Axel Springer hat am Montag intern eine umfassende Neustrukturierung der Marke "Bild" angekündigt. Hintergrund ist die bereits vor einigen Monaten von Konzernchef Mathias Döpfner ausgerufene "Digital Only"-Strategie, durch die ja unter anderem schon die Zustellung von "WamS" und "BamS" bald eingestellt wird (DWDL.de berichtete). Nun geht man noch einen Schritt weiter und hat angekündigt, worauf sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - aber auch die Leser in den kommenden Wochen und Monaten einstellen müssen. 

Ziel sei es, so die "Bild"-Führung in einer Mail an die Belegschaft, digital weiterzuwachsen, sowohl bei den Visits, als auch bei den "Bild Plus"-Abos. Dazu soll künftig immer erst digital gedacht werden, erst danach kommt die gedruckte Zeitung. "Print entsteht aus Online", heißt es in der Mail. Um das zu erreichen, will man sich bis zum 1. Januar 2024 neu aufstellen, los geht’s mit dem Umbau bereits ab Juli. Bis zum Ende dieses Jahres soll "Bild" in den Axel-Springer-Neubau ziehen, der dortige Newsroom werde sich "zu 100 Prozent an Digital Only orientieren", heißt es.  

Die konkreten Maßnahmen im Überblick: 

  • Das Konzept der Regionalausgaben wird deutlich zusammengestrichen. Reduziert wird von 18 aus 12 Ausgaben, dort soll es künftig standardmäßig nur noch 1 Seite Lokales und 1 Seite Lokalsport geben, dadurch will man auch Fertigungskosten sparen.
  • Bestehen bleiben die Regionalausgaben Hamburg und der Norden, Frankfurt, Rhein-Main und München.
  • "Bild Saarland" wird ab 2024 als Bundesausgabe, aber weiterhin unter der Marke erscheinen. Lokalseite und Lokalsport fallen weg. "Bild Nürnberg" erscheint ab dann ohne Lokalseite, aber weiterhin mit einer Seite Lokalsport.
  • Die Tabloid-Ausgabe von "Bild Hamburg und der Norden" wird zum 1. Januar 2024 eingestellt.
  • Die Regionalausgaben Leipzig, Dresden, Chemnitz werden ab 2024 zu "Bild Sachsen". Bei Bedarf kann der Sport regionalisiert werden.
  • Die Ausgaben in Düsseldorf und Köln werden ab 2024 zu "Bild Rheinland". Bei Bedarf kann der Sport regionalisiert werden.
  • Kleine Standorte sollen zum Ende des Jahres geschlossen werden, davon betroffen sind unter anderem die Büros in Nürnberg, Stuttgart, Saarbrücken, Bremen, Hannover, Halle (Saale), Dresden, Erfurt, Düsseldorf und Köln. Nach aktuellen Planungen sollen die großen Standorte Hamburg, Leipzig, Essen, Frankfurt und München erhalten bleiben.
  • Die Marktbearbeitung durch die Axel Springer Regionalvermarktung erfolgt künftig aus einer stark veränderten Organisationsform, die auf 4 Regionen (Nord, Ost, Süd und West) ausgerichtet ist. 
  • Die Funktionen der Redaktionsleiter, Blattmacher, Korrektoren, Sekretariate und Foto-Redakteure wird es so wie heute nicht mehr geben.  
  • In dem neuen Ressort "Visual" bündelt bündelt man alle "Nicht-Text"-Journalisten von "Bild", hier sollen auch die Audio-Kollegen arbeiten. Ziel sei mehr kreative Qualität fürs Digitale.
  • Mit "Wirtschaft & Finanzen" und "Wissenschaft & Forschung" gibt es zwei weitere, neue Ressorts. Diese Themen brauche man "dringend" für digitales Wachstum. Hier will man zudem investieren und neu einstellen. 

Ob es dabei allerdings bleibt, ist unklar. In der Mail an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heißt es von der "Bild"-Führung auch, dass man sich "die wirtschaftliche Optimierung von Flächen" vorbehalte - weitere Standortschließungen sind also nicht ausgeschlossen. In Berlin will man zudem die Marketingbereiche von "Bild" und Media Impact in der Axel Springer Deutschland GmbH zusammenführen. Darüber hinaus wird es mit Nikolaus Glasmacher einen Chief Digital Officer geben, der die Bereiche Bild Digital, Video und Sport zusammenhängend verantwortet. Er folgt auf Thorsten Wiesner, bislang Managing Director Digital. Mit ihm befinde man sich derzeit in Gesprächen über künftige Aufgaben, heißt es. Darüber hinaus macht man Andreas Conradt, bislang schon Managing Director "Bild", zum Chief Transformation Officer. 

