© Banijay
Deal or no deal

Wird dieser 800-Millionen-Euro-Mann das Thema der MIPTV?

 

Vor 25 Jahren gründete Stéphane Courbit seine erste Produktionsfirma, die später von Endemol übernommen wurde. Vor gut elf Jahren verließ er Endemol und gründete Banijay. Seit Monaten verhandelt er nun die Übernahme der Endemol Shine Group. Deal or no deal?

von Thomas Lückerath
05.04.2019 - 00:32 Uhr

Die ganz große Bühne für einen der interessantesten internationalen Deals im Produzentenmarkt wäre bereit: Ab Samstag trifft sich die Fernsehwelt im südfranzösischen Cannes zur diesjährigen MIPTV, die mit ihren Ablegern MIPdoc und MIPformats schon am Wochenende beginnt. Am Montag dann fällt der Startschuss für die eigentliche Messe - und ihre Keynotes. Eine davon hält am Montagnachmittag das Banijay-Trio Stéphane Courbit, Marco Bassetti und François de Brugada. Und die Branche rätselt: Steht der Deal bis dahin schon?

Es geht um die Übernahme der Endemol Shine Group, eine der größten unabhängigen Produktionsfirmen im internationalen TV-Geschäft. Bislang halten die Beteiligungsgesellschaft Apollo Global sowie durch die Fox-Übernahme nun Disney jeweils 50 Prozent an der Endemol Shine Group. Die Verkaufsabsichten der beiden Gesellschafter sind kein Geheimnis, machten bereits im vergangenen Herbst Schlagzeilen. Damals habe es mehrere Interessenten gegeben, doch u.a. das britische ITV sowie RTL-Tochter Fremantle hatten abgewunken.



Von mehreren potentiellen Käufern, die sich näher mit denn Zahlen der Endemol Shine Group (ESG) befassten, kam immer wieder das gleiche Feedback: Zum erwarteten Kaufpreis von mindestens zwei Milliarden Dollar sei ESG deutlich überbewertet. Das französische Medienhaus Banijay, gegründet von Stéphane Courbit, blieb als einziger potentieller Käufer im Rennen als Anfang November 2018 dann US-Branchendienste übereinstimmend vermeldeten: Apollo Global und 21st Century Fox hätten den Verkaufsprozess zunächst einmal abgebrochen.

Die inzwischen vollzogene Übernahme von Fox durch Disney, hat den Verkaufsabsichten aber wieder höhere Priorität beschert. Disney verfügt schließlich über genügend eigene und durch Fox unmittelbar zugekaufte Produktionskapazitäten. Die 50-prozentige Beteiligung an der Endemol Shine Group ist daher kein strategisches Asset für die Amerikaner mehr, wie DWDL.de im Februar aus Verhandlungskreisen erfuhr. Zeitgleich meldeten auch britischen Branchendienste: Die Gespräche mit Banijay seien wieder aufgenommen worden.

Fast sechs Wochen ist das her. Jetzt steht die Frühjahrs-Ausgabe der weltgrößten Fernsehmesse bevor, im Heimatland von Banijay und dessen Gründer Stéphane Courbit, das in diesem Jahr sogar „Country of honour“ ist. Courbit, mit einem berichteten Privatvermögen von 800 Millionen Euro der reichste Fernsehmacher des Landes und mittelbar mehrheitlich im Besitz von Banijay, hält am Eröffnungstag eine Keynote zusammen mit Banijay-CEO Marco Bassetti und François de Brugada, dem Chef des französischen Geschäfts.

Für Stéphane Courbit wäre die Übernahme der Endemol Shine Group zweifelsohne der Deal seines Lebens. Dazu muss man die berufliche Karriere des französischen Fernsehmachers kennen, der zwar längst auch in der Energiewirtschaft und Hotelerie sein Geld verdient, aber in der Branche den Ruf hat, sich trotzdem unverändert detailliert für TV-Formate zu interessieren. Seit 1990 arbeitet er beim Fernsehen, gründete in den 90er Jahren seine eigene Produktionsfirma, die 1998 und 2001 in zwei Schritten von Endemol übernommen wurde und ihn zum Geschäftsführer von Endemol France machte.

Zum Jahresende 2007 schied Courbit aus um sich wieder selbstständig zu machen. Anfang 2008 gründete er Banijay Entertainment (heute Banijay Group), übernahm mit der neugegründeten Unternehmung in Deutschland bekanntlich 50 Prozent der Anteile an Brainpool sowie einige andere Produktionsfirmen in Europa. Die Einkaufstour hielt an. Vorläufiger Höhepunkt in 2015: Die Übernahme des französischen Konkurrenzen Zodiak Media, der die Banijay Group zum größten unabhängigen TV-Produzenten der Welt machte, der nicht zu einem Medienkonzern gehörte.

Jetzt also auch noch jene Firma übernehmen zu können, die einst sein erstes Produktionshaus einverleibte und die er 2007 auch aufgrund von unterschiedlichen Auffassungen über die künftige Strategie verließ, um ein Produktionshaus nach seinen Vorstellungen aufbauen zu können, hat für Stéphane Courbit ganz sicher einen besonderen Reiz. Auch für den amtierenden Banijay-CEO Marco Bassetti übrigens, zuvor CEO von Endemol.

Kommt es noch vor Messebeginn zum schon ewig erwarteten Deal? Oder scheitern die Gespräch erneut? Nach DWDL.de-Informationen sind die im Februar wieder aufgenommenen Gespräche weit fortgeschritten. Statt einem offenen Verkaufsverfahren konzentrieren sich Disney und Apollo demnach diesmal ganz auf Banijay. Unbekannt ist allerdings, ob Disney an den hohen Erlöserwartungen von 21st Century Fox festhält und damit der Preis erneut zum finalen Knackpunkt wird - oder Disney für eine schnellere Klärung etwas Geld liegen lässt.

Kurz nach der Wiederaufnahme der Kaufverhandlungen wurde übrigens bekannt, dass die Endemol Shine Group in diesem Jahr auf einen eigenen Stand bei der MIPTV verzichtet. Manch einer, den man in den letzten Wochen sprach, sah es als vorsorglichen Rückzug für den Fall einer Übernahme. Das Fernbleiben eines Produktionshauses so groß wie ESG ist ein gewagter Rückzug und Verlust von Sichtbarkeit, auch wenn es generell Unkenrufe über die schrumpfende Frühjahrsmesse gibt. Schließlich sind auch BBC Studios und Fox (nach der Übernahme durch Disney) nicht mit eigener Fläche präsent.

Sicher ist nur eins: Die Zukunft der Endemol Shine Group wird in Cannes diesmal eines der drei großen Themen werden - neben der Entwicklung der Messe selbst und dem anhaltenden Höhenflug des seriellen Erzählens, der durch den zweiten Jahrgang des Festivals Canneseries auch diesmal wieder omnipräsent sein wird. Und aus deutscher Sicht ist die Keynote von Stéphane Courbit so oder so spannend: Im deutschen Markt mischt Banijay auch ohne ESG-Übernahme seit dem vergangenen Jahr so aktiv mit wie nie zuvor. Bei einer ESG-Übernahme allerdings würde es im deutschen Markt noch weitaus amüsanter.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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