Nach eineinhalb Jahren Pandemie kann wohl jeder eine mehr oder weniger launige Geschichte erzählen, wie Corona den Arbeitsalltag verändert hat. Seien es technische Probleme bei Videocalls, ins Bild springende Kinder oder Tiere - oder mühsame Konferenzen, weil alle durcheinanderplappern. Trotz der großen Umstellung im Frühjahr 2020 hat sich auch die Medienbranche an die neue Situation gut gewöhnt. Doch welche durch die Pandemie getroffenen Maßnahmen werden langfristig bleiben? Und gibt es überhaupt einen Weg zurück in die Zeit vor Corona? 

Axel Kühn © Tresor TV Axel Kühn
Die Antwort auf diese Frage ist bei den von DWDL.de befragten Unternehmen ziemlich einhellig: nein. "Ich kann ganz klar sagen, dass wir den Zustand vor Corona zumindest in diesem Bereich nicht wiederherstellen wollen", sagt etwa Axel Kühn, Geschäftsführer von Tresor TV. Freiheiten in Bezug auf Arbeitsplatz und Arbeitseinteilung wolle man beibehalten. Vom MDR heißt es, eine Rückkehr in der Arbeitsweise zum Zustand vor Corona strebe man nicht an. Julia Reuter, Geschäftsführerin Strategie, Personal & Kultur RTL Deutschland, sagt gegenüber DWDL.de: "Es wird kein Zurück zur Fünf-Tage-Bürowoche geben, und das ist auch gut so." Man sei bereits vor Corona dabei gewesen, sich zu wandeln - "inklusive eines Mobile Office Konzepts". Dieser Prozess sei durch Corona massiv beschleunigt worden. 

P7S1 und RTL evaluieren neue Modelle

Christine Scheffler © ProSiebenSat.1 Christine Scheffler
Bei ProSiebenSat.1 hat der Vorstand entschieden, dass es nach Aufhebung der Pandemischen Lage ein hybrides Arbeitsmodell geben wird. Christine Scheffler, Chief Human Resources Officer und Vorstandsmitglied, sagt, in Hamburg, Berlin und Wien sei das teilweise schon umgesetzt. "An unserem größten Standort in Unterföhring sind wir gemeinsam mit Führungskräften, Mitarbeiter:innen und dem Betriebsrat noch in der Entwicklung." Eine interne Umfrage bei ProSiebenSat.1 hat ergeben, dass fast alle Mitarbeitenden ein hybrides Arbeitsmodell bevorzugen. "Fast allen ist die Präsenz am Campus nach wie vor sehr wichtig ist, als starker Ort des Austauschs und der Kollaboration, gleichzeitig besteht der Wunsch nach Flexibilität." Zur Entwicklung eines neuen Arbeitsmodells wurde eine Projektgruppe eingesetzt. "Wir sind ein sehr heterogenes, breit aufgestelltes Unternehmen, One-Size-fits-all funktioniert bei uns nicht", sagt Scheffler. Nach mehr als 40 Workshops zeichne sich aber ab, dass man wohl zwei bis drei Präsenztage haben werde, die restlichen Tage könnten dann also vom Home Office aus gestemmt werden. 

Julia Reuter © RTL Deutschland / Marina Rosa Weigl Julia Reuter
In eine ähnliche Richtung geht es auch bei RTL. "Mobile Office wird Teil unserer Arbeitswelt bleiben, das ist auch der Wunsch unserer Mitarbeitenden. Gleichzeitig gibt es auch einen starken Wunsch nach persönlichem Austausch", sagt Julia Reuter. Es sei wichtig für das Wir-Gefühl im Unternehmen, dass ein Teil des Arbeitsalltags im Büro stattfinde. Auch in Köln arbeitet eine Arbeitsgruppe derzeit entsprechende Modelle für die Zukunft. "Wir werden künftig auf hybrides Arbeiten setzen und arbeiten an Modellen, die einerseits hohe Flexibilität und gleichzeitig gezieltes Zusammensein fördern. Dafür entwickeln wir neue Flächenkonzepte." Statt Einzelbüros wolle man künftig "Begegnungsflächen", Videokonferenzräume oder "Think Cells" anbieten. 

