Ziemlich genau ein Jahr nach der Ankündigung war es am 19. Juni soweit: Parallel zum eigenen Streamingangebot TF1+ sind seit knapp drei Wochen alle linearen Sender und On-Demand-Inhalte des französischen TV-Konzerns Groupe TF1 ohne Aufpreis bei Netflix integriert. „Mehr zu sehen, alles an einem Ort“, so der Kampagnenslogan des globalen Streamers zum Start. Groupe TF1 erhofft sich durch den Deal besseren Zugang zu jüngeren Zielgruppen, um die Werbevermarktung zu stärken. Via Netflix erzielte Reichweite wird weiterhin von TF1 selbst vermarktet. Eine technisch durchaus komplexe Integration.
Netflix wiederum will die Verweildauer der Abonnent*innen in der eigenen App erhöhen, die nun z.B. zwischen Highend-Fiction des Streamers und lokalem Programm aus News, Sport und Unterhaltung von Groupe TF1 switchen können, ohne die Netflix-App verlassen zu müssen. Und das nicht nur on demand: Die Sender TF1, TMC, TFX, TF1 Séries Films und der Newssender LCI sind als Livestream verfügbar. Netflix wird zum Aggregator. „Die Menschen haben mehr Unterhaltungsoptionen als je zuvor, daher müssen wir ihnen die beste Auswahl an TV-Serien und Filmen auf nahtlose und personalisierte Weise bieten“, sagt Greg Peters, Co-CEO von Netflix.
Nach drei Wochen zieht Groupe TF1 jetzt eine erste Bilanz und spricht an diesem Donnerstag von einer „gelungenen Weltpremiere“: Die Partnerschaft habe zu einem Anstieg der Zuschauerzahlen geführt. Bereits am Donnerstag, den 25. Juni, wurde demnach ein Tagesrekord von 8,3 Millionen Unique Streams via TF1+ und Netflix verzeichnet, maßgeblich getragen durch das Staffelfinale der Adventure-Reality „Koh-Lanta“ und dem Start einer neuen Staffel von „Secret Story“ (einer „Big Brother“-Variation) sowie der von Hulu lizensierten US-Serie „Good American Family“.
16 Prozent mehr Streaming-Reichweite
In der ersten Woche stiegen die täglichen Unique Streams im Vergleich zur Vorwoche nach Angaben von TF1 um 16 Prozent. Besonders bei den 15- bis 34-Jährigen sei eine besondere Dynamik im Nutzungszuwachs zu erkennen, heißt es schwammig formuliert in der Mitteilung. Und man merkt bei Groupe TF1 ebenso stolz an: Inhalte der Gruppe seien immer wieder in den Netflix-Top10 vertreten. Die Werbevermarktung laufe „exzellent“, vergleichbar mit der direkt auf TF1+. Nähere Angaben machte Groupe TF1 auch hierzu allerdings nicht. Die Botschaft, die man vermitteln will, wird trotzdem deutlich: Das Ding läuft.
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Bei einer stichprobenartigen Nutzung des französischen Netflix zeigt sich beim DWDL-Test in der dritten Woche des kombinierten Angebots eine tatsächlich nahtlose Integration ohne spürbare Probleme in der Benutzeroberfläche: TF1-Inhalte finden sich einerseits gesondert herausgestellt mit klarem Absender, aber andererseits auch vollständig integriert in Netflix-Features wie „Weiterschauen“, „Meine Liste“ oder eben Top10-Rankings. Interessantes Detail, Beleg der Trennung in der Vermarktung: Auch Kunden der werbefreien Netflix-Tarife erhalten beim Abruf von TF1-Inhalten Werbung ausgespielt.
„Unsere für einen Zeitraum von 18 Monaten festgelegten Zuschauerziele wurden in weniger als drei Wochen erreicht. Dieser Start bestätigt die Relevanz dieser einzigartigen Partnerschaft und das Interesse des Publikums an unseren Inhalten“, erklärt Rodolphe Belmer, CEO der Groupe TF1. Und in der Tat wird dieser bislang weltweit einmalige Deal aufmerksam verfolgt, etwa auch bei ProSiebenSat.1 in Unterföhring, wo durch den AVoD-Ansatz von Joyn eine ähnliche Zusammenarbeit mit Netflix denkbar ist. Angesichts des Sky/RTL-Deals ist der Druck auf Wachstumsfantasien für ProSiebenSat.1 gestiegen.
Blaupause für ProSiebenSat.1?
Partnerschaften seien essentiell, um Wachstumsfelder zu identifizieren, sagte Nicole Agudo Berbel, Geschäftsführerin und Chief Distribution & Partnerships Officer bei der Seven.One Entertainment Group, Mitte Mai auf der ANGA COM in Köln. Konkret angesprochen auf den TF1/Netflix-Deal erklärt Berbel vor knapp zwei Monaten: „Wir können uns durchaus vorstellen, auch in anderen Kontexten unsere Inhalte - Joyn und auch unsere Sender - zu distribuieren. Wir denken darüber nach; schauen uns das an, aber sind da im Moment noch in der Findungsphase.“
In Unterföhring, wie auch anderen Medienhäusern in diversen europäischen Märkten, wird man die Entwicklung in Frankreich weiter aufmerksam verfolgen. Kritisch gesehen wird, gerade mit europäischer Brille, die so oft diskutierte Frage der eigenen Souveränität bzw. Abhängigkeit von globalen Playern wie Netflix. Doch die Skepsis bröckelt, wenn man sich z.B. die aktuellen YouTube-Deals von BBC oder France TV anschaut. Eine ganz andere kritische Perspektive auf die intensive Zusammenarbeit von Netflix mit lokalen, nationalen Broadcastern bleibt aber bestehen.
Es ist der Blick der großen Produktions- bzw. Distributionshäuser: Rechtlich gesehen ist der Deal zwischen TF1 und Netflix kein Lizenzdeal. Netflix transportiert vielmehr einfach das gesamte Angebot des bestehenden TF1+-On-Demand-Angebots. Ein Kniff, den einige internationale Content-Distributoren juristisch genau analysiert haben dürften, aus zwei Gründen: Zum Einen sind an TF1 lizenzierte Programme nun auch auf Netflix, ohne dass Rechteinhaber dafür Geld gesehen haben. Im Gegenteil, und das ist der zweite Grund: Der Wert weiterer Verwertungsfenster dürfte nach der großflächigen Verfügbarkeit sinken.
Netflix und TF1, zwei ziemlich beste Freunde. Wer hier wem wie sehr hilft, lässt sich allerdings noch nicht bestimmen. Klar ist aber: Diese weltweit bisher einmalige Integration des kompletten Angebots eines nationalen TV-Konzerns in die Netflix-Architektur bei gleichzeitig unabhängiger Vermarktung des Werbe-Inventars wird daher noch weitreichende Auswirkungen haben. Nicht nur bei möglichen Folge-Deals von Netflix in weiteren Territorien, auch auf den Format- und Lizenzhandel, in dem das Windowing - also die Vermarktung von Inhalten über mehrere Verwertungsfenster hinweg - ohnehin schon der neue Wilde Westen ist.
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