Diese Telegeschichte beginnt am 17. Juni 1995 auf dem Berliner Alexanderplatz. Im Schatten des Fernsehturms haben sich einige Dutzend Schaulustige versammelt. Sie blicken gespannt auf einen gewaltigen Kran, der eine schwere Skulptur anhebt. Langsam schwebt sie unter den kritischen Blicken der Zuschauenden über den Platz.

Es ist eine graue Statue, rund zehn Meter hoch, aus Stahl und Fiberglas, entworfen vom britischen Künstler Stephen Pyle. Sie steht in einer energischen Pose mit geballten Fäusten. Der Körper wirkt sportlich und muskulös, eingehüllt in eine Jacke mit Stehkragen, die an eine militärische Uniform erinnert. Drei Patronengürtel überkreuzen den Brustkorb, dazu ein vierter Gürtel um die Hüfte, der genauso zu einem Batman-Kostüm passen könnte. Ein Body über der engen Hose betont den Schritt. Der Blick der Figur ist kämpferisch in die Ferne gerichtet. Eine Strähne des lockigen Haares fällt gewollt über das rechte Auge. In Überlebensgröße zeigt die den Popstar Michael Jackson.

Sie ist nicht die einzige ihrer Art. Insgesamt werden in diesen Tagen zehn solcher Skulpturen auf der ganzen Welt aufgestellt. Unter anderem in Paris, Mailand, Madrid, Prag, Amsterdam, Wien und Zürich. In London steht sie auf einem Lastkahn und liefert eindrucksvolle Bilder, als sie über die Themse und durch die Tower Bridge fährt.

Ganz so imposant geht es in Berlin nicht zu. Der Kran setzt die Figur auf ihrem vorgesehenen Platz ab, wo sie die nächsten fünf Monate stehen soll. Und zwar auf dem Dach eines schmucklosen Einkaufsgebäudes, verloren zwischen den Reklamezeichen von „Sportarena“ und „Saturn“.

Die Jackson-Statue in Berlin © Screenshot MDR

Triumph des Marketings

Die spektakuläre Aktion war Teil einer weltweiten Werbekampagne, die Jacksons Plattenfirma Sony zur Veröffentlichung seines neuen Albums weltweit umsetzte. Rund 30 Millionen US-Dollar soll sie angeblich gekostet haben. Sie umfasste ebenfalls einen aufwendig produzierten Werbefilm, den der Brite Rupert Wainwright unter Beteiligung des ungarischen Militärs in Budapest umsetzte. Allein die Herstellung dieses vierminütigen Clips verschlang acht Millionen US-Dollar.

Der Spot inszenierte den Popstar als übergroße Ikone, die geradezu religiös angebetet wird. Dabei bediente er sich jener kruden Mischung aus militaristischen Elementen und stalinistischer Ästhetik, auf die Jackson in dieser Phase seiner Karriere gern zurückgriff. Nicht zu Unrecht wurde dem Film eine ästhetische Nähe zum NS-Propagandawerk „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl vorgeworfen. Unklar blieb, wie viel ironische Brechung in ihm lag.

Dieser Fiebertraum eines faschistoiden Gigantismus lässt sich kaum in Worte fassen. Man muss ihn gesehen haben.

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Bubbles, Bazillen und Beziehungen

Ohne Zweifel galt Jackson nach Hits wie „Billie Jean“, „Beat it“, „Black or White“ oder „Heal the World“ Mitte der 90er-Jahre als der größte lebende Popstar der Welt. Aber sein Image hatte zuletzt stark gelitten. Erste Vorwürfe des Kindesmissbrauchs waren aufgekommen. Zwar konnten seine Anwälte durch eine außergerichtliche Einigung mit dem vermeintlichen Opfer verhindern, dass es zu einer juristischen Feststellung seiner Schuld kam, doch der Verdacht blieb bestehen und begleitete ihn fortan.

Hinzu kamen beinahe tägliche Meldungen über seinen exzentrischen Lebensstil. Über sein Anwesen in der kalifornischen Wüste, seine Zuneigung zu seinem Affen Bubbles und seine paranoide Angst vor Keimen. Über seine junge Ehe zu Lisa Marie Presley, die wahlweise nicht rechtmäßig geschlossen war oder als Ablenkungsmanöver für die Missbrauchsvorwürfe eingefädelt wurde. Und es ging immer wieder um sein Äußeres. Um seine Haut, die er absichtlich bleichen würde. Um seine zahlreichen Schönheitsoperationen und die vielen Narben, die er mit viel Schminke und hellem Scheinwerferlicht vertuschen müsse. Und um seine Nase, die durch die vielen Eingriffe angeblich leicht abfallen könne und weshalb er nur noch in einem Sauerstoffzelt schlafen könne.