"Der Mensch ist ein Rudeltier und braucht die Kaffeeküche"

Christiane Ruff © ITV Studios/Stefan Gregorowius Christiane Ruff
Die Strategie der beiden großen Privatsendergruppen stößt auch auf Produzentenseite auf Zustimmung. "Der Mensch ist ein Rudeltier und braucht daher die Kaffeeküche", sagt René Jamm, Geschäftsführer bei Warner Bros International Television Productions. Bei der flexiblen Arbeitszeitgestaltung  gehe es auch um die Identität und ein Miteinander, so Jamm. "Das geht beim Home Office verloren". Bei ITV Studios Germany weiß man derweil noch nicht, wie die Arbeitssituation in Zukunft genau aussehen wird. Aktuell stehe es den Mitarbeitenden frei, ob sie aus dem Home Office arbeiten oder im Büro. Aber schon vor Corona habe man die Möglichkeit angeboten, von zu Hause aus zu arbeiten. "Wir sind sehr dankbar dafür, dass unsere Mitarbeiter*innen auch aus dem Home Office täglich einen fantastischen Job machen. Durch die Pandemie waren wir 'gezwungen', das Arbeiten aus dem Home Office weiter zu optimieren. Dies ist uns rückblickend sehr gut gelungen", sagt Geschäftsführerin Christiane Ruff. 

Florian Falkenstein, Janus TV © Janus TV Falkenstein
Florian Falkenstein, Geschäftsführer von Janus TV, ist einer der wenigen, der sagt, dass man, sofern es die Lage zulasse, "hoffentlich zu den Zuständen vor Corona" zurückkehre. Gleichzeitig schränkt er ein. Eine Ausnahme mache man, wenn "bestimmte Arbeiten aus dem Homeoffice mindestens genauso effizient erledigt werden können". Und Seapoint-Chefin Nina Klink sagt, Corona habe die Branche gelehrt "noch flexibler zu sein, zu improvisieren und den Blick auf das Essentielle zu richten". Einige Fragen hätte man sich vermutlich nicht gestellt, wenn man durch Corona nicht dazu gezwungen worden wäre. "Die Frage ‘Ist es wirklich notwendig, dass….’ sollten wir uns auch nach Ende der Pandemie weiterhin stellen", sagt die Produzentin. 

Bedürfnisse sind andere als vor Corona

Susanne Aigner © Discovery Susanne Aigner
Discovery-Geschäftsführerin Susanne Aigner sagt gegenüber DWDL.de, der vollständige Wechsel ins Home Office sei 2020 eine "massive Veränderung" gewesen sei. Letztlich habe man seither neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit gefunden. "Eine Rückkehr zu der Arbeitswelt vor Corona wird es aus meiner Sicht nicht geben; die Umweltbedingungen und auch die Bedürfnisse der Belegschaft haben sich teilweise komplett verändert." Man arbeite deshalb an neuen, flexibleren Lösungen. Bei Vodafone hat es zum 1. Oktober bereits einen Wechsel gegeben. Da hat das Unternehmen das sogenannte Full Flex Office eingeführt. Das Modell kommt ohne feste Anwesenheits-Quote aus. Alle Mitarbeitenden können selbst entscheiden, von wo sie ihre Aufgaben erledigen wollen - natürlich immer in Abstimmung mit Team und Führung. 20 Arbeitstage im Jahr können sogar im EU-Ausland verbracht werden. Vodafone stellt Geräte wie Bürostuhl und Monitor für zu Hause. Lars Riedel, Head of TV & Entertainment: "Wir arbeiten von dort, wo wir unsere Aufgaben am besten erledigen können. Das Büro als wichtiger betrieblicher Anlaufpunkt bleibt, eine 100-prozentige Home-Office-Company wollen wir nicht werden. Echte Begegnungen sind wichtig, dass haben mir die Münchener Medientage deutlich gezeigt. Endlich wieder live vor Ort zu sein, endlich wieder Kollegen und Partner persönlich treffen, das macht schon Spaß und ist ein Kernelement der Zusammenarbeit."

