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DWDL.de-Interview über die Synchronbranche

FFS-Chef Ludwig: "Wir haben zu wenig Nachwuchs"

 

Rainer Ludwig leitet als Managing Director die Geschäfte des Synchron-Unternehmens FFS. Im Interview spricht er über Nachwuchssorgen, veränderte Arbeitsbedingungen, harten Wettbewerb und die deutsche Synchronkultur.

von Timo Niemeier
13.03.2017 - 08:29 Uhr

Herr Ludwig, gefühlt schauen sich immer mehr Menschen Filme oder Serien im englischen Originalton an. Ist Ihr Geschäftsmodell in Gefahr?

Der Kreis derer, die Englisch verstehen, wächst. Insofern ist das für uns natürlich auch ein Thema. Der Kreis derer, die englische Originalfassungen schauen und wirklich verstehen, ist aber schon ein viel kleinerer - doch auch dieser wächst. Die anderen, die behaupten sie würden alles verstehen, sie verstehen aber nur die Hälfte, wächst übrigens auch (lacht).

Welcher Auswirkungen hat das auf ihr Geschäft?

Meiner Meinung nach wird das zuerst schlechte Synchronisationen treffen. Man kennt das ja heute von Netflix, wo man schnell zwischen den Fassungen springen kann. Wenn den Menschen die Synchro nicht gefällt, werden sie vermehrt zum Original wechseln. Die jungen Leute sind des Englischen heute immer mehr mächtig. Auf die Mehrheit der Deutschen trifft das aber noch nicht zu.

Das heißt, es führt an einer Synchronisation noch kein Weg vorbei?

Ich sage den Kritikern des Synchrons immer: Nenn mir doch bitte eine gute Möglichkeit, den Zuschauern, die die Sprache nicht verstehen, den Inhalt des Films zu vermitteln - außer eine gute Synchronisation. Darauf erhalte ich meist keine guten Antworten. Und gehen wir doch mal vom Englischen weg: Im Chinesischen, Spanischen oder Französischen wird es dann schnell sehr eng.


Sie erhalten Aufträge von Sendern, Kinoverleihern und neuerdings auch von Streaming-Anbietern wie Netflix und Amazon. In welchen Bereichen sind Sie derzeit stärker unterwegs? Bei Serien oder Filmen?

Das ist bei uns derzeit ziemlich aufgeteilt: 50 zu 50. 

Das hört sich nach Risikominimierung an.

Wir hatten eine Zeit, in der die Sparte Kino deutlich überwogen hat. Da haben wir 75 Prozent Kino gemacht. Mit Zunahme auch der Streaming-Dienste und der Akzeptanz von hochwertigen Fernsehserien haben wir erkannt, dass wir auf diesem Markt stärker werden müssen. Daher kommt unsere neue Aufteilung. Wir haben da ganz klassisch aktive Akquise gemacht.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren verändert?

Durch die Streaming-Dienste ist in erster Linie ein sehr hoher Zeitdruck entstanden. Beim Kino hängt es damit zusammen, dass man möglichst weltweit den gleichen Start haben möchte - natürlich auch aus Gründen der Piraterie. Beim Fernsehen war es früher so, dass einmal in der Woche eine neue Folge einer Serie kam. Die Streaming-Dienste wollen nun möglichst ganze Staffeln auf ihren Plattformen bereitstellen. Wenn wir heute angefragt werden, müssen wir also eine ganze Staffel sehr schnell fertigstellen. Früher hatten wir mehrere Wochen Zeit dazu.

Wie ist das bei Serien, die in Deutschland direkt nach der US-Ausstrahlung laufen sollen?

Für uns bedeutet auch das wieder extremen Zeitdruck. Bei Serien gibt es in solchen Fällen vorläufige Fassungen, das sind noch nicht fertig gedrehte und fertig geschnittene Originalfassungen, mit denen wir dann arbeiten. Wenn dann die finalen Versionen kommen, ändern wir in der Regel nur noch Kleinigkeiten.

