Man wäre nicht unbedingt draufgekommen: Die meistgesehene Doku im Ersten war im Jahr 2025 – Trommelwirbel, na? – eine Doku übers Erste. Rund 4,7 Millionen Menschen versammelten sich an jenem letzten Märzabend vor dem Fernseher, um sich von „Tagesschau“-Kultfigur Susanne Daubner durch ein Dreivierteljahrhundert öffentlich-rechtliche Rundfunkgeschichte führen zu lassen. Insbesondere bei den U50 war „75 Jahre. Fürs Erste!“ ein unerwarteter Hit, auch die Mediathekenwerte sind mit bislang mehr als einer Million Wiedergaben überaus ansehnlich.

Und wer hat’s produziert? Friedrich Küppersbusch.

Auch darauf wäre man nicht unbedingt gekommen. Denn mit Küppersbusch suchte sich der Senderverbund zwar einen Auftragschronisten aus, der in den 1990ern als prägendes Gesicht von „ZAK“ selbst Fernsehgeschichte schrieb, weil das WDR-Magazin – intern „fertig gezapptes Fernsehen“ genannt – Genregrenzen aufweichte und der Moderator der Politik und deren Vertretern im One-on-One so sehr die Hölle heiß machte, dass regelmäßiger Rundfunkratärger programmiert war.

Andererseits: Wer für die Personifizierung des Attributs „brillant, aber unbequem“ jemanden sucht, jemanden, der jahrzehntelang mit der ARD samt ihren Gremlins gestritten und oft genug auch an ihr gelitten hat – voilà.

Friedrich Küppersbusch © René Fischell/probono.tv
Qua Lebensalter ist Friedrich Wilhelm Küppersbusch ein Rundfunkzeitzeuge annähernd erster Stunde. In diesem Mai feierte er (nein, lieber HR, nicht den 75.!) den 65. Geburtstag. Und im August wird es 30 Jahre her sein, dass er seine Firma probono Fernsehproduktion GmbH in Köln ins Handelsregister eintrug. Sein damaliger Geschäftspartner und Ko-Gründer ist übrigens: Alfred „Mhhhh“ Biolek.

(Mit eintägiger Verspätung: Alles Gute nach oben zum 92., Bio!)

Journalist, Produzent, Unternehmer, Moderator, Creator: So vielfältig Küppersbuschs Rollen vor und hinter der Kamera waren und sind, so lang ist sein Weg von den Glanzzeiten des Fernsehens bis heute, da er sich mit nichtlinearen Produktionen fast mehr befasst als mit altem Fernsehen. Aus dieser Erfahrung speist sich sein kritischer Blick, der Ausdruck findet unter anderem in diesem Satz, den er seiner Besucherin im Büro der probono in den digitalen Block diktiert:

„Wenn klassisches Fernsehen immer verängstigter wird und aus dieser Verängstigung weniger Experimentierfreude resultiert, hast du die Wahl: Entweder du machst den gleichen Scheiß wie immer – oder du gehst dorthin, wo sich etwas entwickelt und du Dinge ausprobieren kannst.“

Küppersbusch nimmt sich zunehmend die Freiheit für letzteres.

Bereits 2013 vor der Bundestagswahl experimentierte er auf YouTube mit „Tagesschaum“, einem als „Tagesschau auf Koks“ beschriebenen Konzept, damals noch im Auftrag des WDR mit anschließender linearer Zweitverwertung, was als revolutionär galt („gewaltiger Ruck in der Senderkultur“ schrieb hier auf DWDL.de Hans Hoff). In senderfreier Eigenregie macht der gelernte WDR-Journalist seit 2020 weiter mit YouTube-Journalismus auf Küppersbusch TV. Dort kommentiert er wöchentlich das aktuelle politische Geschehen im gewohnten „Tagesschaum“-Stil: Sprache wie Reflexion scharf, schärfer, am schärfsten.

Natürlich ist sich der wohl geschliffenste Zyniker vor dem Herrn bewusst, dass gerade YouTube ein Versammlungsort ist für Leute, „die alles scheiße finden und sich gegenseitig darin bestätigen wollen.“ Man gehe dahin, um Dinge schlecht zu finden, um Disruption zu fordern. Da werde es aber für jemanden wie ihn „mit all den beruflichen Vorstrafen“ interessant, dagegen zu halten. „Und natürlich gibt es eine gewisse Credibility, wenn ich lustiger Opa einen eigenen YouTube-Kanal habe.“