Gerd Vengels © Deutsche Welle Gerd Vengels
Und auch bei der Deutschen Welle hat das mobile Arbeiten durch Corona "einen deutlichen Aufschwung erhalten", sagt Gerd Vengels, Head of People des Unternehmens. Daher wolle man auch über die Zeit der Pandemie hinaus diese Möglichkeit anbieten. Konkret sollen die Beschäftigten künftig bis zu 60 Prozent ihrer Arbeitszeit mobil wahrnehmen können. "Zu diesem Zweck wird die technische Ausstattung aktuell erheblich verbessert." Gleichzeitig will und muss man wohl auch die Gestaltung der Funkhäuser in Bonn und Berlin auf die veränderten Bedürfnisse einer hybriden Arbeitswelt anpassen. "Neben der reinen Funktion als Arbeitsplatz wollen wir spezielle Kontaktflächen für den sozialen Austausch schaffen. So sollen die Präsenz in den Funkhäusern attraktiv gehalten, kreative Prozesse angestoßen, der persönliche Kontakt zu den Kolleg*innen erhalten und die Identifikation mit dem Unternehmen gestärkt werden." Eine Rückkehr zu dem Zustand vor der Pandemie strebe man nicht an. 

"Jeder geht mit dieser Ausnahmesituation anders um"

Nina Klink © frankandeven Productions Nina Klink
In dieser Sache sind sich also so ziemlich alle einig. Doch wie ist die Situation für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den verschiedenen Unternehmen derzeit konkret? Hier gibt es durchaus Unterschiede. Ähnlich wie bei ITV Studios Germany stellt auch RTL Deutschland seinen Mitarbeitern derzeit noch frei, ob sie ins Büro kommen oder remote arbeiten. Nina Klink sagt, bei Seapoint hänge das von den jeweiligen Voraussetzungen der Produktionen ab. Das Team von "Studio Schmitt" sei etwa komplett geimpft und werde regelmäßig getestet. "Ich könnte mir nur äußerst schwerlich vorstellen, dass sich eine solche Show per Videocall auf die Beine stellen lässt", sagt Klink. In Vorbereitungs- oder Castingphasen anderer Produktionen dagegen setze man durchaus auf Home Office. "Letztendlich habe ich vor allem in dieser Pandemie eins gelernt, jeder geht mit dieser Ausnahmesituation anders um", so Klink, die ihren Führungsteams die Freiheit gegeben hat, ihre Teams so aufzustellen, wie es sich mit der aktuellen Situation am besten vereinbaren lässt. 

Status Quo in den Unternehmen sehr unterschiedlich

Axel Kühn von Tresor sagt, man biete allen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit an, wieder zurück ins Büro zu kommen. Aber auch hier: "In Abstimmung mit ihrem jeweiligen Vorgesetzten entscheiden sie selbst wie viel und wie oft sie im Büro oder remote arbeiten." Bei Janus TV würde die "überwiegende Mehrheit" die Arbeit im Büro bevorzugen, sagt Falkenstein. Mitarbeitende, die ihre Aufgaben im Home Office erledigen können und wollen, haben die Möglichkeit, das tun. Bei Discovery waren große Teile der Belegschaft in Amsterdam und München bis Mitte September im Home Office, erklärt Susanne Aigner. Seit Anfang Oktober habe man langsam geöffnet: Inzwischen kommen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 1 bis 2 Mal die Woche ins Büro. Gerd Vengels gibt einen Einblick in den Status Quo bei der Deutschen Welle: "Aktuell sind in allen Fachbereichen durchschnittlich mehr als 50 Prozent der Mitarbeitenden zumindest tageweise im Home Office tätig." Grundsätzlich arbeite man nach der Devise, dass alle Aufgaben, die im Home Office technisch und organisatorisch bearbeitet werden können, dort auch ausgeführt werden sollen. Ähnlich ist auch die Situation beim MDR. 

Bei ProSiebenSat.1 können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit August wieder ins Büro kommen, sagt Christine Scheffler. "Wir wollen Infektionen am Campus aber auf jeden Fall weiterhin vermeiden. Unsere Kolleg:innen aus der Kritischen Infrastruktur, die den Sendebetrieb verantworten, sind jeden Tag vor Ort. Für alle anderen Teams gilt auf den Büroflächen eine Maximalbelegung von 30 Prozent." Damit könne man die Einhaltung der erforderlichen Abstände garantieren. Grundsätzlich sei die Home-Office-Quote weiter hoch. Und in allen Unternehmen wird sie wohl auch in den kommenden Jahren höher sein als vor der Pandemie - so viel scheint sicher.