Großes Thema im Verlag und bei "Bild" ist zudem der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), die will man bei der Zeitung künftig verstärkt nutzen - die Rede ist gar von einer "KI-Offensive". KI biete enorme Chancen, Journalisten mehr Zeit für Recherche und Kreativität zu geben, schreibt die "Bild"-Führung an die Belegschaft. "Sie hilft uns, Geschichten jetzt auch im Video und im Podcast zu erzählen, kann schneiden, texten, kürzen, vertonen. Und sie unterstützt Reporter, die draußen an Geschichten arbeiten." So soll KI künftig das Layouten der gedruckten Zeitung übernehmen. 

200 Stellen sollen gestrichen werden 

Auch durch den Einsatz von KI müsse man sich von Mitarbeitenden trennen, so die Botschaft. Konkret spricht man bei Springer von einer "niedrigen, dreistelligen Zahl" an Stellen, die im Zuge des Umbaus gestrichen werden soll. Nach DWDL.de-Informationen geht es um rund 200 Stellen in Redaktion, Verlag und Vermarktung, die dem neuen Kurs zum Opfer fallen werden. Die Rede ist auch von Führungsebenen, die man "stark verschlanken" wolle, einen CvD ausschließlich für den Print-Titel soll es gar nicht mehr geben. Der Deutsche Journalisten-Verband hat Springer und Konzernchef Mathias Döpfner bereits dazu aufgefordert, keine Redaktionsjobs zu streichen. "Wenn Mathias Döpfner die Milchkuh des Konzerns schlachten will, ist das nicht nur unsozial gegenüber den Beschäftigten, sondern wirtschaftlich extrem dumm", so DJV- Bundesvorsitzender Frank Überall. 

Sollten Stellenstreichungen unvermeidbar sein, so stehe Springer in der Verantwortung, so der DJV-Chef. "Es darf keine Kündigungen geben. In einem so großen und breit aufgestellten Medienkonzern müssen den betroffenen Beschäftigten alternative Arbeitsplätze angeboten werden." Springer selbst betont gegenüber seinen Mitarbeitenden, auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten und sozialverträgliche Lösungen finden zu wollen. Ausgeschlossen scheint aber auch hier nichts. Nun beginnen erst einmal die Gespräche mit den Betriebsräten. Nach Angaben der "Bild"-Führung soll ein bereits im März 2023 vereinbarten Freiwilligenprogramm für alle "Bild"-Standorte gleichzeitig starten.

Neuzugang bei Global Advertising

Neben diesem umfassenden Umbau hat Axel Springer am Montag noch zwei weitere Meldungen in eigener Sache öffentlich gemacht. So holt man mit Moritz Minkus einen Vermarktungsexperten an Bord der internationalen Vermarktungseinheit Global Advertising. Ab sofort agiert er als Vice President Global Advertising und ist für internationale Key Accounts und die Zusammenarbeit mit globalen Agenturen zuständig. Zuletzt war er als Sales Director DACH, LatAm und MENA bei der Fußball-News-Plattform OneFootball tätig, zuvor arbeitete er aber auch schon für Metro und auch Axel Springer. Künftig berichtet Minkus an Peter Würtenberger, EVP Global Strategic Partnerships & Global Advertising, sowie an Mathias Sanchez, SVP Global Strategic Partnerships & Global Advertising. 

Springer verkauft auch seine Musik-Titel

Und dann hat der Konzern auch noch angekündigt, dass das Axel Springer Mediahouse Berlin ausgegliedert und verkauft wird. Konkret übernimmt Geschäftsführerin Petra Kalb zum 1. Juli die Mehrheitsanteile (80 Prozent) des Unternehmens, die restlichen 20 Prozent behält Springer. Im Zuge des Übergangs firmiert die Verlagsgruppe künftig unter Mediahouse Berlin.  In dem Unternehmen erscheinen die Musik-Titel "Rolling Stone", "Musikexpress" sowie "Metal Hammer". Kalb ist bereits seit 2009 Geschäftsführerin. 

Zum Schritt in die Selbstständigkeit sagt Petra Kalb: "Ich fühle mich den Marken und dem Team des Mediahouse Berlin sehr verbunden und hatte schon lange den Wunsch, mit noch mehr unternehmerischer Freiheit tätig zu sein. Ich glaube an die Kraft starker Marken, die emotionalisieren können. Unsere Kompetenz in den Bereichen Musik und Trend, Kultur und Kunst, Luxus und Lifestyle ist einzigartig. Das ist eine exzellente Ausgangsposition für künftiges Wachstum in unserem Kerngeschäft und auch für die Realisierung neuer Geschäftsideen."