Eine „tierische Verführung“ nennt Küppersbusch gleichwohl Zuckerbergs Video-Plattform. Mit kurzen, holzschnittartigen, dystopischen Schlagzeilen könne man dort schnell Klicks einsammeln. Andererseits mache er die Erfahrung: „Wenn ich mich zehn Minuten monothematisch mit einer Sache befasse und dafür gründlich recherchiere, wird das vom Publikum belohnt. Dort gilt nicht die alte Fernsehdenke: ,Bist du noch so fleißig, nichts geht über 1’30.‘“

Im Januar 2026 knackte Küppersbusch TV die Marke von 100.000 Abonnenten. Stolz zeigt the one and only Kanalhost auf den „Silver Creator Award“ an der Wand, mit dem YouTube diesen Meilenstein belohnt. Dass er die goldene Plakette für eine Million Abonnenten irgendwann einmal schaffen wird, glaubt Küppersbusch zwar nicht. Das hindert ihn aber nicht daran, sich immer tiefer in die Plattform-Logik einzugraben und von YouTube-Größen Clickbait-Techniken zu erlernen.

So schaute er sich aus der Zusammenarbeit mit Alexander Prinz aka Der Dunkle Parabelritter und funk zur Bundestagswahl 2025 (Küppersbuschs probono bereitete im Hintergrund den Wahlkampfstoff redaktionell und visuell auf) ab, wie Prinz im Thumbnail und in den ersten Sekunden Publikum packt: „Weltuntergang, Zerstörung, böse Mainstreammedien – Unbedarfte finden das toll und klicken rein. Seine Stammkunden wissen: Nach zwei Minuten wird er vernünftig. Das ist schlau.“

Und so haut auch er in diesem Duktus einen nach dem anderen auf Küppersbusch TV raus: „Die große Rentenlüge: Was wirklich geplant ist“. Oder: „Die große ,Esken-Zensur‘ – Lüge fliegt auf.“ Es knallt, aber so schlau, dass verirrte Fly-bys bei Küppersbusch-Kloppern wie „Merz ist doof“ zunächst denken, „toll, das ist einer von uns“ – bis zu dem Punkt, wo er des Kanzlers Idee von der Aktivrente lobt. Dann toben sie: „Systemling!“ Und zack wird das Abo gekündigt.

Für die zahlende Kundschaft seines „Wurmkurformats“ gibt es neuerdings ein Zusatzangebot: Küppersbusch kommentiert Kommentare. Die 417 Küppersbusch-Aficionados müssen für 2,99 Euro Kanalmitgliedschaft schließlich bei Kasse gehalten werden. Auch das ist ein Learning vom Parabelritter: Interaktion, Interaktion!

Gleich nach unserem Gespräch will Küppersbusch so ein Add on im eigenen Studio produzieren. Der probono-Chef hat sich zwar im vorigen Jahr in dem Bürokomplex an der Rückseite der Dauerbaustelle Kölner Oper verkleinert (den Nordtrakt unterm Dach belegt jetzt die Sagamedia von Iris Bettray, hier ihre „Nahaufnahme“). Aber die verbliebene Fläche ist ausreichend, um neben der eigenen YouTube-Show auch Dennis Schecks Literaturkritiktirade „Druckfrisch“ für die ARD aufzuzeichnen und Gert Scobel nach seiner 3sat-Karriere weiter scobeln zu lassen, wie gehabt im Sinne einer „leichten Überforderung“.

 

"Das Loch, das wir hinterließen, wurde gefüllt."

 

Platz ist auch für die dazugehörigen Requisiten, für Schecks schreckliche Bücherrutsche, für Scobels noch schrecklichere Signature-Hemden und für Küppersbuschs Gitarre, mit deren Klang er seine Schreckensvideos harmonisch beschließt. Ins Blickfeld seines Gastes, oben auf dem Bücherregal, sticht auf dunkelroten Pappbuchstaben der zackige Schriftzug „ZAK“. Er ist auffällig drapiert auf einem Brettspiel namens „Klassenkampf“. Sein „linksrevolutionärer“ Redaktionsleiter Jürgen Ohls habe diese Art „Monopoly auf Sozialkritik“ einst von RTLzwei mitgebracht, erklärt Küppersbusch und kramt dabei in einer Tüte mit „ZAK“-Devotionalien. Güldene Anstecknadeln und Plastikaufkleber, ein Schatz voller Erinnerungen, was die Frage provoziert:

Kann da jemand von der gloriosen Vergangenheit nicht lassen und hofft auf ein Revival wie viele andere „ZAK“-Nostalgiker?

