Falls es noch niemand mitbekommen hat – vor allem die Männer unter uns: Die deutsche Medienlandschaft verliert zwei ihrer wichtigsten Sprachrohre für Frauen. Erst wurde das Aus von „Frau TV“ nach fast 30 Jahren im WDR-Programm bekannt gegeben, dann die Einstellung der Zeitschrift „Emma“ in ihrem 50. Erscheinungsjahr nach Gründung durch Alice Schwarzer. Es ist das Ende zweier feministischer Medieninstitutionen, mit denen eine Frau eng verbunden ist: Lisa Ortgies.

Bei „Frau TV“ ist Ortgies noch bis zur Finissage am 19. November Moderatorin. Bei „Emma“ war sie kurzzeitig Chefredakteurin – und nach jüngster Interviewaussage von Alice Schwarzer war das „eine einzige Katastrophe“. Die absolut nachvollziehbare Empörung über dieses gar nicht Lady-like Nachtreten veranlasste die Getretene stante pede zu einer „Richtigstellung“ auf Social Media.

Uff, da musste wohl was raus, auf beiden Seiten.

Lisa Ortgies © Sonja Tobias
Was Ortgies betrifft, könnte man von einem „gezielten Ausrasten“ sprechen, wie sie es in ihrem jüngsten Buch „Heißer Scheiß – Liebe, Wut und Leben für Fortgeschrittene“ ausdrücklich empfiehlt. Dass Schwarzer sie 18 Jahre nach der gemeinsamen „Emma“-Episode als bloße „Fernsehfrau“ ohne Print-Erfahrung und Engagement abqualifiziert, hat die Henri-Nannen-Schule-Absolventin getroffen. Die Wut ist ihr auch in unserem Gespräch noch anzumerken.

„Ich hätte das lieber ruhen lassen, aber auf eine solche persönliche Beleidigung musste ich reagieren und die Dinge richtigstellen.“ Nun sei alles gesagt. Alles Weitere würde nur einen sinnlosen Streit auf Boulevardniveau befeuern, der der Glaubwürdigkeit der gesamten feministischen Bewegung schade. „Diese Kraft brauchen wir an anderer Stelle.“

Dabei hätte man gerne noch geklärt, warum der Beziehungsstatus dieser beiden Alpha-Frauen so kompliziert ist, obwohl sie doch im Grunde für dieselbe Sache kämpfen. Was wollte Ortgies damals bei „Emma“ verändern? Und kann man Schwarzers Lebensleistung würdigen und zugleich ihren heutigen Feminismus fundamental kritisieren? Allein, Ortgies will weg vom persönlichen Konflikt, hin zum großen Ganzen.

Jede Form der Vernetzung zählt

„Feminismus ist keine Frage der Beziehung zwischen zwei Frauen“, sagt sie. Was sie derzeit international an Frauenfeindlichkeit und der Rückabwicklung erkämpfter Rechte erlebe, hätte sie sich vor fünf Jahren nicht träumen lassen. Vom Frauenhass auf Social Media bis zu politischen Vorstößen, Erziehungs- und Pflegezeiten bei der Rente nicht mehr zu berücksichtigen: „Rechte, von denen ich selbstverständlich angenommen hatte, dass auch meine Tochter mit ihnen aufwächst, werden wieder infrage gestellt.“ Um dem etwas entgegenzusetzen, brauche es eine große Allianz. „Jede Form der Vernetzung zählt.“

So ein Ort der Vernetzung ist „Frau TV“.

Das nach eigenen Angaben letzte verbliebene Frauenmagazin im deutschen Fernsehen fällt nun allerdings der (hier im DWDL-Interview ausgebreiteten) Sparstrategie des WDR zum Opfer. Lineare Magazine nach 22 Uhr sollen nicht mehr weiterentwickelt werden, allenfalls Formate auf früheren Sendeplätzen haben eine Perspektive. „Damit waren wir praktisch schon aussortiert“, sagt Ortgies. Hinzu komme, dass die Zahl der Sendungen über Jahre immer weiter reduziert worden sei – „ein langsames Ausschleichen“. Sie hätte sich eine andere Entwicklung gewünscht, gerne auch daran mitgewirkt.

