„Slay“ – ein Wort, das nach Internet klingt, nach Selbstironie, nach jemandem, der genau weiß, wann etwas richtig gut ist. Marie Lina Smyrek würde es vermutlich nicht groß erklären, sondern einfach sagen: Das hier slayt. Und gemeint wäre damit im Moment vor allem sie selbst. Denn Smyrek holt sich im April in Marl den Grimme-Preis ab – zum zweiten Mal. Ausgezeichnet wird sie diesmal für das funk-Format „smypathisch – die show“, laut Jury die derzeit „lustigste lustige Interview-Sendung im deutschsprachigen Raum“. Den Blauen Panther hat sie dafür schon im vorigen Herbst abgeräumt.
Ganz schön viel geballtes Lob für eine „Hostin“, die noch keine 28 ist. Und die dazu aus „diesem Internet“ kommt, wie man so sagt.
Genau dort hat Smyrek gelernt, was ihre Fans feiern: Tempo, Timing, Tiefgründigkeit, Witz und Wortspielerei. Mit „frechen Fragen“ bringt sie die prominenten Interviewgäste in ihrer YouTube-Show regelmäßig ins Schleudern. Keimzelle des Formats ist wiederum der bereits 2023 von Grimme prämierte TikTok-Kanal „smypathisch“. Dort ließ Smyrek in kurzen scharfen Abhandlungen „überraschend leichtfüßig und lustig“ die Fragwürdigkeiten der Woche Revue passieren.
Aber warum ist diese Marie Lina Smyrek eigentlich so unfassbar lustig? Respektive in ihrer Sprache gesprochen: so ein krass begabter Mensch? Wurde ihr die Lustigkeit 1998 in Salzgitter angeboren? Welche Rolle spielt der öffentlich-rechtliche Möglichmacher funk? Oder hat etwa Jan Böhmermann seine Finger im Spiel? Und wie schätzt sie überhaupt ihre Chancen ein, mit dem immer noch mitschwingenden Handicap „jung, weiblich, lustig“ nicht nur bei funk zu landen, sondern auch im klassischen Fernsehprogramm, und zwar dauerhaft?
Hat sie auf all das „freche Antworten“ parat?
Die Leichtigkeit des Internets mit der Wertigkeit des Fernsehens verbinden
Schalten wir nach Köln, in Smyreks Wohnzimmer, das sie sich mit ihrem Partner teilt, und tasten uns vor: Wie würde sie beschreiben, was sie in „smypathisch – die show“ genau macht?
„Mein Wunsch war es, die Leichtigkeit und Naivität des Internets mit dem Handwerkzeug und der Wertigkeit des Fernsehens zu verbinden. Wir schauen doch eh alles im Internet, dann können wir doch auch versuchen, Internetformate so vorzubereiten und zu inszenieren, wie wir es im Fernsehen tun.“
Absolut. Nur, so brav und zahm, wie Smyreks Antwort ausfällt, ist sie in ihrer eigenen Interview-Show zum Glück nicht. Dort lockt sie im Setting eines pinkfarbenen Fiebertraums und am Putin-esk langen Tisch sitzend ihre Gäste mit alten Zitaten, Fotos und Videos aus der Reserve. Die Fragen dazu sind „fire“, also richtig stark. Leseprobe?
© Niels Freidel
Klar, diese jeweils rund acht Minuten „Interview“ wären nur halb so lustig ohne die Tricks der Postproduktion. Erst im Schnitt und mit Musik (Mozart ist bei Smyrek safe in den Top 3) entstehen die Auf-den-Punkt-Komik und die formattypischen Pausen der peinlichen Stille. Allerdings: Von nichts kommt nichts. Jede Frage, jede Reaktion, jeder Blick: Alles ist akribisch recherchiert, antizipiert, einstudiert. Und lässt der Gastgeberin dennoch Improvisationsraum für alle möglichen Eventualitäten.