„Frau Krasser, welches Tabu wollten Sie heute noch verletzen?“, fragt Friedrich Küppersbusch fast entrüstet zurück. Zehn Sekunden googeln und man finde bei YouTube zig Mausetote über den Zaun hängen. „Ich glaube, es ist okay, mit dem Nachruhm zu leben. Das Loch, das wir hinterließen, wurde gefüllt.“ Teile des „ZAK“-Spirits lebten in „extra3“ und der „heute-show“ (wo er hin und wieder einen kleinen Auftritt hat) nach.

Zur Fernsehgeschichte gehört: Ohne „ZAK“ respektive die Absetzung von „ZAK“ würde es die probono nicht geben. Gehen wir nach Friedrich Küppersbusch Erzählung deshalb kurz zurück ins Jahr 1996.

Für das „freche Polit-Magazin“ des WDR, erfunden aus der unbegründeten Angst, dass Sat.1 und RTL im Kompetenzbereich der Öffentlich-Rechtlichen wildern, hatten Jungredakteur Küppersbusch, Gerd Berger, Martin Hövel & Co. eine Wildcard – solange es funktionierte und Quote und Fernsehpreise brachte. Als es hieß, jetzt provoziert doch bitte nicht jede Woche eine Programmbeschwerde, wurde es unangenehm. Das Haus fiel den jungen Wilden sogar in den Rücken, indem es Programmbeschwerden stattgab, bevor sie die überhaupt zu Gesicht bekamen.

Der WDR fand: Dieses „ZAK“-Ding muss weg, ihr könnt was Neues machen, aber schüttet eine Flasche Weichspüler rein. Und so entstand die Idee für „Privatfernsehen“. Sein Fehler sei gewesen zu sagen, erinnert sich Küppersbusch: „Klar, Samstagabend, eine Stunde gegen die ,Sat.1 Wochenshow‘, schaffen wir, kein Problem.“ War es doch. Planstellen für den Mehraufwand war der WDR nicht bereit zu geben. Die Produktion dieser Größenordnung einer neu gegründeten Firma zu übergeben, war der Anstalt auch zu riskant – „die hatten wohl Sorge, nachher brennt der Küppersbusch mit der Kohle durch.“ Es brauchte einen Partner, dem der WDR vertraute. Und das war Alfred Biolek.

„Bio“ war einer der ersten, der sich im Fernsehen mit eigener Firma selbstständig gemacht hatte, noch in den 1970ern. In den 1990ern schaute er sich nach einem Kronprinzen um und wähnte ihn in dem jungen Friedrich Küppersbusch. Auch wenn es für ihn schmeichelhaft gewesen sei: „Als Farmteam für Alfred Biolek bin ich die Fehlbesetzung des Jahrhunderts. Und so fiel sein wohlgefälliges Auge auf Sandra Maischberger.“

 

"Wenn es im TV Ablösesummen wie im Fußball gäbe, würde hier seit Jahren niemand mehr arbeiten."

 

Mit „Maischberger“ bei ntv hatte die probono ihren ersten großen Aufschlag auf dem Markt und begründete Küppersbuschs Ruf als „Ikone des Polit-Talks“. Weil die Talk-Meisterin sich über Bioleks Pro GmbH aber mehr Chancen bei der ARD erhoffte, ging die Liaison auseinander. 2002 kaufte Küppersbusch seinem Mentor den 50-Prozent-Anteil ab. Es sollte trotzdem nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ihm ein Star abgejagt wurde.

Der gegen die Windkanalhaftigkeit von Castings besetzte Schuldnerberater Peter Zwegat aus dem RTL-Hit-Format „Raus aus den Schulden“ machte nach zahlreichen TV-Preisen die Biege und riss der probono ein Loch ins Kontor, denn: Es war paradoxerweise das wirtschaftlich erfolgreichste Format in der probono-Geschichte. Auch Küppersbuschs Entdeckung Louis Klamroth („Klamroths Konter“, ntv) löste sich von ihm. Der probono-Chef nimmt’s cool: „Wenn es im TV Ablösesummen wie im Fußball gäbe, würde hier seit Jahren niemand mehr arbeiten.“

Und dennoch: Die großen Brüche zwischen den Hits der probono scheinen Friedrich Küppersbusch zu zermürben. Er selbst bekennt sich zu seiner Schwäche als Unternehmer: Ein Erfolgsformat wieder und wieder zu verkaufen, langweile ihn. Er führe die probono „eher aus einer manufaktürlichen als unternehmerischen Sicht“. Kurz: Inhalt geht bei ihm vor unbedingtem Wachstum. Und wenn er überhaupt noch irgendwo wachsen will, dann in diesem Internet. Denn, so hat er es unlängst in einem Podcast gesagt: „Analoges Fernsehen ist was für Leute über 60.“ Und: „Wir sind im milden Herbstlicht, wenn nicht in einer fahlen Frühwintersonne der unglaublichen Bedeutung von Fernsehen.“ Ergo: Aus und vorbei mit der Telekratie!