Das Management widersprach diesen Behauptungen meist nicht. Diese Spleens, Gerüchte und Unklarheiten trugen dazu bei, die Fiktion vom geheimnisvollen „King of Pop“ aufrechtzuerhalten. Alles konnte stimmen, alles konnte falsch sein. Unterstützt wurde diese Erzählung durch eine ausgestellte Unnahbarkeit. Jackson zeigte sich selten in der Öffentlichkeit, trat kaum in Fernsehshows auf, wenn dann sorgsam abgeschirmt und wortkarg. Ständig begleitete ihn eine Aura des Rätselhaften. Diese Aura war Teil der Inszenierung der Kunstfigur Jacko als „unangreifbares Fabelwesen“. Wie viel davon der Mensch Michael Joseph Jackson in sich trug, blieb offen.

Vergangenheit und Zukunft

Die unzähligen Geschichten und Skandale feuerten die Neugier und das Interesse an ihm zwar weiter an, sie rückten ihn zugleich noch stärker in den Fokus der hungrigen Boulevard-Presse. Zudem überschatteten sie zunehmend seine musikalischen Leistungen. So führten die Vorwürfe des Kindesmissbrauchs im Jahr 1993 zum Abbruch seiner lukrativen Welttournee.

Die Plattenfirma Sony stand also unter Druck. Aus ihrer Sicht musste dringend ein musikalischer Erfolg her, der all diese Stories vergessen machte.

Gelingen sollte dies mit einer neuen Platte, die nicht bloß ein Comeback darstellen, sondern als musikalisches Epos in die Geschichte eingehen wollte. Es handelte sich um ein Doppel-Album, das auf der ersten Disc ein Best-Of seiner größten Hits und auf der zweiten Disc fünfzehn brandneue Songs enthielt, die seine Rekordgeschichte fortschreiben sollten. Entsprechend erhielt das Ergebnis den großspurigen Titel „HIStory: Past, Present and Future, Book I“. Das Cover zierte abermals eine der Jackson-Statuen.

Als erste Auskoppelung erschien drei Wochen vor dem Album-Release der Song „Scream“, der ein Ereignis für sich allein bildete. Es handelte sich um ein lang erwartetes Duett mit seiner Schwester Janet. Dafür spendierte Sony die Produktion eines aufwendigen Clips von Starregisseur Mark Romanek. Mit geschätzten Herstellungskosten in Höhe von sieben Millionen US-Dollar gilt er bis heute als teuerstes Musikvideo aller Zeiten.

Jackson kommt nach Deutschland

Die grenzenlose Prasserei half nur bedingt. Als das neue Album am 20. Juni 1995 rund um den Globus erschien, sprang es zwar in vielen Ländern direkt auf Platz 1 der Charts, darunter in den USA. Die Verkäufe blieben allerdings hinter den hohen Erwartungen zurück. Die Platte gehörte zwar zu den erfolgreichsten des Jahres, erreichte jedoch weder das Niveau des Vorgängers „Dangerous“ noch den Rekordstatus von „Thriller“. Ähnlich fiel das Bild in Europa aus. Dort war die Doppel-CD zwar ebenso ein großer Hit und besetzte in fast allen Ländern die ersten Chartplätze, doch auch hier hatte man sich mehr erhofft. Für ein Album von Michael Jackson galten schlicht andere Maßstäbe.

So entstand die Idee, den Absatz in Europa mit einem sensationellen Fernsehauftritt anzukurbeln. Dies war vor allem deshalb bemerkenswert, weil Jackson nie zuvor in einer TV-Sendung außerhalb Amerikas aufgetreten war. Die Wahl dafür fiel auf den deutschen Dauerbrenner „Wetten, dass..?“. Somit war klar, Michael Jackson, der größte Popstar der Erde, würde dort am 4. November 1995 auftreten. Und zwar in der schillernden Show-Metropole Duisburg.

