Wie blickt jemand ins Jahr 2026, der beruflich wie privat schon so viele gute Zeiten und schlechte Zeiten mitgemacht hat wie Sylvia Fahrenkrog-Petersen? Angst und Verzweiflung scheinen jedenfalls keine Gefühlskategorie zu sein, von der sich die TV-Produzentin von Factual Entertainment wie "Mein Lokal, Dein Lokal" beherrschen lässt. Die Firma, die sie Ende der 1990er gründete, gibt es nicht mehr. In der Rush Hour ihres Lebens wurde sie Witwe. Und dennoch hat sich bislang Artikel 3 des Kölschen Grundgesetz wie ein roter hoffnungsvoller Faden durch das Leben der Wahl-Kölnerin gezogen:
Et hätt noch emmer joot jejange.
Nur gilt das auch mit Blick auf die noch unübersichtlichen Entwicklungen bei ProSiebenSat.1 unter den neuen Eignern aus Mailand, mit denen Sylvia Fahrenkrog-Petersen jetzt zu tun hat?
Seit gut zwei Jahren hat sie mit Cornelia Landgraf die Geschäftsführung der sendereigenen Produktionstochter Just Friends Productions. Um beide herum setzt das große Produzentensterben ein. Tower, Sony, SEO, 99pro, alle nicht mehr da. Auch die Good Times, die Fahrenkrog-Petersen 24 Jahre lang führte und in der Landgraf als Produzentin mitarbeitete, ist vom Markt verschwunden.
Doch ins Branchenlied in Moll mag Sylvia Fahrenkrog-Petersen nicht einstimmen. Sie sagt mit erstaunlicher Gelassenheit: "Es hat keinen Sinn zu lamentieren. Die Welt verändert sich unaufhaltsam. Punkt. Ich weiß: Irgendwie wird’s schon weitergehen."
Woher sie ihre Zuversicht nimmt?
© Just Friends Production/Nils Freidel
Dort in der Hauptstadt war die gebürtige Schwäbin aus Ehingen bei Ulm in ihrem früheren Leben in der Musikindustrie tätig. Sie erlebte den Zusammenbruch mit, als die Musiktauschbörsen aufkamen und die Majors alle den Bach runtergingen. Aber dann habe sich die Branche "auf anderem Niveau neu erfunden", was Sylvia Fahrenkrog-Petersen zu dem Glauben bringt: "Diese Entwicklung wird auch in der TV-Branche so stattfinden."
Das klingt wie gute Musik in den Ohren, ebenso wie ihr Nachname. Er stammt von ihrem ersten Ehemann Lutz Fahrenkrog-Petersen. Den Komponisten und Musikproduzenten (und jüngeren Bruder von Nenas Keyboarder Uwe Fahrenkrog-Petersen) lernte die damals Anfang Zwanzigjährige im Berlin der Wendezeit kennen, wo sie an der Hochschule der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studierte. Wie viele Musikproduzenten war Lutz sehr kreativ, aber wirtschaftlich unerfolgreich. Also legte sie sich ins Zeug, die Musik des Gatten zu vermarkten.
Der erste große gemeinsame Erfolg war eine Popband, die fast 30 Jahren später just den Namen von Sylvia Fahrenkrog-Petersens heutiger Produktionsfirma tragen sollte: Just Friends. Die Vierer-Gruppe aus Denise Zich, Sabine Manke, Matthias Fuchs und Daniel Höferlin wurde 1995 von den Fahrenkrog-Petersens eigens für die RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ("GZSZ") gecastet und spielte sich dort selbst, mit allen Höhen und Tiefen und love interests in der Story. Die Serienauftritte wurden geschickt mit der Veröffentlichung der Singles verknüpft. Diese innovative Verbindung zwischen Musik und Handlung war in der TV-Landschaft Avantgarde. Abseits des fiktiven Band-Lebens ging Just Friends auf Tour (bitte mithüpfen), stand sogar mit den Backstreet Boys und Caught in the Act auf derselben Bühne. Die Musik, feinster 90er-Jahre-Plastik-Pop, verkaufte sich Gold-ig.