Und ausgerechnet so jemand bekommt den Auftrag, die alte Tante ARD hochjubeln zu lassen?

„Der Auftrag kam relativ kurzfristig rein, weil die ARD eine sehr fruchtbare Debatte über eine ganze Reihe von Konzepten hatte“, lautet Küppersbuschs Kurzfassung einer längeren Erklärung, die in Gänze leider nicht zitabel ist. In perfektem Understatement ergänzt er stattdessen: „Gott sei Dank ist es anständig geworden. Wir haben offenbar keinen Mist gebaut und einen einigermaßen vertretbaren Lexikon-Abschnitt über die ARD verfilmt.“

Den überraschenden Erfolg auch in der ARD-Mediathek nimmt der Produzent als Indiz dafür, „dass die – mit Friedrich Merz gesprochen – ,bürgerliche Mitte‘ all diese Einschüchterungen gegen die Öffentlich-Rechtlichen, die sich an jedem Poller für ihr Dasein entschuldigen müssen, nicht mitträgt.“ Es gebe ein Publikum, das sagt: „Interessant. Das, was im Fernsehen lief, ist auch Teil meiner Biografie.“

Gut, Susanne Daubners Popularität im Netz wird auch einen Teil dazu beigetragen haben.

Nicht unwahrscheinlich, dass es ein Nachfolgeprojekt geben könnte. Wo ein Hit war, muss ein Hit der gleichen Machart folgen. Das ist gelernte Fernsehlogik. Und insinuiert nicht der Titel „75 Jahre. Fürs Erste!“ einen zweiten Aufschlag?

Friedrich Küppersbusch © René Fischell/probono.tv
Es ist noch zu früh, um offiziell darauf eine Antwort zu bekommen. Fragen wir also lieber nach, wie Friedrich Küppersbusch eigentlich die Dekade bis zu seinem eigenen 75. Geburtstag plant.

Unlängst bekannte er selbstkritisch, dass er älter aussehe, als er ist, „aber die Pumpe funktioniert noch. Ja, ich kann mich noch tierisch aufregen.“ Gilt also für ihn der Spruch: „Zu alt, um alles machen zu können. Zu jung, um es nicht doch zu versuchen?“ Man kann sich jedenfalls schwer vorstellen, dass er nur noch mit seiner Frau, der Journalistin und Radiomoderatorin Sabine Brandi, in der irischen Pampa entspannt und Esel füttert.

Er selbst anscheinend auch nicht. Sein politisches Erwachen liege in den 1970er Jahren, führt er aus, „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“ und im Bonner Hofgarten mit Hunderttausenden brüllen „Scheiß Atomwaffen“ und so. „Man konnte sich einreden etwas zum Wohlergehen der Gesellschaft beigetragen zu haben. Und dann soll ich mit 65 sagen: Okay, habe viel Spaß gehabt, der Kühlschrank ist voll und in Ostdeutschland haben wir 40 Prozent für Teil-Faschisten, ich bin dann mal weg? Keine Ahnung.“

Klar, wenn der liebe Gott den Stecker zieht, dann sei das so. Zum vergangenen Geburtstag hätte er sich „gerne noch ein paar Merkel-Jahre geschenkt“ – allein um „die vielen neuen kreativen Schaffens- und Publikationsmöglichkeiten auf den digitalen Plattformen“ weiter bespielen zu können. Sie sind für ihn „eine „Befreiung“. Er beneide deshalb die, die heute 20 sind, schließt Küppersbusch, als er seinen Gast zum Ausgang begleitet, und schränkt gleich wieder ein: „Nicht um den Schutthaufen, den wir Boomer-Generation ihnen hinterlassen. Ich finde, wir schulden denen was.“

Am späten Abend wird auch er sich ins Auto schwingen, heim in Richtung Ruhrpott, wo er geboren wurde und nach wie vor lebt. Aber pssst, bloß nicht an Greta Thunberg weitertragen, bittet der Berufspendler. Diese eigentlich verbotene Form der Mobilität entschuldigt er damit, dass er nach einer Stunde Fahrt in Dortmund ankomme und nicht mehr wisse, was heute war. „Das ist Autobahnmeditation, sehr heilsam.“

Und es ist auch das: Paradoxie in Friedrich-Küppersbusch-Reinform, bei aller Moral pragmatisch, plausibel, ja vernünftig statt in Ideologie erstarrt. Bitte mehr von dieser geistigen Beweglichkeit.