Kaspar Pflüger © Sat.1
Klartext-Aussagen aus Unterföhring

Sat.1-Chef Pflüger mahnt zum Umdenken linearer Sender

 

Nichts gekürzt, nichts zurückgenommen: Am Ende eines Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de mahnte Sat.1-Chef Kaspar Pflüger leidenschaftlich und mit deutlichen Worten zu einem Umdenken bei linearen Sendern - und bleibt später auch dabei.

von Thomas Lückerath , München
07.08.2019 - 21:30 Uhr

Es ist Mittwoch, der 31. Juli. Wir sitzen in einem Konferenzraum der ProSiebenSat.1 Media AG in Unterföhring und wollen sprechen über die Sat.1-Pläne für die kommende Fernsehsaison. Doch am Ende wird das Interview mit Sat.1-Geschäftsführer Kaspar Pflüger fast schon zu einem Grundsatz-Plädoyer für einen Paradigmenwechsel des linearen Fernsehens, angetrieben einerseits von positiven Überraschungen des ersten Halbjahres, aber auch deutlicher Selbstkritik angesichts von gescheiterten Projekten. Es sind Aussagen, die für Berufszyniker natürlich wie Selbstverständlichkeiten klingen, aber bislang in dieser Klarheit selten zu hören waren in Interviews. Noch seltener aber blieben sie am Ende - nach der Autorisierung - auch in dieser Deutlichkeit erhalten.



Stichwort Serie, erst von US-Kabelsendern und dann den Stremaingdiensten zur aktuellen Königsdisziplin gemacht. Die großen Privatsender tun sich schwer in dem Genre mitzuhalten. Sat.1-Geschäftsführer Pflüger: "Wir haben in Umsetzung und Stoffauswahl sicher nicht alles richtig gemacht in den letzten Jahren, aber darüber hinaus war das Problem, dass wir für Sat.1 die letzten Jahre immer Serien mit dem klassischen 'Fall der Woche' als idealen Ausgangspunkt gesehen haben. Das funktioniert dann bestenfalls über zehn oder zwölf Wochen, man kann es wunderbar wiederholen – und im nächsten Jahr kommt man dann mit einer weiteren Staffel zurück. Und alle sind happy. Das war lange auch fürs Publikum ein attraktives Angebot, aber wir müssen akzeptieren: Das ist in der heutigen Zeit, in der das Publikum für immer neue fiktionale Formate und Storys auf so vielen Plattformen aktivierbar ist, nicht mehr aufregend genug. Danach stellt sich niemand mehr die Uhr – und das braucht lineares Fernsehen aber."

Vorerst also keine Procedurals mit Fall der Woche mehr bei Sat.1, dafür lieber Miniserien. Ausgerechnet jene Form, die vor wenigen Jahren noch der Graus aller linearen Programmplaner war, als in Stein gemeißelte Programmabläufe das Maß der Dinge war. "Das ist ein hartes Learning der vergangenen Saison, glauben Sie mir", sagt Pflüger. "So wichtig wie diese Planbarkeit für uns wäre und so stark, wie wir in der Vergangenheit in diesem Denken verhaftet waren, müssen wir umdenken", mahnt der 42-jährige Fernsehmanager im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de - und meint nicht nur seinen Sender: "Wie viele Procedurals wollen wir denn noch probieren, egal ob bei uns oder bei der Konkurrenz, bevor wir erkennen, dass das zwar für uns und in den Programmablauf gut passen würde, aber das Publikum andere Erwartungen hat?"

"Was hilft mir die Überlegung, ob ich eine dritte oder vierte Staffel machen könnte, wenn bei der ersten keiner zuschaut?"

Besonders schlimm seien Stoffe, die einem als "heiter" angepriesen würden. Das bedeute zu oft weder wirklich lustig, noch zwingend spannend. "Wir brauchen zwingendere Programme, wir müssen durchdringen können", sagt Pflüger selbstkritisch. Das ist mit Miniserien einfacher. Oder wie er selbst sagt: "Nicht die Langlebigkeit über alles stellen. Was hilft mir die Überlegung, ob ich eine dritte oder vierte Staffel machen könnte, wenn bei der ersten keiner zuschaut?" Die Aussagen von Sat.1-Geschäftsführer Kaspar Pflüger passen in dieses Jahr der TV-Transformation, in dem sich das lineare Fernsehen erstmal wirklich spürbar damit beschäftigt, wie es seine Stärken besser nutzen kann.

Während es für Pflüger also nicht die Drama-Serie ist, sieht er in der Unterhaltung aber auch Information eine neue Lust an Aktualität und Live-Programm. "Wir müssen unseren Zuschauerinnen und Zuschauern beweisen, dass wir auch überraschend sein können. Dass wir uns noch mehr trauen, aus unserem Positionierungskorsett auszubrechen. Das erste Halbjahr 2019 war für Sat.1 sicher nicht in jeder Hinsicht super. Aber das Privatfernsehen in Deutschland wurde ja regelrecht wachgeküsst und beflügelt durch Ideen, Mut und Risiko. Wenn Joko und Klaas mit ihren berühmten 15 Minuten, die ja in keiner Programmzeitschrift standen und für die es auch keine Kampagne gab, so enorme Reichweiten holen, zeigt das die Kraft des Fernsehens, wenn wir sie richtig ausspielen", erklärt Pflüger mit viel Überzeugung.

Das komplette Interview mit Sat.1-Geschäftsführer Kaspar Pflüger über die kommende Saison bei Sat.1, den Vorabend und seine fundamentalen Gedanken zum linearen Fernsehen gibt es ab 9 Uhr bei DWDL.de.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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