Zum Beispiel: Ein Gast (gendern erübrigt sich) verlässt erbost das Studio, weil ihm nicht gefällt, was die Redaktion von ihm aus dem Netz gefischt hat, er aber liebend gern versteckt gehalten hätte? Ist schon vorgekommen, zwei Mal. „Zum Glück erst am Ende der Aufzeichnung“, sagt Smyrek, „die waren wohl nicht zufrieden mit ihrer eigenen Leistung.“ Wäre sie selbst in ihrer eigenen Sendung eingeladen, hätte sie auch Angst vor Konfrontation der eher unangenehmen Art, gibt sie zu. Ziel sei aber nie, „jemanden in die Pfanne zu hauen. Wir sind sehr respektvoll zueinander“. Und schiebt lachend hinterher: „Es sieht jedenfalls so aus.“
Smyreks Host-Erfahrung ist, dass weibliche Gäste besser Witze auf eigene Kosten vertragen als die Männer, denn: „Jede Frau in der Medienbranche ist es gewohnt, einzustecken und an den richtigen Stellen auszuteilen. Sonst könnten Frauen diesen Job gar nicht machen.“
Aus Salzgitter über Hamburg nach Köln
Wie sie selbst in den Job „in den Medien“ kam? Langweilige Antwort: über ein Master-Studium Medienwissenschaften in Hamburg nach absolviertem Bachelor in Braunschweig. Hamburg war für Smyrek damals die größte Stadt, die sie sich vorstellen konnte. Kein Wunder, wenn man aus Salzgitter stammt, der Industriestadt am Rande des Harzes, eher bekannt für die Produktion von Stahl als von Humor. Folgt man allerdings Smyrek, wird medial sträflich unterschätzt: „Salzgitter ist tatsächlich eine sehr lustige Stadt.“ Auch ihr Umfeld sei „immer schon sehr lustig“ gewesen. Um ihr professionelles Comedy-Ich zu formen, merkte sie dennoch recht schnell: Hamburg ist nicht richtig. „Ich muss in die Stadt des Unterhaltungsfernsehens.“
Also bewarb sie sich bei der Produktionsfirma bildundtonfabrik ungefähr mit diesen Worten: „Ich kenne jede eurer Produktionen. Lasst mich bitte ein Praktikum bei euch machen.“ Hat geklappt. Ihre erste Station bei den Kölnern: „MaiThink X“, die Wissenschaftsshow von Mai Thi Nguyen-Kim (hier geht’s zu ihrer Nahaufnahme), die – Zufälle gibt’s! – in wenigen Tagen in Marl wie Smyrek ebenfalls den zweiten Grimmepreis in Empfang nehmen wird.
Mit dem Praktikum bei der btf scheiterte gleichwohl Smyreks Plan A: Sie wollte eigentlich Journalistin werden, ganz klassisch volontieren, das journalistische Handwerk erlernen – und dann über diesen Umweg „in den Fun-Bereich hinüberwechseln“. Nicht, dass Journalismus kein „Fun“ wäre, schiebt sie eilig hinterher. Aber ihr Hang zum Witze schreiben und Videos drehen sei halt „schon in jungen Jahren“ ausgeprägt gewesen. Insbesondere Jan Böhmermanns „Magazin Royale“, damals noch bei ZDFneo gesendet, habe ihr „sehr eindrücklich“ gezeigt, „dass sich Journalismus und Comedy nicht ausschließen“. Früh habe sie gewusst: „Es wird nicht einfach, aber ich will auch mal Teil dieser oder einer solchen Sendung sein.“
Stopp, an dieser Stelle eine Klarstellung eingeschoben, weil es zu Smyreks Ärgernis hin und wieder behauptet wird: Sie hat noch nie für das „Magazin Royale“ oder Jan Böhmermann gearbeitet. „Das ist nie passiert.“ Mehrere indirekte Verbindungen zum Chef-Satiriker gibt es gleichwohl schon. Eine davon: Smyrek luchste Böhmermann Canberk Köktürk ab und machte ihn zum Autor ihrer eigenen Show. Und auch Mai Thi muss auf eine Kraft verzichten: Jana Döhlinger ist jetzt Smyreks Producerin.
Kurz zurück zur Chronologie: Bei „MaiThink X“ konnte Smyrek das erste Mal hinter die Kulissen einer Fernsehsendung schauen. Als Nicht-Wissenschaftsprofi fiel ihr die Einarbeitung in die Themen jedoch schwer. Sie fand, dass diese andere btf-Produktion besser zu ihr passt: die „Carolin Kebekus Show“. Als Junior-Autor*innen für die nächste Staffel gesucht wurden, warf sich Mai This Praktikantin aus der Bildredaktion in den Ring. Sie schätzte ihre Chancen im komplett weiblichen Team der Kebekus höher ein als bei den „alteingesessenen TV-Männern, die wir in Köln hier so haben“ und die sie mit ihren damals 23 Jahren „vielleicht sogar abgeschreckt“ hätten.
Was bei ihrer Bewerbung geholfen haben dürfte: Seit 2021 experimentierte Smyrek mit lustigen Clips auf TikTok. Aus Corona-Langeweile veralberte die damalige Master-Studentin in Kurz-Videos Werbesprüche. War das neu? In der Form in Deutschland irgendwie ja und garantiert nicht mit Perwoll gewaschen. Denn Smyrek versteckte ihr Gesicht hinter einem schwarzen Filter, der nur Augen und Mund entblößte, und der Fantasie auf allen Seiten freien Lauf ließ.
Smyrek schrieb ihre Masterarbeit über TikTok
Die seinerzeit noch relativ neue Social-Media-Plattform originally Made in China fand Symrek, auch aus wissenschaftlicher Sicht, interessant, weil noch relativ unerforscht. Für ihre Masterarbeit untersuchte sie, wie TikTok als Protestmedium speziell für die Black-Lives-Matter-Bewegung funktioniert (bereits im Bachelor waren soziale Bewegungen im Zusammenspiel mit Massenmedien ihr Themenschwerpunkt).
