Im Juni hat der österreichische Privatsender ATV zwei Ausgaben seiner neuen Kuppelsendung "Drunk Dates" gezeigt. Die besteht im Wesentlichen daraus, dass sich zwei Menschen erst dann kennenlernen dürfen, wenn sie einen bestimmten Alkoholpegel haben. Und das ist dann in etwa auch so, wie man sich das vorstellt: Die Singles werden immer wieder der Lächerlichkeit preisgegeben und auch der gezeigte Umgang mit Alkohol ist mindestens fragwürdig (Hier geht’s zur ausführlichen DWDL.de-TV-Kritik). Weil die Resonanz des Publikums aber durchaus gut war, arbeitet ATV bereits an einer Fortsetzung. 

Die zwei bislang gezeigten Folgen hat ATV mit der Alterseinstufung "ab 12" in der Primetime gezeigt. Das ist, gerade bei der exzessiven Darstellung des Alkoholkonsums, interessant. DWDL.de wollte wissen, ob ATV mit der Sendung möglicherweise gegen den Jugendmedienschutz verstößt. Weil der entsprechende Verein zur Selbstkontrolle aber nicht von sich aus tätig wird, war dafür eine formelle Beschwerde nötig. Jetzt, rund sieben Wochen nach der Beschwerde, gibt es eine Entscheidung. 

Der Verein zur Selbstkontrolle audiovisueller Medienangebote zum Schutz von Minderjährigen hat entschieden, dass ATV nicht gegen die selbstgesteckten Verhaltensrichtlinien - und damit gegen den Jugendmedienschutz - verstoßen hat. Die Entscheidung war in dem vierköpfigen ExpertInnenrat aber keinesfalls einstimmig. "Bis zuletzt" seien die Meinungen in dem Gremium auseinandergegangen, heißt es in der Entscheidungsbegründung, die DWDL.de exklusiv vorliegt. Daher habe man am Ende einen Mehrheitsbeschluss gefasst. Ein Mitglied des Rates hatte sich zuvor als befangen erklärt und nicht an Beratungen und Entscheidung teilgenommen. 

In der Entscheidungsbegründung hält der Verein zur Selbstkontrolle unter anderem fest, dass Alkohol in der österreichischen Gesellschaft "die weit verbreitetste Droge" sei und in weiten Teilen der Gesellschaft konsumiert werde. "Auch wenn seine Gefahren womöglich unterschätzt werden, ist sein Konsum weit verbreitet – und letztlich erlernt und geübt - und sind seine Auswirkungen auf den Organismus bekannt, sodass die Darstellung von tendenziell jungen Erwachsenen beim Trinken kaum ein darüber hinaus gehendes förderndes oder verharmlosendes Potential haben dürfte."

Damit stellen sich einige der handelnden Personen auf eine abschreckend wirkende Weise bloß.
Aus der Entscheidungsbegründung des Vereins zur Selbstkontrolle - und ein Denkanstoß für ATV.


Dass der Verein in "Drunk Dates" keinen Verstoß gegen den Jugendmedienschutz sieht, ist nicht weiter verwunderlich. Als Identifikationsfiguren dienen die handelnden Singles in dem Format nämlich nicht - dafür haben ATV und die Produktionsfirma Mediavilm gesorgt. Das hält auch der Verein zur Selbstkontrolle in seiner Entscheidungsbegründung fest. "Die Personen erscheinen teils wenig attraktiv, wie auch die tristen Drehorte – geschmacklos eingerichtete Gaststätten – keinen positiven Rahmen für die Datings liefern." Außerdem würden die skizzierten Herkunftsmilieus "durchaus distanzierend" wirken. Hier meint der Verein vor allem die Auslassungen einzelner Singles zu den Themen Beziehungen und Sex. Auch ATV erklärte in einer Stellungnahme gegenüber dem Selbstkontrollorgan, dass die Singles keine Identifikationsfiguren für junge Zuschauerinnen und Zuschauer seien - verwies da aber auf unterschiedliche Altersgruppen und die Abbildung einer Sondersituation (Dreh mit Sanitäterin, Warnhinweis vor Beginn der Sendung etc.). 

Der Verein schreibt in seiner Entscheidung von einem männlichen Single und dessen "erschreckend unreifen Frauenbild". Teils würden die Personen durch "peinliches Verhalten" auffallen, auch die Dialoge seien oft stockend und lallend. "Damit stellen sich einige der handelnden Personen auf eine abschreckend wirkende Weise bloß." Und während das alles gute Gründe sind, die Sendung als nicht jugendgefährdend einzustufen, bleibt die Frage: Was macht der Sender hier eigentlich mit seinen Protagonistinnen und Protagonisten? Sie haben wenig bis keine TV-Erfahrung und werden von den Redakteuren immer wieder in Situationen gebracht, in denen sie sich um Kopf und Kragen reden. 

Realitätsnahe Thematisierung von Gefahren? 

Dass man in dem Format die Kandidatinnen und Kandidaten bewusst der Lächerlichkeit preisgebe, wies ATV schon vor einigen Wochen gegenüber DWDL.de zurück. Damals teilte der Sender mit: "Da die Kandidat:innen ja auch vor den Dates und beim Folgedate nüchtern gezeigt werden, werden nicht die Personen, sondern die Auswirkungen des Alkoholkonsums der Lächerlichkeit preisgegeben - was ja auch der intendierten Aussage der Sendung entspricht." Wie man Auswirkungen des Alkoholkonsums der Lächerlichkeit preisgeben kann, gleichzeitig aber nicht die handelnden Personen, wissen sie vermutlich selbst bei ATV nicht einmal so ganz genau. Die Entscheidung des Vereins zur Selbstkontrolle könnte jetzt jedenfalls noch einmal ein Anlass sein, die Ausrichtung der Sendung zu überprüfen. 

Auch die Selbstbeschreibung der Sendung durch ATV zerpflückt der österreichische Jugendmedienschutz in der Luft. Der Sender hat in einer Stellungnahme gegenüber dem Verein angegeben, dass der Fokus des Formats auf der "realitätsnahen Thematisierung von Gefahren und Auswirkungen von Alkoholkonsum" läge. Das sei allerdings kaum der Fall, entgegnet der Jugendmedienschutz in seiner Entscheidung. Und weiter: Der Fokus würde "in erster Linie auf einer im Kern effektheischenden Darstellung von Personen und wie sie unter Alkoholeinfluss beim Dating reagieren" liegen.