Dass ausgerechnet eine Frau, WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk, das Aus mit beschlossen hat – schmerzt das umso mehr? Ortgies will das nicht am Geschlecht festmachen. Ihr geht es um etwas anderes: „Als Journalistin ist mir wichtig, dass Frauenthemen nicht einfach irgendwo im Programm verstreut stattfinden.“ Frauen wollten explizit angesprochen werden, wünschten sich einen eigenen Ort, einen „Safe Space“ für ihre Themen. „Frau TV“ sei für viele Zuschauerinnen wie der Besuch bei einer guten Freundin gewesen. Und manchmal habe das Magazin weit mehr bewirkt als bloße Aufmerksamkeit: Nachdem es früh über das heimliche Filmen unter Röcke, sogenanntes Upskirting, berichtet hatte, sammelte eine Zuschauerin mehr als 100.000 Unterschriften und trug so dazu bei, dass es heute strafbar ist. „Genau das kann ein Format wie ,Frau TV‘ leisten: Frauen auf Missstände aufmerksam machen, sie vernetzen und ermutigen, selbst aktiv zu werden.“

Und nun steht diese Frau, die anderen seit Jahren Mut macht, selbst vor einer Herausforderung. Die Kürzungsarie beim WDR kostet Ortgies nicht nur ihre langjährige Moderation bei „Frau TV“, sondern auch ihren Podcast „Lisas Paarschitt“ über Liebe und Sexualität, der zum September 2027 enden soll. Es ist die ultimative Bewährungsprobe für ihre eigenen Thesen in „Heißer Scheiß“, wo sie dem „Zwang zur Verjüngung“ den Kampf ansagt und zum Neustart im Job, in der Liebe und in Freundschaften aufruft.

Darin steht auch dieser schöne Satz: „Mit 30 wusste ich, was ich will, mit 40 wusste ich, was ich kann, und mit 50 weiß ich, wer ich bin.“

"Es braucht eine gesunde Wut"

Als Opfer einer Entwicklung, die Frauen ab 50 aus den Medien drängt, sieht Ortgies sich nicht. „Ältere Frauen sind für mich keine Opfergruppe, sondern eine gewaltige, bislang ungenutzte Ressource.“ Stattdessen brauche es eine „gesunde Wut“ darüber, dass Frauen ab einem bestimmten Alter medial unsichtbar würden. „Dahinter steckt eine Geringschätzung von Erfahrung, Menschenkenntnis und Lebensgeschichten.“

Woher Lisa Ortgies den Eigensinn hat, sich mit vorgegebenen Lebensentwürfen nicht abzufinden? Ein Blick zurück nach Quakenbrück, zu den Frauen in ihrer Familie.

Als im Januar 1977 die erste „Emma“ erschien, sollte es noch ein halbes Jahr dauern, bis verheiratete Frauen auch gesetzlich nicht mehr auf ihre Pflichten in Ehe und Haushalt festgelegt waren. In der niedersächsischen Provinz, wo Lisa Ortgies im Januar 1966 geboren wurde, dürften ihre Mutter und Großmutter davon wohl nur am Rande Notiz genommen haben. Viel zu beschäftigt und chronisch erschöpft waren sie, weil sie neben dem Haushalt auch noch im Büro den Landhandel der Familie führten, während der Vater die Waren im Lkw kutschierte.

Das war nicht das Role Model, bei dem Lisa Ortgies dachte: Oh ja, so mache ich es auch. Sondern: Wieso läuft das eigentlich so? Nicht mit mir!

Schreiben interessierte sie schon in der Schule. Schriftstellerin oder Journalistin wollte sie werden. Über ein paar Umwege, die Ortgies „typisch Generation X“ nennt und keinesfalls missen möchte, sollte ihr das gelingen: Ein Soziologie- und Psychologiestudium in Oldenburg brach sie ab, als der Geldhahn versiegte. Attraktiver, auch finanziell: die Fliegerei. Als Lufthansa-Stewardess bereiste sie sämtliche Kontinente, verbrachte ganze Wochen auf Bali, in Anchorage oder Tokio und tauchte tief in andere Kulturen ein. Vor allem aber lernte sie in ihrer „Serviceposition“ einiges über Hierarchien und Statusdenken.