Und nebenbei testete sie an sich selbst die Möglichkeiten für cringe-freien Quatsch aus, was nicht unentdeckt blieb. Ein Talentscout von funk, dem öffentlich-rechtlichen Online-Programm für junge Leute, holte die TikTok-Creatorin ins hauseigene Talentnetzwerk. Es gab ein bisschen Geld, ein bisschen Rat – und im April 2022 schließlich ein richtiges funk-Format, das besagte „smypathisch – der Wochenrückblick der Woche“. 2023, nach Smyreks erstem Grimmepreis, übernahm die btf die Produktion. Und mit der lustigen Augen-Mund-Kombo war es bald vorbei.
© Niels Freidel
Für die Rolle der Jannika, der neuen Verhaltenstherapeutin in der von Sylvie Meis geleiteten psychiatrischen Klinik, machte sich das Schauspiel- und Improvisationstraining bezahlt, das Smyrek in Vorbereitung auf ihre Interview-Show absolvierte. Wie man sich das vorzustellen hat? Genau so: Acht Leute in einem Raum irgendwo in einem Raum in Köln-Deutz schreien sich an, schnüffeln wie Hunde und machen andere verhaltensauffällige Dinge. Es half Smyrek jedenfalls, um aus sich herauszukommen und Sicherheit vor der Kamera zu gewinnen.
Die lange Vorbereitung von „smypathisch – die show“ (fast zwei Jahre!) hielt sie dennoch nicht ab, einen Tag vor der Ausstrahlung „mir unter Tränen einzureden, dass es nicht klappt und meine Karriere dann auf jeden Fall vorbei sein wird und ich zurück in den Filter muss.“ Das ist bisher nicht geschehen. Am 5. April beginnt die neue Staffel der Interview-Sendung. Full face, na klaro.
Eine Lücke bei Funk
Was Smyrek derweil aufgegeben hat, zumindest bei funk, ist ihr Wochenrückblicksformat. Wenige Tage vor Weihnachten 2025 machte sie nach 150 Wochen Schluss. Im Hintergrund des Abschiedsvideos sang Andrea Bocelli „Time to Say Goodbye“. Fassungslos reagierte die Community: „Oh Gott, muss ich jetzt tagesschau gucken oder was?“
Für viele ihrer Fans war Symreks „Wochenrückblick der Woche“ tatsächlich die einzige Nachrichtenquelle, der sie vertrauen. Warum wird ein Format beendet, was dazu noch einen Grimmepreis geholt hat? Smyrek machte daraus, was sonst, ein Comedy-Quiz mit vier Antwortmöglichkeiten. Darunter diese:
Das Format sei zwar ihr Erstgeborenes, „aber auch Babys müssen irgendwann fliegen lernen, vor allem damit ihre Mutter mehr Freiraum für andere Babys hat . . . Vielleicht aber lernen die alten und erstgeborenen Babys, auf privaten Accounts noch ein bisschen grenzenloser zu sein“.
Letzteres lässt durchblicken, dass es für Smyrek nicht immer einfach gewesen sein dürfte, ihre Texte am Sender vorbei durchzukriegen. War das so?
Ganz unironisch und diplomatisch sagt sie: „Es hatte mehrere Gründe. Einer war, dass ich das Gefühl hatte, dass der Wochenrückblick im Vergleich zur Interview-Show qualitativ immer weiter abfällt und es kein Interesse daran gab, das zu ändern.“ Außerdem seien sie ein zu kleines Team gewesen, um neben dem großen Aufwand für die Interview-Show nebenbei noch wöchentlich die immer komplizierter werdende Nachrichtenlage zu stemmen.
Der Wermutstropfen ist und dessen ist sie sich sehr wohl bewusst: Bei funk hat sich eine Lücke aufgetan. Momentan niemand zu sehen, der die Nachrichtenlage für die junge Zielgruppe so tiefgründig, lustig und sympathisch aufbereitet wie „smypathisch“.
Mit dem Ende des „Wochenrückblicks“ ist Smyreks eigenes Interesse an Politik, Nachrichten, Weltgeschehen übrigens nicht erloschen, „überhaupt nicht“. Sie wolle weiter darüber schreiben und sprechen. Wenn sie ein Thema packt (so wie zuletzt die Einlassungen von Bundeskanzler Merz zu Forschung und Bildung oder die am Donnerstag aufgeploppte Enthüllung um Christian Ulmen), dann postet sie eben ein Video auf ihrem privaten Insta-Kanal. Und das so lange gratis, „bis sich ein Sender bereiterklärt, sich dem Format wieder anzunehmen. Dann aber richtig!“
Was bleibt da noch zu sagen? Slay forever.
von 