Vereinbart hatte man eine rund elfminütige Performance, aufgeteilt in zwei Songs, sowie ein kurzes Gespräch mit Moderator Thomas Gottschalk. Darunter die Weltpremiere des ‚Earth Song‘ aus dem neuen Album. Und, Produktionsleiter Gisbert Hensmann versicherte: „Er wird richtig singen.“ Wahrscheinlich meinte er, dass Jackson live singen und ohne Vollplayback auftreten werde. So kam es nicht.

Im Stau auf der A3

Am Tag vor seinem Auftritt landete Michael Jackson mit seinem Privatjet am Flughafen Köln/Bonn. Seine Ehefrau musste erkältungsbedingt zu Hause bleiben, so zumindest lautete die offizielle Begründung. Dafür waren mehrere Stylisten, Assistent:innen, ein eigener Koch und zwei Leibwächter mitgereist. Als er das Flugzeug verließ, verdeckte ein weißer Mundschutz sein Gesicht, ein schwarzer Hut die obere Hälfte seines Kopfes.

Immerhin warf er beim Einsteigen in seine Limousine den rund 400 jubelnden Fans noch weiße Rosen zu. Sie waren von der Plattenfirma mit eigenen Bussen zum Flughafen gebracht worden, um für eine eindrucksvolle Kulisse bei seiner Ankunft zu sorgen. Das Management achtete nämlich sehr gründlich darauf, dass jeder öffentliche Schritt von kreischenden Anhänger:innen begleitet war. Entsprechend informierte es die Presse regelmäßig vorab darüber, was Jackson als Nächstes tun würde. Je nach Situation stellte man ihm dafür zusätzlich zu seinen eigenen weitere 20 bis 40 lokale Bodyguards an die Seite, um ihn vor jenen Fans zu schützen, die man zuvor angelockt hatte. Es war ein bizarres Schauspiel, das allein dem Zweck diente, keinen Zweifel an seinem Mythos als Superstar aufkommen zu lassen.

Davon zeigte sich die Kölner Polizei unbeeindruckt und verneinte eine mögliche Eskorte für den Musiker. „Das machen wir grundsätzlich nicht bei Popstars“, stellte ein Sprecher klar. Dennoch sicherte er zu, man werde „ein Auge auf das Hotel werfen“, in dem Jackson übernachtete.

Mehr als einen schnellen Blick auf ihr Idol war den Fans am Flughafen nicht vergönnt. Nach der Landung ging es für ihn direkt nach Duisburg, wo die Proben für die morgige Sendung anstanden. Die Anfahrt dorthin erwies sich im nordrhein-westfälischen Feierabendverkehr als große Herausforderung, denn die prominent besetzte Autokolonne blieb auf der A3 im Stau stecken und musste umgeleitet werden. Hätte er nur eine Polizeieskorte gehabt.

Als Jackson schließlich die Rhein-Ruhr-Halle erreichte, waren bereits über 70 Mitarbeitende damit beschäftigt, die Live-Übertragung vorzubereiten. Rund drei Stunden probte er seine Performance, bevor er wieder zurück nach Köln fuhr, um im dortigen Hyatt-Hotel zu übernachten. Dort hatte man die gesamte sechste Etage sowie die Präsidentensuite für ihn und seine Entourage reserviert. Derweil lobte ein Vertreter seines Managements die Zusammenarbeit mit dem ZDF: „Wir haben noch nie eine so professionell aufgezogene Show gesehen.“

Warten auf Jacko

Unter dem Applaus von rund 1.500 Menschen in der Rhein-Ruhr-Halle eröffnete Thomas Gottschalk am 4. November 1995 die insgesamt 97. Folge von „Wetten, dass..?“ mit den Worten: „Viele hatten gewettet, er kommt nicht. Ich kann Ihnen sagen, er ist da.“ In seinem goldenen Sakko – seinem „Michael-Jäckchen“ – war ihm anzusehen, wie sehr er es genoss, im Zentrum dieses Spektakels zu stehen.

Wetten, dass..? von 1995 © IMAGO / teutopress

An diesem Abend war Gottschalk in Höchstform und präsentierte all das, wofür er später oft kritisiert werden wird. So bemühte er sich gleich zu Beginn um eine Erklärung dafür, dass er in der vorherigen Ausgabe einen Shaolin-Mönch über den Kopf gestreichelt hatte. Eine Geste, die in vielen asiatischen Kulturkreisen als unangemessen galt. In seiner typischen Art versuchte er, diesem Fauxpas mit einem unangebrachten Witz zu begegnen: „Ich bin leider nicht in diesen Ländern aufgewachsen, sondern in Kulmbach. Dort habe ich gelernt, dass man katholischen Frauen nicht in den Po kneifen darf. Aber von den Köpfen der Buddhisten habe ich nichts erfahren.“ Wenn das mal keine taktvolle Entschuldigung war.