Von der Stewardess zur Journalistin mit Haltung

In der Touristenklasse gab es oft „die nettesten Begegnungen“, in der First Class waren die Menschen „meist souverän“ und in der Business Class „am schlimmsten“. Dort fühlte sie sich bisweilen wie Freiwild. Visitenkarten mit handschriftlichen Botschaften wie „I wonder how you look naked“ sammelte sie cool in einem Weckglas. Schlimmer könne es nicht werden, dachte sie. Bis sie im damals „in Teilen total patriarchalen Journalismus“ landete. (So erzählte sie es im Radio diesem Mann.)

1994 ergatterte die rasende Reporterin in spe einen der begehrten Ausbildungsplätze an der Henri-Nannen-Schule. Schreiben, Moderieren, Interviews führen: Sie beherrsche „alle drei Formen“, betont Ortgies fast trotzig. Dennoch werde sie trotz ihrer Bücher und journalistischen Preise häufig auf die Moderatorin reduziert, die nebenbei auch schreibt.

Nach ersten Moderationen bei einem Hamburger Lokalsender und im NDR-„Kulturjournal“ wurde eine „Frau TV“-Redakteurin auf sie aufmerksam: Diese Moderatorin zeigt Haltung und lässt auch mal ihre Meinung zwischen den Zeilen durchscheinen – interessant. Sie griff zum Telefon und lud Ortgies nach Köln ein. Diese fand es „sensationell, dass es beim WDR ein ganzes Magazin für Frauen- und Gesellschaftsthemen gab.“

Den Grundstein für „Frau TV“ hatte Inge von Bönninghausen gelegt, die 1980 das feministische WDR-Magazin „Frauen-Studien“ initiierte, aus dem über „Frauen-Fragen“ 1997 schließlich „Frau TV“ wurde. Ortgies stieß zum Relaunch als Fernsehautorin und Moderation hinzu. Anfangs drehte sie weiterhin eigene Beiträge, doch spätestens mit der Familiengründung ließ sich nicht mehr alles unter einen Hut bringen.

Heute sind die beiden Kinder groß und aus dem Haus. Das Interview führt Ortgies aus dem Jugendzimmer ihres Sohnes, an dessen Wand noch ein Marco-Reus-Poster hängt. Auch sonst hat sich in ihrem Leben einiges verändert: Vom Ehemann ist sie geschieden, einen Herzinfarkt, der sie auf einer Reise nach New York ereilte, hat sie überstanden. Und offenbar null Lust, sich auf einen ruhigeren Lebensabschnitt zurückzuziehen. Stattdessen bespielt sie mit sichtlichem Vergnügen Instagram, unter anderem mit ihrem Format „Lisas Senior Tradwife Salon“.

Neue Formen, die auch "Frau TV" gut getan hätten

Darin inszeniert sie sich als Hausfrau alter Schule – und führt das Rollenmodell zugleich ad absurdum. Der Tradwife-Trend wirke gerade auf junge Frauen attraktiv, die erlebt hätten, wie ihre Mütter zwischen Beruf, Kindern und Pflege aufgerieben wurden. Nur führe „die romantische Vorstellung, aus Liebe unbezahlte Arbeit zu leisten, geradewegs in die Abhängigkeit“. Die Accessoires Kochlöffel und Schminkpinsel haben für Ortgies freilich noch einen anderen Zweck: Sie helfen, den Algorithmus auszutricksen. „Mit Schürze und einem guten Rezept habe ich bessere Chancen, mit meinen eigentlichen Botschaften durchzudringen.“ Das Ganze mache ihr wahnsinnig Spaß. Und falls jemand ein Schloss in Schottland besitze, würde sie vielleicht sogar selbst noch einmal über das Tradwife-Modell nachdenken, lacht sie.