Wenn ein solcher Zeitdruck herrscht, dann können auch Fehler passieren. Wie schließen Sie aus, dass Sprecher später noch einmal zu Ihnen ins Studio kommen müssen, weil etwa die Synchronität nicht passt?

Im Studio ist neben dem Sprecher auch eine Cutterin, der Tonmeister und der Regisseur. Alle müssen ihr OK geben: Der Tonmeister, wenn der Ton stimmt. Der Regisseur, wenn der Ausdruck stimmt. Und die Cutterin, wenn sie sagt, dass es von der Synchronität in Ordnung ist oder sie es entsprechend hinziehen kann, sodass es passt. Wenn sie sagt, dass das nicht geht, muss der Sprecher das im Studio noch einmal neu einsprechen. Dass wir einen Sprecher aus Synchrongründen noch einmal ins Studio holen, kann passieren, ist aber extrem selten. Das kann bei Kinofilmen passieren, wo wir oft aus Gründen der Piraterie ein Bild mit Wasserzeichen bekommen. Da kann man die Lippensynchronität nicht zu 100 Prozent erkennen.

Haben Sie noch ein Beispiel, wie sich die Arbeitsbedingungen verändert haben?

Was uns zunehmend mehr Arbeit macht ist die Verwaltung bezüglich der Verträge, die es wegen der verlängerten Auswertungsketten gibt. Nachdem ein Film heute im Kino gelaufen ist, kann man ihn danach im TV und oder bei Netflix, Amazon und anderen Plattformen sehen. Früher war das nicht so. Da stellen diejenigen, die für den Film bezahlt werden, natürlich die verständliche Forderung nach mehr Geld. Wir sprechen da vom total buyout. Das heißt, der Sprecher verkauft seine Leistung dafür, dass alles ausgewertet werden kann. Dafür sind umfangreiche Rechteabtretungen notwendig. Schwierig sind auch die Unterschiede in der Rechtssituation in Deutschland und den USA. Dem muss man in den Verträgen Rechnung tragen.

Das heißt, durch die neuen Verwertungsketten sind auch die Sprecher teurer geworden?

Die Sprecher sind teurer geworden - in den vergangenen Jahren vor allem durch das gestiegene Auftragsvolumen und die damit verstärkte Nachfrage. Aber auch wegen des total buyouts und natürlich auch wegen der stetig steigenden Lebenshaltungskosten

Können Sie die gestiegenen Kosten an Ihre Kunden weitergeben?

Die müssen wir weiter geben. Wenn wir das nicht könnten, würden wir Verlust machen. Der Preisdruck ist in unserer Branche so groß, dass wir alles, was bei uns an gestiegenen Kosten, anfällt, an die Auftraggeber weitergeben müssen. Die Gewinnmargen der Synchronstudios sind nach wie vor minimal und der Investitionsbedarf für neue Technik hoch. Wir erklären den Kunden auch, wieso das so ist und das Verständnis dafür ist größtenteils vorhanden. Jeder sieht ja, dass alles teurer wird.

Sie sagten vor rund zwei Jahren, dass es vielen US-Anbietern noch an Verständnis für die hiesige Synchronkultur fehle. Hat sich das mittlerweile geändert?

Es war vor nicht allzu langer Zeit so, dass die Amerikaner dachten, Synchronisation sei etwas, um den nicht-sprachkundigen Zuschauern den Inhalt zu vermitteln. Ihnen also eine Übersetzung zu geben, was Untertitel ja nicht vollumfänglich leisten können. Die Erkenntnis, dass das Bild zusammen mit dem Ton, also auch der Sprecher mit seinen Emotionen in der Stimme, die Zuschauer dazu veranlassen, bei einer Serie dranzubleiben oder abzuschalten, hat sich verbessert. Es ist heute sogar schon so, dass auch von den US-Anbietern schlechte Synchronisationen erkannt und ersetzt werden. Wir haben zum Beispiel "From Dusk Till Dawn" gemacht, die war vorher grauenhaft synchronisiert. Das andere Beispiel ist die Serie "Vikings", die auch verheerend schlecht synchronisiert gewesen ist. Also ja, es ist erkannt worden: Wenn ich jemanden überzeugen will, brauche ich eine gute Synchronisation.