Doch all das blieb letztlich Beiwerk. Der Ablauf war komplett auf den „Mega-Star aus den USA“ zugeschnitten. Die vier Wetten und all die anderen Gäste dienten allenfalls als Lückenfüller, um die Wartezeit bis zu Jacksons Aufführung zu verkürzen. Dieser Rolle hatten sich Komponist Andrew Lloyd Webber, Musicaldarstellerin Helen Schneider, Comedian Rüdiger Hoffmann sowie der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder und seine Frau Hiltrud unterzuordnen. Letztere musste zusätzlich ertragen, dass Gottschalk mehrfach über ihre vegetarische Ernährung spottete.

Eine Stunde verging, bis der Gastgeber endlich ansetzte, das Kommen von Jackson anzukündigen. Wie üblich, stellt er hierbei einen Bezug zu sich selbst her. „Ich weiß, dass einige junge Menschen nicht meinetwegen eingeschaltet haben. Rüdiger leider auch nicht deinetwegen. Jetzt ist es so weit.“ Und dann war es so weit...

Völlig losgelöst

Auf einer schlichten Bühne, die gänzlich ohne die typischen „Wetten, dass..?“-Aufbauten auskam, erschien Jackson in schwarzem Sakko, schwarzer Krawatte und Hose, dazu die ikonischen weißen Socken und ein breitkrempiger Fedora-Hut. Mit einem Dutzend Tänzern präsentierte er seinen Song „Dangerous“ und lieferte eine exakte Kopie eines Teils seiner Darbietung bei den „MTV Video Music Awards“ von vor zwei Monaten. Viel und „richtig“ sang er bei der Nummer zwar nicht, doch sein ikonischer Tanzstil und seine Präsenz bewiesen, wo seine Star-Qualitäten allen Gerüchten und Vorwürfen zum Trotz (noch) lagen. Der Auftritt war energetisch, präzise choreografiert und von beeindruckender Perfektion.

Michael Jackson bei Wetten, dass..? © IMAGO / teutopress

Die vielen Fans im Saal, die auf Jacksons Wunsch ganz dicht an der Bühne platziert waren, kreischten derart, dass Gottschalk sie kaum beruhigt bekam. Sein ermahnender Lehrerton drang schlicht nicht zu ihnen durch: „Der Mann kommt wieder. Er isst nur ein Schnittchen. Beruhigt Euch.“ Großer Jubel kam auch bei den 2.000 Menschen vor der Halle auf, die keine Karten mehr bekommen hatten. Für sie hatte die Plattenfirma zwei große Videoleinwände aufbauen lassen, mit denen sie die Ereignisse drinnen verfolgen konnten.

Derweil begrüßte Gottschalk Talkshow-Moderatorin Arabella Kiesbauer auf der Couch, über deren Sendung und typische Themenformulierungen er sich zunächst lustig machte, um sie im nächsten Moment auf ihr überlebtes Briefbombenattentat anzusprechen. Ein gewagter Spagat. Dann noch eine letzte Wette und der eigentliche Höhepunkt der Show stand an: die Weltpremiere des „Earth Song“, in dem Jackson die Zerstörung der Umwelt durch Kriege, Wilderei und Verschmutzung beklagte.

Michael Jackson bei Wetten, dass..? © IMAGO / teutopress

In einem weißen Hemd sang er den eindringlichen Song (wieder im Vollplayback) diesmal allein. Die Inszenierung erreichte ihren Höhepunkt, als Jackson auf einen Hebekran kletterte, in dessen Boden Wind- und Nebelmaschinen eingelassen waren. Mit ihm schwebte er gottgleich über die Köpfe des begeisterten Publikums. In scheinbarer Ekstase riss er dort oben sein Hemd auf und hängte sich mit freier Brust außen an den Kran. Wenn das kein Einsatz war.