Lisa Ortgies © Sonja Tobias
Was Ortgies auf Instagram ausprobiert, hätte sie sich auch für „Frau TV“ gewünscht: neue Formen, neue Zugänge, ohne den feministischen Anspruch aufzugeben. Das klassische Fernsehschema aus Beitrag, Moderation, Beitrag sei überholt. Die Marke hätte längst breiter aufgestellt werden müssen, mit Presenter-Reportagen, Veranstaltungen, Videopodcasts und Talks.

Ihr Traum: ein Frauentalk nach dem US-Vorbild von „The View“, mit meinungsstarken Frauen, „vielleicht mit einem Quotenmann“. Keine kleinteilige Parteipolitik, sondern Gespräche über alles, was Frauen bewegt – von Alltagsfragen bis zu Trump, Musk oder der AfD. Gerne hätte sie ein solches Format beim WDR umgesetzt. Doch daraus wurde nichts.

(Stattdessen gab es den kläglich gescheiterten Talk „Amado, Belli, Biedermann“. Welche Frau, die Job, Kinder und Pflege jongliert, sitzt schon nachmittags vor dem Fernseher?)

Mit „Midlife Magic“ gab es im vorigen Jahr immerhin den Versuch, „Frau TV“ auf einen früheren Sendeplatz zu holen und um Talkelemente zu erweitern. Auch hier war nach drei Folgen Schluss. Der senderseitige Entwicklungswille erschöpft sich vorerst in: Die Facebook-Präsenz von „Frau TV“ erhalten und ausbauen und mehr Power für die gereiften Funk-„Mädels“ von „Mädelsabende“.

Ortgies denkt derweil schon größer: Warum nicht in der ARD-Mediathek eine eigene Fläche für Frauen und Gesellschaft schaffen, mit Reportagen, Talks, Dokumentationen und Podcasts? Eine Plattform, die Frauen vernetzt, auch über ideologische Gräben hinweg. „Wäre das nicht eine großartige Aufgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?“ Denn: „Wer sich als Demokrat versteht, muss auch Feminist sein.“

Und was nun?

Lisa Ortgies würde mitmischen, keine Frage. Auch ihren Podcast „Lisas Paar-Schitt“ würde sie gerne fortführen, notfalls auf einem anderen Kanal. Schließlich wachse dessen Publikum kontinuierlich, die Completion Rate liege bei 70 Prozent.

Am 19. November wird bei „Frau TV“ aber erstmal das Licht ausgeknipst. Lisa Ortgies und Sabine Heinrich, die seit 2015 im Wechsel moderieren, sollen gemeinsam durch die letzte Ausgabe führen. Und was dann? Fuß-Model bei OnlyFans werden? Saisonkraft im Blumenladen? Oder Ordnungscoach?

Die Vorschläge stammen von einer KI, die Ortgies für ihren „Senior Tradwife Salon“ nach beruflichen Perspektiven für Frauen über 50 befragt hat. Tatsächlich hat sie etwas anderes im Sinn. Gemeinsam mit ihrer Agentur Bartelmedia entwickelt sie eine App, die Frauen ab der Lebensmitte „eine Art gute Freundin“ bieten soll – so wie es „Frau TV“ für viele Zuschauerinnen lange war. Dabei kommt ihr auch eine Ausbildung in positiver Psychologie zugute, die sie gerade absolviert. Wenn alles klappt, könnten Nutzerinnen noch vor Weihnachten persönliche Gedanken, Musiktipps, Anregungen und kleine Übungen für den Alltag von ihr bekommen. „Darin steckt mein Erfahrungsschatz aus vielen Jahren, auch meine eigenen Höhen und Tiefen“, erklärt Ortgies, „eine Art persönliches Archiv, das ständig wächst.“

Über die allerletzte „Frau TV“-Ausgabe darf sie noch nicht viel verraten. Nur, dass es „ganz sicher emotional“ werde. Da sei schließlich ein Team gewachsen, das noch einiges auf die Beine stellen könne – „wenn man es lässt“.

Vielleicht wäre das ja ein Anfang: Lisa Ortgies als Host, das „Frau TV“-Team im Rücken, ein Panel meinungsstarker Frauen vor sich. Dazu ein Quotenmann. Das Konzept läge schon mal auf dem Tisch.