurecht gekürzt und vom eigenen Nachrichtensender N24 hat man sich bekanntlich bereits vor etlichen Jahren getrennt. Und doch sorgt ProSiebenSat.1 nun wieder für Schlagzeilen. War es vor vier Jahren noch die Tatsache, Stefan Raab ins TV-Duell zu schicken, möchten die Unterföhringer nun auch an den Gebührentopf.

Ein Modell für eine "Medienordnung 4.0" habe man entwickelt, verkündet ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert aktuell in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Dahinter versteckt sich nicht weniger als das Aufbrechen des aktuellen Systems, in dem ARD und ZDF über den Rundfunkbeitrag von den Zuschauern finanziert werden und sich die privaten Konzerne vorwiegend über Werbung und zunehmend auch über Gebühren für ihre als Free-TV vermarkteten Bezahlsender in HD-Qualität finanzieren. Die "Medienordnung 4.0" sei ein "Systemwechsel, damit die öffentliche Finanzierung sich nicht länger an der Institution fest macht, sondern am Inhalt", meint Albert, der in seinem Modell "Public-Service-Inhalte" finanziert sehen möchte.

Albert definiert diese als "gesellschaftlich relevante Inhalte, die demokratie- und vielstiftend wirken". Die Öffentlich-Rechtlichen wolle er zwar nicht abschaffen und auch nicht an deren Bestands- und Finanzierungsgarantie nicht kratzen, letztlich hinterfragt Albert aber dennoch, weshalb sich Deutschland eigentlich zwei Anstalten, also ARD und ZDF, leiste und ob diese wirklich acht Milliarden Euro zur Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrages benötigen. "Als Mann der Privatwirtschaft und Anhänger effizienten Wirtschaftens sage ich: nein", womit Albert sicherlich auch den ein oder anderen Befürworter findet. Doch ob etwaige, auch politisch geforderte, Einsparungen den privaten Sendern zufallen sollten, wie von Albert gefordert, steht da auf einem ganz anderen Blatt.

Alberts Ass im Ärmel: Die jungen Zuschauer, bei denen sich ARD und ZDF bekanntlich schwerer tun. "Es geht um zusätzliche Sendungen mit gesellschafspolitischem Wert: News, Magazine, Wissensendungen wie Galileo, Frühstücksfernsehen. Diese Programme werden von vielen Jungen gesehen – im Gegensatz zu den Verjüngungsversuchen der Öffentlich-Rechtlichen", ist Conrad Albert überzeugt. "Allein 45 Millionen Euro geben diese jährlich aus den Rundfunkbeiträgen für ein Experiment namens Funk.net auf Facebook und Youtube aus. Aber das  funktioniert nicht, auch nicht mit viel Geld." Was gesellschaftlich relevant genug ist um Beitragsgelder zu erhalten, sollen die Landesmedienanstalten entscheiden.

Rechtlich sieht sich Albert auf der sicheren Seite: "Wir haben den renommierten Medienrechtler Professor Mark Cole mit einer grundlegenden Analyse beauftragt. Die Studie bestätigt, dass Recht und Rechtsprechung für unseren Modellvorschlag sprechen", so Albert. Im EU-Text gehe es so zum Beispiel immer um die Finanzierung eines "public-broadcasting"-Auftrages, der im Sinne von Inhalten zu verstehen ist. Im Deutschsprachigen wurde dies dagegen auf die Institutionen der öffentlich-rechtlichen Anstalten verkürzt.

In dem Modell könnte auch Netflix etwas vom Gebührenkuchen abbekommen, schließlich trage eine Serie wie "House of Cards" auch zur politischen Bildung bei. Mit dem Streaminganbieter, für den man auf lange Sicht betrachtet ja auch selbst mit den Produktionstöchtern Inhalte herstellen könnte, hat sich Albert offenbar arrangiert – die Erzfeinde Facebook und YouTube schließt er aber schon jetzt aus. "Ausschließen würde ich nur Anbieter, die keine eigenen Inhalte kreieren, sondern sich als reine Plattform verstehen wie Youtube oder Facebook." Seine eigene Gruppe sieht Albert – selbstverständlich – auf der guten Seite und verweist etwa auf die Quoten der "Newstime" von ProSieben, die bei den 14- bis 29-Jährigen erfolgreicher seien als "Tagesschau" und "heute" zusammen.

Letztlich dürfte es Albert aber vor allem um einen anderen Punkt gehen, der den Privaten schon lange ein Dorn im Auge ist: ARD und ZDF verdienen im Tagesprogramm zusätzlich auch noch über Werbung Geld. Angesprochen auf verschwimmende Grenzen durch sein Gebührenmodell meint der ProSiebenSat.1-Vorstand nämlich: "Die Trennung ist doch schon lange nicht sauber gezogen: ARD und ZDF besetzen über eine halbe Milliarde Euro TV-Werbemarkt-Volumen pro Jahr. Mir ist völlig unverständlich, warum hier Werbung zusätzlich zu den Gebühren einkassiert werden darf. Da fehlt die Hygiene im System", so Albert, der darüber hinaus in der Primetime eine oft fehlende Differenz zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen bemängelt. Zudem würden ja auch private "relevante Public-Service-Inhalte" wie Infotainment-Formate, Dokumentationen, Reportagen und preisgekrönte Filme zu gesellschaftlich relevanten Themen senden.

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