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Viel wurde im Vorfeld darüber spekuliert, wie umfangreich das angekündigte Gespräch zwischen Gottschalk und Jackson ausfallen würde. Für geistreiche Worte war der Musiker nie bekannt. Tatsächlich fiel der Plausch derart kurz aus, sodass er hier in voller Länge festgehalten werden kann: Gottschalk: „Do you like Germany?“ – Jackson: „I love it.“ Danach verschwand er schnell hinter der Bühne und der große Moment war vorbei. Oder, wie Markus Heller den Abend in der „Stuttgarter Zeitung“ pointiert zusammenfasste: „Zwei Songs, zwei Hauptsätze.“

Der perfekte Zombie-Roboter

Während die euphorisierten Fans weiter ihrem Idol hinterher riefen, setzte Gottschalk die Sendung mit der Auflösung der merkwürdigen Saalwette fort. In dieser musste Arabella Kiesbauer mit dem zufällig im Publikum anwesenden Roberto Blanco eng umschlungen Lambada tanzen. Wenigstens konnte sie sich dagegen wehren, dafür ein freizügiges Outfit anzulegen. Jackson war zu diesem Zeitpunkt längst aus der Halle verschwunden. Glück für ihn.

Am Tag nach der großen Show fielen die Reaktionen gemischt aus. Zwar wurde in allen Kritiken die Perfektion von Jacksons Vorstellung hervorgehoben, aber erneut rückte seine Exzentrik stärker in den Fokus als seine Musik. Die Oberösterreichischen Nachrichten sahen einen „gebleichten Zombie“ mit Bazillenängsten und die FAZ einen Künstler, der so „lebendig wie ein Android“ wirkte. Häme gab es zudem für Gottschalk wegen seines inhaltslosen Gesprächs mit dem Superstar.

Für das ZDF hatte sich das Unterfangen dennoch gelohnt. Mit Jacksons Hilfe hatte man einen historisches Fernsehereignis erzeugt und eine enorme Steigerung der üblichen Reichweite erzielt. Im Schnitt hatten 17,99 Millionen Menschen die Übertragung aus Duisburg eingeschaltet. Mit diesem Wert übertraf die Ausstrahlung sogar den Boxkampf zwischen Henry Maske und Graciano Rocchigiani, der rund einen Monat zuvor gelaufen war und bis dahin als meistgesehenes Programm des Jahres gegolten hatte.

Das große Erbe von „Wetten, dass..?“

Jacksons befremdliche Erscheinung, seine Wortlosigkeit, seine Zerbrechlichkeit, sein Leben in einem abgeschirmten Kokon ließen ihn wirken, als lebe er in einem eigenen Orbit, weit entfernt vom Rest der Menschheit. Dass er sich trotzdem von seinem Stern herabließ, in einer schmucklosen Mehrzweckhalle irgendwo im Ruhrpott zwischen lokalen Komikern und Stimmungssängern aufzutreten, trug maßgeblich zum Status von „Wetten, dass..?“ als Europas größte Fernsehshow bei. Der Moment, in dem er halbnackt über dem Duisburger Publikum hing, ist einer dieser Meilensteine, der mehrere Fernsehgenerationen prägte.

Aus heutiger Sicht mag der gesamte Abend kurios und befremdlich wirken. Diese skurrile Mischung aus internationaler Prominenz und deutschtümlichem Kleingeist. Aus überwältigender Opulenz und in die Jahre gekommenem Klamauk. Aus peinlicher Anbiederei und ignoranter Rückwärtsgewandtheit. Aus gemeinschaftsstiftendem Lagerfeuer-Gefühl und permanenten Übergriffigkeiten. Sie machte jahrzehntelang die Faszination von „Wetten, dass..?“ aus. Sie sorgte dafür, dass die meisten Menschen, die heute über 20 sind, angenehme Erinnerungen mit der Sendung verbinden. Oft im Zusammenhang mit gemeinsamen Seherlebnissen. Vielleicht mit den Eltern oder Großeltern. Von dieser Historie zehrt das Format bis heute. Und darin besteht das Vermächtnis, mit dem die Kaulitz-Brüder nun umgehen müssen.

Vier Jahre später kam Jackson übrigens ein zweites Mal zu „Wetten, dass..?“. Am 20. März 1999 trug er zwar keinen Song vor, nahm jedoch als Special Guest kurz auf der Couch Platz. Diesmal wollte er sprechen und zwei geplante Benefizkonzerte bewerben. Unter dem von ihm geforderten gleißenden Scheinwerferlicht brachte er kaum zwei zusammenhängende Sätze hervor und überließ das Reden letztlich einem Vertreter der Plattenfirma. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte.