© Andi Weiland // SOZIALHELDEN
Mit Behinderung in den Medien arbeiten

"Ein Rollstuhl kann eine ziemlich gute Steadycam sein"

 

Inklusion ist ein Menschenrecht. Dies wird nicht zuletzt in der 2006 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention vertraglich unterstrichen. Doch wie sieht es in der Medienbranche mit gleichberechtigter Teilnahme und Barrierefreiheit aus? Wir haben nachgefragt...

von Regine Pfaff
18.03.2017 - 14:30 Uhr

Vor etwas mehr als einem Vierteljahr veröffentlichte die "Aktion Mensch", seit über 50 Jahren Kämpfer für gleiche Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung und größte private Förderorganisation auf sozialem Terrain, den neuesten "Inklusionsbarometer Arbeit". Wie die drei Studien zuvor will auch der vierte Bericht zeigen, wie es um die Integration von Menschen mit Behinderung auf dem deutschen Arbeitsmarkt bestellt ist. Und auch wenn dort der bislang beste Gesamtwert erzielt wurde und das Thema "Inklusion" auf dem Arbeitsmarkt, vor allem aus Arbeitgebersicht, als alltäglicher begriffen wird, besteht nach wie vor ein großes Problem darin, dass die Arbeitslosenquote Schwerbehinderter doppelt so hoch ist und deutlich langsamer sinkt als jene des allgemeinen Arbeitsmarktes. Nicht nur, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung diesbezüglich weiter voneinander entfernen - auch die Dauer der Langzeitarbeitslosigkeit steigt. So sind Menschen mit Behinderung heute im Schnitt 100 Tage länger mit der Suche nach einem neuen Job beschäftigt als Menschen ohne Behinderung.

 

Diesen Umstand beklagt auch Raúl Krauthausen, Inklusions-Aktivist, Gründer von Sozialhelden und Moderator der Talksendung "Krauthausen - face to face". "Die Arbeitslosenquote behinderter Menschen ist in manchen Bereichen doppelt so hoch, wie bei Menschen ohne Behinderung." Und gerade vor der Medienbranche macht dieses Problem seiner Meinung nach nicht Halt: "Insgesamt sind behinderte Menschen selten in den Medien tätig. Da sind wir beim Anfangsproblem der Barrieren in den ersten Arbeitsmarkt", sagt der 36-Jährige, der mit Glasknochen zur Welt kam. Aufzüge, höhenverstellbare Tische, rollstuhlgerechte Toiletten müssten Grundvoraussetzungen in Mediengebäuden darstellen, um eine adäquate Mitarbeit in einem Redaktionsteam sicher zu stellen. "Auf der anderen Seite auch Technik, wie Screenreader und die Offenheit, gehörlose Menschen in die Belegschaft aufzunehmen."

Vor der Kamera stellt sich für Menschen mit Behinderung seiner Meinung nach noch ein ganz anderes Problem: Rollen mit Behinderung werden oft von Menschen übernommen, die keine Behinderung haben. Das führe einerseits zu einem verzerrten Bild, das von Menschen mit Behinderungen gezeichnet wird. Und zum anderen zu einer Verringerung der Arbeitschancen von Schauspielern mit Behinderung.

Ein positives Gegenbeispiel für - wenn auch kurzzeitige - volle Integration in einem Medienbetrieb zeigte zuletzt eine Sonderausgabe der "taz", die Anfang Dezember, am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, erschien (DWDL.de berichtete). Nach einer "freundlichen Übernahme" verantwortete eine Gruppe aus Menschen mit Behinderung, der auch Krauthausen angehörte, die Tagesausgabe und brachte eine inklusive "taz.mit behinderung" heraus. Ein schönes Beispiel, das kein Einzelfall bleiben sollte. So fordert der Aktivist für Menschen mit Behinderung und einem Berufswunsch in den Medien "dass sie nicht nur Journalisten und Journalistinnen im Bereich Behindertenpolitik sein sollten, sondern auch in anderen Ressorts tätig werden", auch wenn sie abgesehen davon Ansprechpartner und Experten in eigener Sache sein können.

Verbesserungsmöglichkeiten sieht auch Bergit Fesenfeld, Vertrauensfrau der Menschen mit Behinderung im Westdeutschen Rundfunk, obwohl die Schwerbehindertenquote in den letzten Jahren in der öffentlich-rechtlichen Anstalt gestiegen ist. Derzeit liegt sie bei 5,7 Prozent in der größten ARD-Rundfunkanstalt, was rund 280 schwerbehinderten oder gleichgestellten Menschen entspricht. Öffentlich-rechtliche und private Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind übrigens dazu verpflichtet, auf mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze Menschen mit Schwerbehinderung anzustellen.

Und auch wenn die WDR-Mitarbeiterin auf eine steigende Akzeptanz des Themas durch Lobbyarbeit der Schwerbehindertenvertretung verweist, meint sie: "Es bleibt immer noch viel zu tun. Wir von Seiten der Schwerbehindertenvertretung wünschen uns zum Beispiel mehr Neueinstellungen von schwerbehinderten Menschen." Außerdem sieht sie ebenfalls im Ausbau der Barrierefreiheit eine wichtige Maßnahme, um die Inklusion weiter voran zu treiben. Geschaffen wurde dafür beim WDR eine "Zielvereinbarung Barrierefreiheit", die zunächst die Situation in den Gebäuden der Innenstadt verbessern soll, doch der problemlose Zugang "muss weiter ausgebaut werden, auch in den Außenstudios", sagt sie.

Neben dem regelmäßig stattfindenden "Forum Behinderung", bei dem vor allem fach- und direktionsübergreifende Themen aufgegriffen und nach Lösungsstrategien für den gesamten WDR gesucht werden, engagiert sich die Schwerbehindertenvertretung im Bereich Prävention, weswegen diese aktiv beim Gesundheitsmanagement und im Diversitybereich mitarbeitet und Führungskräfte zum Umgang mit Vielfalt und Behinderung weiterbildet. "Behinderung ist ein Querschnittsthema", sagt Bergit Fesenfeld. Sie wünscht sich eine Inklusionsvereinbarung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention.

Und der Nachwuchs? Für ihn gibt es die Möglichkeit einer "Integrationshospitanz". Nach einer Ausbildung können diese Hospitanten beim WDR erste Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt sammeln. Der WDR-Nachwuchs selbst wird zudem früher als andernorts mit dem Thema sensibilisiert: "Die WDR-Volontäre sind die einzigen in der ARD, die systematisch zum Umgang mit dem Thema Behinderung ausgebildet werden", sagt Fesenfeld.

Dirk Rauser
© Mediengruppe RTL Deutschland GmbH
Bei der Mediengruppe RTL ist man durch den Umzug nach Deutz hinsichtlich eines der zentralen Aspekte, der Barrierefreiheit, schon einen Schritt weiter als der WDR. Das Gebäude wurde direkt barrierefrei errichtet und in Kooperation mit dem Integrationsamt wurden weitere Maßnahmen ergriffen, wie Personalchef Dirk Rauser berichtet: "Unter anderem wurden Elektro-Scooter angeschafft, mit denen sich Mitarbeiter im Gebäude und zwischen unserem Gebäude und dem Parkhaus bewegen können, elektrische Türen installiert und bei Bedarf besteht die Möglichkeit, in Eingangsnähe zu parken."

Auch bei der Einrichtung des Arbeitsplatzes wird gerne unter Einbezug des Integrationsamtes nach einer Lösung geforscht, um alles entsprechend der Behinderung individuell einzurichten. Berücksichtigung finden Menschen mit Behinderung beim Kölner Medienhaus dabei in verschiedenen Betriebsvereinbarungen - in Abstimmung befindet sich derzeit eine Integrationsvereinbarung. Stolz ist man auch auf das Engagement beim weitgehend barrierefreien Bertelsmann-Angebot Handicap TV, das von der Konzernschwerbehindertenvertretung verantwortet wird, oder auf die Unterstützung einer RTL-Mitarbeiterin bei den Paralympics in Rio de Janeiro.

Auch beim Wettbewerber ProSiebenSat.1 in Unterföhring sieht man in der Barrierefreiheit einen zentralen Aspekt hinsichtlich der Inklusion: "Wir bieten Rahmenbedingungen, dass für unsere Mitarbeiter Handicaps im Berufsleben keine unnötig große Rolle spielen und unterstützen den Arbeitsalltag von Kollegen mit Behinderung beispielsweise durch barrierefreie Gebäude und Arbeitsplätze." Sofern bauliche Veränderungen auf dem Campus anstünden, würde dieser Aspekt mitbedacht. Des Weiteren, so heißt es aus dem Haus, schätzen Mitarbeiter, dass kleinere Maßnahmen oft schnell und auf kurzem Dienstweg umgesetzt werden können, um "Menschen mit Behinderung ein adäquates Arbeitsumfeld zu bieten und alle Voraussetzungen zu schaffen, sie voll in den Arbeitsalltag zu integrieren".

Wie umfassend die Bereiche sein können, in denen Menschen mit Behinderung in einem Medienbetrieb arbeiten, zeigt dabei das Beispiel des WDR. Neben Journalisten sind dort Ingenieure, Verwaltungsfachleute, Sachbearbeiter oder Handwerker beschäftigt. Die Erfahrungen der Arbeitskollegen von Bergit Fesenfeld gehen dabei jedoch weit auseinander: "Einige erleben große Unterstützung, andere klagen darüber, dass die Arbeitsverdichtung, der Stellenabbau und die Sparmaßnahmen unter anderem dazu führen, dass die Solidarität in den Teams nachlässt."

Raúl Krauthausen hat für solche Fälle den folgenden Tipp: "In unserer Arbeit hilft es sehr viel nicht in 'ihr' und 'wir' zu denken, sondern gemeinsam an einem coolen Projekt zu arbeiten, dann sind die vermeintlichen Unterschiede schnell vergessen." In seinem Umfeld kennt der Sozialhelden-Gründer viele, die gerne in den Medien vor oder hinter der Kamera, bei einer Zeitung oder im Radio arbeiten wollen. Um etwas in Gang zu setzen, "oder auch einfach nur weil 'was mit Medien' sehr viel Spaß macht". So leuchte es zwar ein, dass ein Mensch mit Rollstuhl in der Regel nur schwer als Stuntman oder Stuntfrau arbeiten könne, aber bei einem Job als Kameramann oder Kamerafrau hindere dieser ihn nicht notwendigerweise. So sei allen Produktionsfirmen gesagt: "Ein Rollstuhl kann eine ziemlich gute Steadycam sein."

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