Christian Drosten © imago images / IPON
Virologe Christian Drosten

"In meinem Alltag kommt die 'Bild'-Zeitung nicht vor"

 

Im "Spiegel" hat sich der Virologe Christian Drosten zum Streit mit der "Bild"-Zeitung geäußert. Die umstrittene Anfrage schien ihm "nicht ausreichend von sachlichem Interesse geleitet". "Bild"-Chef Reichelt wittert indes eine "üble Kampagne" gegen sein Blatt.

von Alexander Krei
29.05.2020 - 15:44 Uhr

Nachdem "Bild" in den vergangenen Tagen einen Virologen-Streit heraufbeschwor, hat sich Christian Drosten jetzt in einem ausführlichen "Spiegel"-Interview noch einmal zu Wort gemeldet. "Die Statistik, um die es geht, ist so komplex, dass man das auf keinen Fall in einer kurzen Stellungnahme erklärt bekommt, auch wenn man sich deutlich mehr Zeit als eine Stunde dafür nimmt", sagte der Charité-Professor mit Blick auf die "Bild"-Zeitung, deren Anfrage er öffentlich mit den Worten, er habe Besseres zu tun, abgelehnt hatte.

Er habe nicht den Eindruck gehabt, als sei die "Bild"-Zeitung wirklich daran interessiert, das wissenschaftliche Problem zu verstehen. "Es war klar, dass sie einen tendenziösen Artikel planten. Nach der Veröffentlichung zeigte sich dann auch, dass sie mit den vier kritischen Statistikexperten nicht einmal gesprochen, sondern nur online verfügbare Zitate aus dem Zusammenhang gerissen hatten. Die Korllegen hatten keine Ahnung davon und haben sich per Twitter sofort von dem 'Bild'-Artikel distanziert."

Auf den Einwand von "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt angesprochen, er hätte wegen der Stellungnahme um eine Verlängerung der mit einer Stunde knapp bemessenen Frist bitten können, antwortet Drosten: "Dafür schien mir die Anfrage nicht ausreichend von sachlichem Interesse geleitet. Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag." Das letzte Mal, dass er die "Bild" gelesen habe, sei zu Zeiten von "Bumm-Bumm-Boris" gewesen. "In meinem Alltag kommt die "Bild"-Zeitung nicht vor. Niemand in meinem Bekanntenkreis liest das Blatt. Deshalb kenne ich mich da auch nicht so aus."

Reichelt selbst wehrt sich im "Spiegel" gegen den Vorwurf, dass sein Blatt eine Anti-Drosten-Kampagne fahre. Das sei "Quatsch und frei erfunden". Vielmehr hätten der "Spiegel" und die "FAZ" eine "üble Kam­pa­gne" ge­gen die "voll­kom­men legitime Berichterstattung" von "Bild" in Gang gesetzt. Und mit dem Argument, es habe sich bei der Stu­die um ein Pre-Print gehandelt, also ein Diskussionspapier, kann Reichelt offenbar nur wenig anfangen. "Dann hätte Drosten daraus keine politischen Handlungsempfehlungen ableiten dürfen."

Christian Drosten selbst sagt zu seiner Rolle in der Politikberatung, er sei nicht der Kapitän und auch nicht der Steuermann, "höchstens vielleicht ein Navigator", der die Karten liest. In den vergangenen Wochen, so räumt Drosten ein, habe er ein dickeres Fell bekommen. Dass ihn Julian Reichelt gar zum Duell gefordert habe, wie es Medienberichten zu lesen ist, scheint ihm egal zu sein. "Was soll das heißen, 'zum Duell gefordert'?", fragt der Virologe im "Spiegel". "Das klingt nach tiefstem 19. Jahrhundert. Keine Ahnung, was das soll."

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