Jetzt war es bis vor wenigen Jahren noch so, dass die Sender bzw. die Studios ihr Material so lange zurückgehalten haben wie es nur ging. Grund dafür war die Sorge vor Piraterie. Ist das immer noch so?

Das ist nach wie vor noch so, heute ist alles sehr stark auf Sicherheit ausgelegt. Bei einer US-Firma ist es sogar so, dass sie uns das Material geben, noch bevor es der Sender erhält. Eben weil wir die Sicherheit des Materials garantieren. Aber auch wir bekommen alles erst so spät wie möglich. Das hat zum einen mit der Piraterie zu tun, aber auch damit, dass bis zum letzten Moment noch etwas umgeschnitten wird. Das macht unsere Arbeit schwierig.

Welche Probleme entstehen dadurch?

Die Planbarkeit geht für uns verloren, das ist ein großes Problem. Wenn wir heute von einem Kunden für eine Serie angefragt werden und er uns das Material der verschiedenen Folgen zu bestimmten Terminen zusagt, dann haben wir die Sprecher, Regisseure und alle nötigen Mitarbeiter optioniert. Wenn dieser Kunde uns dann plötzlich absagt und gewisse Dinge nicht pünktlich liefert, müssen wir auch allen absagen. Dadurch verschiebt sich alles, Ausfallhonorare sind bei uns in der Branche bisher nicht üblich - im schlimmsten Fall verlieren wir die angefragten Freelancer an die Konkurrenz.

Wie kann man dem entgegnen?

Indem man dem Kunden immer wieder darum bittet, Termine zu nennen, die auch wirklich eingehalten werden und nicht solche, die nachher sowieso umgeworfen werden. Aber der Kunde steht natürlich auch in einer Abhängigkeit zu den Produzenten und steht teilweise vor den gleichen Problemen.

Wie sieht der Zeitablauf bei Ihnen aus? Wie lange müssen Ihre Kunden auf die synchronisierten Folgen einer Serie mindestens warten?

Das ist sehr unterschiedlich. Wenn es wirklich ganz schnell gehen muss und wir sofort alle nötigen Materialien bekommen, schaffen wir in der Regel drei bis vier Folgen einer Serie innerhalb eines Monats. Da müssen dann aber auch wirklich alle Zeit haben, also Regisseure, Autoren, Sprecher. Wir sprechen dann vom Accelerated Dubbing und arbeiten gleichzeitig an allen Fronten und haben viele Teams zur gleichen Zeit am Start. Das wird dann auch nochmal anders vergütet, diese schnelle Art des Produzierens ist kostenintensiver. Normalerweise ist bei einer Serie eine Arbeit über mehrere Wochen die Regel.

Wie ist der Konkurrenzdruck innerhalb Ihrer Branche?

Es ist nach wie vor ein harter Kampf zwischen den Mitbewerbern. Natürlich gibt es aber auch befreundete Firmen. Bei uns sind das Firmen, die eine ähnliche Philosophie wie wir haben und die zum Beispiel auch eigene Studios betreiben. Da hilft man sich insofern, dass man sich gegenseitig die Studios bucht. Wenn ich also nicht ganz ausgelastet bin, nehme ich den Mitbewerber mit rein und andersherum. Aber ansonsten herrscht unter den Mitbewerbern ein großer Druck.

Was ärgert Sie in der Branche am meisten?

Was mich immer wieder ärgert sind Kommentare, neulich gab es wieder einen in der FAZ, über schlechte Synchronisation. Die gibt es zugegebenermaßen. Was ich den Verfassern dieser Artikel unterstelle: In erster Linie rühmen sie sich ihrer außerordentlichen Englischkenntnisse. Natürlich kann ich anhand von schlechten Synchros alles verteufeln, aber das ist falsch. Man muss sich gute Synchros ansehen und kann erst dann ein Urteil abgeben. Das ärgert mich sehr und das kommt immer wieder vor.