Während es "GZSZ" immer noch gibt, war die Band aus der Retorte schon nach drei Jahren Geschichte. Leider hielt auch Sylvia Fahrenkrog-Petersens Ehe nicht "Ever and Ever" (so der Titel des bestverkauften Just Friends-Hits). Damit war auch ihre Liebe zur Musikindustrie erloschen. Was also tun? Irgendwie musste die frisch Geschiedene mit kleinem Kind an Geld herankommen.
Und so fing sie an, als freie Redakteurin den Talkshows "Ilona Christen" (RTL), "Fliege" (ARD) oder "Hera Lind & Leute" (ZDF) bei der Themen-Recherche zuzuarbeiten. Durch learning by doing kam sie bei "Schreinemakers Live" (Sat.1) ans Filmemachen ran – und auch an ihren späteren, zweiten Ehemann Karl-Heinz Angsten, der Margarethe Schreinemakers‘ Redaktionsleiter war. An Aufträgen wurde es immer mehr, sodass die Talk-Spezialistin 1998 beschloss, Sendungen als Subproduzentin zu beliefern. Dafür tat sie sich mit Andrea Schönhuber zusammen, die Erfahrung vom Sat.1-Magazin "Die Akte" mitbrachte. Es war die Geburtsstunde der Produktionsfirma Good Times.
Sylvia Fahrenkrog-Petersen zufolge war dieser Schritt ins Unternehmertum letztlich aus der Not geboren, "weil kein Job zu kriegen war". Als alleinerziehende Mutter hätte sie sich auch gar nicht an die Arbeitszeiten in einer Festanstellung halten können. Ein unkalkulierbares ökonomisches Wagnis war es für sie, die sich als "sehr sicherheitsbewussten Menschen" bezeichnet, offenbar nicht:
"Ich erfülle das Klischee der schwäbischen Hausfrau"
"Ich ging nie ins Risiko, weil ich nie Kredite aufnahm. Ich hasse Bürgschaften, ich hasse Leasingverträge. Ich erfülle das Klischee der schwäbischen Hausfrau." Sagt’s und schiebt die schöne Anekdote hinterher, dass ihr die Mutter eintrichterte: "Ich habe einmal einen Kühlschrank auf Raten gekauft. Der war dann letztlich doppelt so teuer. Mach das nie!" Das hat sich bei Sylvia Fahrenkrog-Petersen festgesetzt. Sie investierte immer nur das, was sie hatte. Und so wurde die eigene Firma langsam, aber sicher größer.
Das Ziel, die erste eigene Sendung zu produzieren, erreichte das Duo Schönhuber/Fahrenkrog-Petersen 1999 mit "Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn" bei Sat.1. Das halbstündige, halbsatirische Doku-Format, das der junge wilde Tommy Wosch moderierte (hier entlang zu seiner "Nahaufnahme"), durfte allerdings nicht mehr so heißen, weil die TV-Firma Grundy Ufa wegen der Titelähnlichkeit mit besagter RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" eine einstweilige Verfügung erwirkte. Also wurde "GNSN" in "LNBN" umbenannt.
"Liebe Nachbarn, böse Nachbarn", so die Langform, kam über zwei Staffeln nicht hinaus. Das war aber kein grand malheur, denn von RTL kam ein Großauftrag fürs Frühstücksfernsehen. "Mein Morgen" sollte die erste interaktive TV-Show werden, die täglich live im Internet übertragen und von Anne Gesthuysen und Tanja Paidar moderiert wird. Dafür war ein Umzug zum Senderhauptsitz in Köln unausweichlich. Da Andrea Schönhuber aus privaten Gründen aber in der Hauptstadt bleiben wollte, trennten sich die Wege der beiden Fernsehfrauen. Schönhuber gründete die Imago und Fahrenkrog-Petersen machte in Köln mit der Good Times weiter.
Mit dem Neustart in der Domstadt tat sich Sylvia Fahrenkrog-Petersen anfangs schwer. Nicht nur weil "Mein Morgen" trotz (oder wegen) eines auf Seriosität bedachten, nicht billigen Konzepts nie die erhofften Quoten erreichte. Berlin war nach dem Mauerfall einfach die Stadt schlechthin. Man konnte morgens um fünf frühstücken oder nachmittags um 17 Uhr. "Da war immer was los." Köln kam der Neu-Kölnerin dagegen "sehr kleinbürgerlich, kleinstädtisch" vor. Das erste Büro organisierte ihr Markus Möltgen, damals Herstellungsleiter bei Vox, im fünften Stock der CBC am Butzweiler Hof zum relativ günstigen Preis. Von dort aus legte die Good-Times-Chefin mit drei Leuten los. Bis zum Verkauf an die Banijay Germany im Jahr 2019 war die Firma auf 225 Leute angewachsen.
"Der Trödeltrupp" brachte den Durchbruch
Sylvia Fahrenkrog-Petersens erste Köln-Jahre waren privat von Glück geprägt. Sie heiratete Karl-Heinz Angsten, der zwei Kinder in die Verbindung brachte. Ein gemeinsames Kind kam hinzu. Angsten wurde auch zeitweise Geschäftsführer der Good Times. Beruflich war diese Liaison durchaus angreifbar (wie "Ruhrbarone" recherchierte). Hinzukam, dass in Deutschland nach Fahrenkrog-Petersens Erfahrung "leider Gottes sehr wenig an die eigenen Entwickler geglaubt wird" und die es immer schwerer haben gegen die internationalen Firmen mit ihren umfangreichen Formatkatalogen.
So gelang der große Durchbruch der Good Times im Factual-Entertainment-Geschäft erst im Jahr 2009 mit der Eigenentwicklung "Der Trödeltrupp" und auch nur, weil Axel Kühn, damals Programmdirektor bei RTLzwei, Fahrenkrog-Petersen "noch einen Gefallen schuldete" und deshalb das Go für erstmal neun Folgen gab. Inzwischen laufen die alten Folgen teilweise in der 16. Wiederholung auf dem Sender.
© Just Friends Production/Nils Freidel
Mit Stolz blickt sie zurück, dass sie "immer drangeblieben" sei und eine hohe Frustrationsfähigkeit entwickelt habe: "Wenn man immer wieder etwas pitcht und dann immer wieder erklärt bekommt, dass das der größte Scheiß ist: Das macht einen drei Tage lang völlig fertig. Aber dann leckt man seine Wunden und zieht wieder los und bietet an."
Sie blieb auch dran, als sie am 2.12.2011 mit dem plötzlichen Herztod von Karl-Heinz Angsten der größte anzunehmende Schicksalsschlag ereilte. Eine andere Option als weitermachen gab es nicht. "Sonst wäre ich in ein noch größeres Loch gefallen." Auf die Frage, ob Unterstützung aus der Branche kam, fragt Sylvia Fahrenkrog-Petersen zurück: "Glauben Sie das im Ernst?" Niemand habe gefragt: "Wie geht’s dir? Kann ich helfen?" Im Gegenteil. Es wurden ihr sogar Aufträge entzogen.
2019 war dann der Punkt erreicht, an dem die Good-Times-Chefin beschloss, die Unabhängigkeit aufzugeben und sich unter das Riesendach der Banijay zu begeben, in der Hoffnung auf (noch) bessere Zeiten. Sie wollte nicht mehr nur als kleiner Player "im eigenen Saft kochen", sondern mal bei den großen internationalen Firmen mitmischen. Sie lernte die Produzenten der "Kardashians" kennen und von "Surviving R. Kelly". Mitzukriegen, wie so ein Konzern tickt und wie der internationale Markt funktioniert, bewertet sie heute als "wertvolle Weiterentwicklung".
Was Sylvia Fahrenkrog-Petersen bereut...
Andererseits muss sie rückblickend sagen, hätte sie "nie einer zweiten Geschäftsführung zustimmen dürfen". Im ersten Moment fand es Sylvia Fahrenkrog-Petersen "eine gute Idee", weil sie dachte, "das bringt noch mal einen anderen Input". Doch im Duo mit Co-Geschäftsführerin Shona Fraser "funktionierte es leider nicht gut, es gab überhaupt keine Schnittmenge". Also ging sie 2022. Groll hege sie nicht, beteuert sie: "Wenn man eine Firma verkauft, dann hat der neue Eigner jegliches Recht zu entscheiden. So ist das Spiel." Und wenn sie jetzt sehe, wo die Fernsehbranche hingeht, sei es "die richtige Entscheidung" gewesen.
Banijay Germany hat Good Times 2024 liquidiert. Auf die Frage, wie sehr sie das völlige Verschwinden der Marke schmerzt, kann sich die Firmengründerin nur zu diesem einen Wort durchringen: "Sehr."
Mit Sylvia Fahrenkrog-Petersen verließ auch ihre langjährige Weggefährtin Cornelia Landgraf die Banijay. Auch wenn die beiden vom Typ her komplett unterschiedlich sind – "Cornelia ist extrem strukturiert, ich neige eher zum Chaos" – verbindet die beiden Produzentinnen extreme Loyalität, Treue und Diskussionsfreude. Während Fahrenkrog-Petersen nach der dreijährigen Banijay-Episode noch ein paar juristische Scharmützel auszufechten hatte, startete Landgraf schon bei der ProSiebenSat.1-Tochter Flat White nun als Geschäftsführerin neu durch und das gleich mit einer Herkulesaufgabe, die eigentlich nicht zu bewältigen war: dem Frühstücksfernsehexperiment "Volles Haus" am Sat.1-Nachmittag. Bekanntlich ging das nicht lange gut.
Als Fahrenkrog-Petersen wenig später zu ProSiebenSat.1, genauer Seven.One Studios dazustoßen konnte, verpassten sie und Landgraf der Flat White einen neuen und unbelasteten Namen. Et voilà: Just Friends. Weniger aufregend ist ihr Produzentenleben dadurch freilich nicht geworden. Der Konzern in München-Unterföhring ist seit Oktober in italienischen Händen. Wie sie auf die neue Eigentümersituation blickt?
Na, ziemlich angstfrei.
Ohne Angst in die Zukunft
Sie weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, ob man mit eigenem Geld wirtschaftet oder mit dem Geld von anderen. Und weil sie beides kennt, blickt sie "anders und mit weniger Angst in die Zukunft" als viele ihrer Kollegen, die immer nur in einer Konzernstruktur waren. Wörtlich sagt sie: "Ich sehe es ganz nüchtern: Wer so viel in ein Unternehmen investiert, hat jedes Mitspracherecht der Welt. Gerade in einer Zeit, wo es einer Transformation bedarf, um überhaupt bestehen zu können. Wir bei Just Friends wissen, dass wir mit unserem Budget haushalten müssen – und arbeiten schon seit langer Zeit nach dieser Maxime."
Vor dem Jahr 2026 ist Sylvia Fahrenkrog-Petersen also nicht bange. Es sehe "nicht so schlecht aus". Mit "Wild Wild Wedding", seit 10. November im Programm von TLC, hat die Just Friends ihr erstes außerhäusiges Doku-Format verkauft. Für den SWR ist eine Produktion in Planung. Mit "Mein Lokal, Dein Lokal" und "Die Lebensretter" geht es weiter. Für die "Restposten-Kings", die bei Kabel Eins sehr gut liefen, hofft die Ko-Geschäftsführerin auf eine Fortsetzung und ebenso darauf, dass der neue RTLzwei-Senderchef Thorsten Braun sie "durch die Tür lässt".
Wann sie selbst die geschäftliche Tür hinter sich schließt und nur noch das Gute genießt, weiß Sylvia Fahrenkrog-Petersen derweil noch nicht. Sie sei jetzt in einem Alter, wo man nicht mehr die Firma wechselt und die Just Friends wahrscheinlich ihre letzte berufliche Station sei, sagt sie. Momentan finde sie aber alles noch sehr spannend: "Ich denke nicht, ich muss dringend weg, weil der Druck so groß ist. In meinem Leben habe ich, wie gesagt, schon ganz andere Drucksituationen bewältigt."
Vielleicht bleibt ja neben dem Produzieren auch Zeit, um Italienisch zu lernen. Wie wär`s?
Der Vorschlag kostet Sylvia Fahrenkrog-Petersen einen Lacher. Dann erzählt sie, dass sie dieses Jahr in Sizilien im Urlaub gewesen sei. "Und ich fand es sehr, sehr schön."
Va bene e buona fortuna!
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