Down Under werden jetzt wieder Reis und Bohnen, Kamelanus, Affenpenis, Känguruhoden und andere proteinreiche Köstlichkeiten gereicht. Aber man soll sich bloß nicht täuschen lassen: Die Aussie-Cuisine ist variantenreicher, als es die Sterne-Küche im RTL-Dschungelcamp erscheinen lässt. Schon mal Krokodilrippen und Emuleber in Bondi Beach gegessen? Hans Mahr hat es getan. Und lässt das Social-Media-Publikum an seinen Genüssen teilhaben.

TheHans TV ist eine Art digitaler Restaurantführer mit professionellem Anspruch und das neuste Projekt des in Wien geborenen Globetrotters, der in seinem Berufsleben schon so vieles war, dass die Frage berechtigt ist: Was kann dieser Hans Mahr eigentlich nicht?

Er war Politik-Journalist, Kriegsreporter und Verlagsgeschäftsführer bei Österreichs größter Tageszeitung, Spindoktor für die SPÖ, Herausgeber eines Genussmagazins, Chefredakteur bei RTL und Sportvorstand bei Premiere, Aushilfs-Hairstylist für Fernsehmoderatorinnen und Manager von Formel 1-Rennfahrer Ralf Schumacher. Seit nunmehr 20 Jahren tourt der Tausendsassa als freischaffender Medienberater durch die Welt und kostet sich durch landestypische Küchen.

Hans Mahr © IMAGO / APress
Nun ist diese neue Rolle hinzugekommen: die des Gastro-Influencers. Oder ist "Gastro-Terrorist" passender?

Der Mahrhansi – so taufte ihn einst Harald Schmidt – ist ein Genussmensch vor dem Herrn, wie er in der Fernsehbranche häufig anzutreffen ist, nur halt in einer Ultra-Version. Ferrari, Rolex, Boot, Flugzeug? Na, net, ist dem Österreicher, der 50 Prozent deutsche DNA besitzt (Mahrs Mutter stammt aus Halle an der Saale), zu teuer. Aber einen Luxus leistet er sich: Er geht gerne und oft gut essen und trinken.

Die wildesten Gerüchte kursieren über Mahrs Restaurantbesuche. So sagen ihm die Ex-RTL-Kollegen nach, dass er einmal bei einem beruflichen Trip nach Sydney auf einem Zwischenstopp in Tokio bestand – er kannte halt dort ein sehr gutes Lokal. Sein häufiger Mit-Esser Niki Lauda wiederum, mit dem er einst die Formel 1 bei RTL großmachte, beschwerte sich, dass Mahr in jedem Lokal, in dem er mit ihm war, etwas auszusetzen hatte. Platzte ihm die kulinarische Hutschnur, soll er sogar in die Küche gestürmt sein, um die Verantwortlichen höchstpersönlich zu belehren.

Wen wundert da noch die von seinem RTL-Spezl Gerhard Zeiler überlieferte Klage, er sei mit Kochrichter Gnadenlos schon mal aus einem Restaurant geflogen, weshalb er jedem rate, niemals hungrig mit Mahr essen zu gehen, es könnte schlimm enden? Erschütternd auch die Erzählung über das erste Date mit seiner seit vorigem Jahr angetrauten Liebsten, der RTL-Moderatorin Katja Burkard: Nach üppig ausgefochtener Diskussion landeten die für den Herzbuben gezauberten Spaghetti mit Kaviar im Mülleimer.

Hans Mahr in Sydney © The Hans In Sydney gönnte sich Hans Mahr einmal Hummer. Hungrige Mit-Esser waren Bundeskanzler Kohl und die Chefredakteur Kai Diekmann (Bild) und Helmut Markwort (Focus).

Wirklich so schlimm? Muss man davon ausgehen, dass Köche und Wirte Hans Mahr fürchten? Gleicht Fine Dining mit ihm einer Mutprobe, bei der man die eigene Peinlichkeitsgrenze am besten auf null herunterfährt? Und wie kann der Überzeugungstäter im Speiseraum auf diesem Ruf überhaupt ein Geschäftsmodell aufbauen? Ist es das überhaupt?

Lang muss Hans Mahr nicht überlegen, als man ihn an einem Nachmittag dieser Woche in seinem Kölner Büro erreicht: „TheHans TV ist ein Hobby, weil ich noch kein Geld damit verdiene. Aber die Idee ist schon, dass es irgendwann einmal monetarisiert werden muss. Nur für den bescheidenen Social-Media-Ruhm würde ich es auf die Dauer nicht machen.“

Sagt’s und ist von der ersten Minute top aufgelegt, obwohl er an diesem Tag noch kaum etwas gegessen hat. Momentan ist bei Mahr Schmalhans in der Küche angesagt. Noch vor Beginn der christlichen Fastenzeit isst er reduziert, um danach wieder ordentlich zuschlagen zu können. Wie und wo genau, werden seine Follower zu sehen bekommen, dank vieler helfender Kamerahände.