Gefühlt kommen einige wenige Synchronsprecher in relativ vielen Produktionen vor, viele sprechen auch mehrere Hauptrollen. Ist es ein Problem für die Branche, dass es relativ wenige Stimmen gibt?

Es ist schon so, dass es einigen Zuschauern immer auffällt, wenn ein Sprecher mehrere Rollen übernimmt. In der Regel versuchen wir natürlich unterschiedliche Stimmen zu nehmen. Aber wenn Sie heute jemanden brauchen, der wirklich professionell ist, und dazu gehört auch die Schnelligkeit im Studio, weil wir sehr unter Zeitdruck stehen, dann ist die Auswahl oft begrenzt.

Wie steht es um den Nachwuchs in Ihrer Branche?

Wir haben zu wenig Nachwuchs. Das betrifft sowohl die Sprecher, aber auch die Regisseure und die Dialogbuchautoren. Das hängt damit zusammen, dass wir bis vor rund drei Jahren deutlich weniger Aufträge hatten als jetzt. Durch den damaligen Auftragsrückgang entstand ein erhöhter Preisdruck, wodurch wiederum die Gagen für die Kreativen nach unten gegangen sind. Die Gehälter der Angestellten wurden nicht erhöht. Damit war es eine Zeit lang nicht attraktiv, sich in unserer Branche zu bewerben. Die Gagen, die wir bezahlt haben, waren einfach so niedrig, dass man nicht gut davon leben konnte. In anderen Branchen wurde da besser bezahlt und darunter leiden wir jetzt, wo sich unsere Auftragssituation spürbar verbessert hat.

Hat sich die verbesserte Auftragslage inzwischen schon überall herumgesprochen?

Das ist noch nicht überall angekommen. Wir haben wieder vermehrt Bewerbungen, aber längst nicht so viele, wie wir eigentlich gerne hätten. Die jungen Bewerber helfen uns auch jetzt erst mal nichts, denn wir brauchen in diesem Moment Profis und die haben wir derzeit nicht in ausreichender Anzahl.

Und was passiert, wenn ein Sprecher krank wird?

Das kommt immer drauf an. Ganz ärgerlich ist das natürlich immer bei ganz bekannten Schauspielern, deren Synchronstimme man auch schon kennt. Da versuchen wir, die Termine so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Bei einer nicht so bekannten Stimme würden wir versuchen, die Rolle umzubesetzen. Dieser neue Sprecher klingt dann im Idealfall so wie die eigentliche Stimme. Grundsätzlich versuchen wir immer, Stimmen beizubehalten. Aber wenn es nicht geht, muss man umbesetzen.

Was wünsche Sie sich künftig von Ihren Auftraggebern?

Ich wünsche mir eine bessere Planbarkeit und mehr Verlässlichkeit. Wenn wir Termine gesagt bekommen, an denen Materialien geliefert werden, sollten diese auch eingehalten werden, damit unsere Produktionskette nicht ins Stocken gerät. Wenn diese Termine eingehalten werden, habe ich gar keine großen Wünsche mehr - außer einer pünktlichen Bezahlung und das ist in der Regel der Fall.

Sie haben naturgemäß viel mit englischsprachigen Medienvertretern zu tun. Da erlebt man doch sicherlich kuriose Dinge?

Kurios ist, dass die Amerikaner oft denken, dass es bei uns die gleiche Rechtesituation wie bei ihnen herrscht. Und das ist bei weitem nicht so. Bei uns gibt es etwa einen Bestseller-Paragraphen. Der besagt, dass wenn ein Werk außerordentlich erfolgreich ist und ein Künstler maßgeblich daran beteiligt ist, ihm später zusätzliche Gagen zustehen - trotz wasserdichter Verträge im Vorfeld. Das kennen die Amerikaner nicht. Zuletzt habe ich mit einem Amerikaner im Zuge von Vertragsverhandlungen über den deutschsprachigen Raum, also "german speaking", gesprochen. Bei Austria war er der Meinung, dass dort alle englisch sprechen würden. Das Land, das er meinte, heißt aber leider Australien.

Herr Ludwig, vielen Dank für das Gespräch!

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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