Das Team von TheHans TV besteht im Prinzip nur aus ihm selbst – und der mit ihm „leidenden Familie“, allen voran seiner Ehefrau Katja. Es sei nicht immer lustig, wenn man mit ihm essen gehe und immer irgendjemand das Handy halten müsse, um zu filmen, gibt der 76-Jährige zu. „Aber sie sind so nett und machen mit.“ Genauso wie seine Essensfreunde, von Ex-Burg-Intendant Matthias Hartmann über Olli Pocher bis zum Euronews-Chef Claus Strunz.

So überraschend kommt Hans Mahrs Influencertum nicht. Sein kulinarisches Erweckungserlebnis hatte er in den 1970ern als Reporter bei der „Kronen“-Zeitung. Die Kantine im Haus sei „ganz grauenvoll“ gewesen. Zweimal im Jahr kam die Lebensmittelpolizei, einmal im Jahr gab es Fälle von Gelbsucht. „Schrecklich.“ Da schwor sich Hans Mahr: „Wenn ich essen gehe, dann gehe ich gut essen, sonst brauche ich gar nicht essen . . .“ Das blieb nicht unbemerkt.

1997 kürte ihn der Gault Millau zum „Feinschmecker des Jahres“. Das Prädikat „Weinnase“ trägt er seit 2004. Über viele Jahre schrieb er zudem Kolumnen über Restaurants und gutes Essen, bei „GQ“, in der „Welt“, im österreichischen Wirtschaftsmagazin „trend“ und im Genussmagazin „Falstaff“ (das er 2010 als Herausgeber und Miteigentümer aus seiner Heimat nach Deutschland holte). Auch ein Buch mit 500 Restauranttipps gibt es von ihm. Dass er nun verstärkt aufs Digitale umsteigt, ist Konsequenz seiner Lebensdevise: „Man muss sich anpassen oder man wird angepasst.“

Konsequenterweise hat er für diese Anpassung im vorigen Sommer eine internationale Agentur engagiert, die TheHans TV professioneller aufsetzt, auf Insta, bei YouTube und als eigene Plattform. ML Marketing zählt Real Madrid und den FC Bayern zum Kundenstamm; drunter macht’s der Mahrhansi net. TheHans ist dazu eingetragene Marke und die „TheHans Awards“ Ausdruck seiner Wertschätzung für höchste Kochkunst.

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Er selbst sieht sich ja eher als Küchenschmeichler denn als Küchenstürmer und gibt an, nicht zu wissen, ob er gefürchtet werde: „Ich hoffe, geachtet.“ All die Gerüchte über Hausverbote et cetera: ihm zufolge „Übertreibung“. In die Küche gehe er lieber, wenn er dazu eingeladen werde. Zehn Flugstunden Umweg, nur um in einem bestimmten Lokal zu speisen, hätte er nie in Kauf genommen. Und mit dem Zeiler habe er das Restaurant übrigens „freiwillig“ verlassen, nachdem sie eine Stunde aufs Essen hätten warten müssen und ihnen dann „was wirklich Absurdes“ aufgetischt worden sei.

Uns bleibt nichts anderes übrig, das als Aussage gegen Aussage so stehen zu lassen und festzuhalten: So scharf wie eine Chilischote Hans Mahr als Gast bei Tisch sein kann, so kompromisslos und fordernd wurde er auch in den zehn Jahren als Informationsdirektor und Chefredakteur bei RTL wahrgenommen, die wohl die prägendsten in der Sendergeschichte waren.

Von Wiener zu Wiener

Nach einem Abstecher in die Politik (unter anderem als Wahlkampfmanager des späteren Bundeskanzlers Bruno Kreisky) hatte sich Hans Mahr bei der „Krone“ zum Geschäftsführer hochgearbeitet, als ihn Mr. RTL nach Köln holte. Helmut Thoma, ebenso gebürtiger Wiener, nahm Mahrs Begeisterung für die News, vor allem die von CNN, sehr ernst und glaubte daran, dass der erprobte Print-Journalist für die Chefredaktion von RTL geeignet sei. Den Vertrauensvorschuss findet Mahr von Thoma im Nachhinein sehr mutig, denn im Prinzip sei er „frei von jeder Fernsehexpertise“ gewesen. Er habe selbst Bauchweh gehabt.

Helmut Thoma und Hans Mahr © IMAGO / teutopress Helmut Thoma und Hans Mahr bei einer RTL-Pressekonferenz im Jahr 1998.

Deshalb rief er seinen Freund aus Kriegsreportertagen an, den berühmten Anchorman Peter Jennings von ABC News: „Peter, darf ich euch über die Schulter schauen, wie ihr die News macht?“ Er durfte. Nach drei Wochen Blitz-Ausbildung in New York war Hans Mahr ready für RTL. Am 2. Mai 1994 war sein erster Arbeitstag in Köln und die Redaktion froher Erwartung, aber es gab erste Probleme. Verständigungsprobleme. Manch einer wünschte sich (nur im Spaß) Untertitel, um dem Österreicher folgen zu können. Sie haben ihn dann aber schnell verstehen gelernt – und sich von ihm auf Breaking-News-Tauglichkeit nach amerikanischem Modell trimmen lassen.

So mietete Mahr unter anderem einen Helikopter an, der immer abhob, wenn es irgendwo brannte. (Oder er brachte einfach nur wunderschöne Wetterbilder mit.) Auch er selbst flog für Interviews und Hintergrundgespräche um die Welt. Zum Glück hatten seine Assistentinnen einen guten Draht zu den Airlines. Diese stoppten schon mal den Flieger, damit der Herr Informationsdirektor auf den letzten Drücker zusteigen konnte. Und auf einer Pressereise im Tross von Bundeskanzler Helmut Kohl nach Marrakesch ließ Mahr die Satellitenschüssel im Hotel so ausrichten, dass er die RTL News empfangen konnte. Per Handy ging dann seine Order nach Köln: „Net zu viel Kosovo!“

Mahr war halt als News-Verantwortlicher auf die richtige Mischung bedacht, und auf Schnelligkeit. Es gab ein Alarm-System per SMS, das Mitarbeiter nachts um drei weckte: „Es ist Krieg im Irak. Alle in den Sender.“ Parallel tobte der Krieg der Knöpfe mit den Öffentlich-Rechtlichen, zu deren langjähriger Informationskompetenz die RTL-News aufholen sollten. Den Eigentümer Bertelsmann wusste Mahr dabei an seiner Seite. Nachrichten seien für den damaligen Vorstandsvorsitzenden Mark Wössner (und die späteren auch) eine „wichtige Imagefrage“ gewesen, erinnert er sich. Als die Mit-Eigentümer aus Luxemburg und Belgien das „Nachtjournal“ hätten abdrehen wollen, weil es kein Geld einbrachte, habe Bertelsmann dagegen gestimmt. „So konnten wir es fortführen.“

Ja, erinnern sich Weggefährten, Hans Mahr habe ihnen damals viel abverlangt. Aber er zeigte sich auch großzügig, spendierte schon mal einen Ski-Ausflug, wenn die Quote stimmte. Und die stimmte oft. Nicht nur an Nine Eleven, der Feuerprobe für die RTL News, für die Hans Mahr und Anchor Peter Kloeppel mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurden.

 

"Das ganze Medienhaus muss dramatisch umgebaut werden, weil sich der Markt dramatisch verändert hat."

 

Angesichts dieser glorreichen Historie wundert Mahrs Antwort auf die Frage, wie er über das aktuelle Tabula rasa mit 230 Stellenstreichungen bei den RTL News denkt, erstmal nicht:

„Natürlich hat mein Journalistenherz geschmerzt, und sicher das auch von allen Verantwortlichen bei RTL. So einen harten Schritt geht man nicht leichtfertig.“ Dann folgt Mahrs Aber. Er glaubt nicht, dass „Shift 2026“ verhinderbar ist: „Besser einmal voll durchgreifen als in Etappen. Es hilft ja nix: Das ganze Medienhaus muss dramatisch umgebaut werden, weil sich der Markt dramatisch verändert hat.“ Es gelte, was er zuvor gesagt habe: „Entweder man verändert sich oder man wird verändert und verliert den Anschluss.“

Mahr stimmt also den aktuellen RTL-Bossen zu: Das Haus müsse sich vom linearen Fernsehen wegbewegen, schlanker werden, dafür vor allem in digitale Plattformen investieren. Dennoch meint man bei dem 76-jährigen News-Junkie Erleichterung herauszuhören, dass er für die Geschicke von RTL nicht mehr in charge ist. Im November 2004 machte er beim Sender Schluss, ihm zufolge aus freien Stücken.

War denn die RTL-Kantine so schlecht?

Da muss Mahr lachen. Mit CEO Gerhard Zeiler sei er der gleichen Meinung gewesen, dass man nichts länger machen soll als zehn Jahre. Und was die Kantine betrifft: Die sei „nicht übermäßig gut“ gewesen. „Um ehrlich zu sein: Ich habe kein einziges Mal dort freiwillig gegessen, nur wenn Gäste da waren, ging ich mit und bestellte mir einen Salat. Ich hasse Kantinen prinzipiell.“ Die Geschäftsreisen nutzte er dafür immer auch als kulinarische Expeditionen. Probleme mit der Spesenabteilung gab es ihm zufolge nicht. Er habe die Restaurantbesuche „nur reduziert verrechnet“ und tue das auch heute noch so.

Hans Mahr © IMAGO / APress
Heute ist er: Chef der eigenen Beratungsfirma MahrMedia und bringt seinen Kunden sozusagen gutes Fernsehen bei. Die Parallele zu gutem Essen liegt für ihn auf der Hand: „Die Mixtur muss bei beidem stimmen. Und: Es muss in erster Linie dem Publikum respektive dem Gast schmecken.“ Es sei genauso, wie schon Helmut Thoma sagte: „Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.“

MahrMedia gründete Mahr nach einem fünfmonatigen Intermezzo beim Pay TV von Georg Kofler. Die Anfänge als Selbstständiger beschreibt Mahr als „sehr fordernd“, auch wenn er mit der RTL Group gleich einen dicken Kunden an der, ähem, Angel hatte. Es kamen im Laufe der Jahre hinzu: die russische National Media Group, Time Warner, ChileVisión, Ringier und Springers BILD Live.

Das Scheitern letzteren Experiments führt Mahr erstens auf den Aberglauben aller Zeitungsverleger zurück, dass man mit einer starken Print-Marke automatisch auch auf allen anderen Plattformen erfolgreich ist. Zweitens: Mit reinem Nachrichtenfernsehen, wie es Springer bei BILD vorhatte, sei es schwierig, "davon gibt es in Deutschland schon genug". Er habe für stündliche Nachrichten und dazwischen Unterhaltungsprogramm plädiert, kam damit aber "leider nicht durch".

Springers Appetit auf Fernsehen war danach bekanntlich erloschen. Was Mahr aber freut: dass Video bei Bild.de, was er mit aufbaute, "wirklich gut läuft". Sein eigenes Hauptaugenmerk gilt derzeit CME, der größten Mediengruppe in sieben Ländern Mittelost-Europas. Wenn er international unterwegs sein kann, fühle er sich am wohlsten, sagt er.

Kommende Woche muss Hans Mahr aber erstmal nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt stellt Leonine die Netflix-Doku „Schumacher 94“ vor, die das Jahr nachzeichnet, in dem Michael Schumacher das erste Mal Formel 1-Weltmeister wurde. Mahr hat mitproduziert. Auch politische Dokumentationen gemeinsam mit Leonine sind im Werden. „Langweilig wird mir nicht.“

Und dann will er sich ja auch noch genüsslich seiner liebsten Nebenbeschäftigung widmen, TheHans TV. Als Neu-Influencer darf er keine Pause einlegen.

Seine bisher größte „Zuschauerquote“ hatte TheHans mit dem Bericht über sein Hochzeitsessen. 780.000 Abrufe, erzählt er stolz. Aber ihm ist bewusst: „Ich kann ja nicht jedes Jahr heiraten oder mich scheiden lassen, dass ich auf diese Reichweite komme.“ Insoweit müsse er sich anderes überlegen. Ambitionen ins klassische TV wischt er überzeugend weg: „Keine Übertreibungen!“ Das Wort TV würde er eher definieren wie bei RTL: als Total Video und nicht als lineares Produkt. Seine Kräfte seien ehrlicherweise auch nicht so stark, als dass er daraus ein eigenes Fernsehprogramm schaffen könnte. „TheHans.TV ist klein, fein, hoffentlich irgendwann auch kommerziell erfolgreich.“

Eine Sneak-Preview zum Schluss gefällig?

Spätestens nach Aschermittwoch wird der Medienmann mit dem „Plutonium im Blut“ (Zitat Katja Burkard) die Fastenzeit in Meran verbringen wie jedes Jahr. Zur Entschlackung, gerne auch mit guten Freunden wie Thomas Gottschalk. Top, die Wette gilt, dass der Mahrhansi seine Follower an den kulinarischen Highlights auf The Hans TV teilhaben lassen wird.