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Meine Woche in Serie

"Please Like Me": So lustig & so traurig wie das wahre Leben

 

Wenn man von etwas besonders begeistert ist, fällt es manchmal schwer, die Begeisterung in Worte zu fassen. Gleichzeitig will man aber möglichst viele andere Menschen damit anstecken. Genau so geht es unserer Kolumnistin Ulrike Klode mit der australischen Serie "Please Like Me".

von Ulrike Klode
22.04.2017 - 10:15 Uhr

Die heutige Kolumne dreht sich um eine Serie, die mir am Herzen liegt. Und weil sie mir so viel bedeutet, habe ich das Schreiben über "Please Like Me" immer wieder verschoben. Ich war unzufrieden mit den Worten, die ich formuliert hatte, löschte Sätze, ganze Absätze und schließlich sogar einen ganzen Text. Seit vier Wochen brüte ich darüber, wie ich mit geschriebenen Worten dieser besonderen Serie, die mich berührt hat wie selten eine zuvor, gerecht werden kann. Doch jetzt habe ich beschlossen, dass die Brüterei nichts bringt - vermutlich wäre ich erst zufrieden, wenn ich hier einfach zwei, drei komplette Folgen oder eine gesamte Staffel veröffentlichen könnte mit den Worten: "Angucken, dann werden Sie schon sehen, dass das unglaublich großartig ist".

Ach nein, das wäre vielleicht auch nicht das Richtige - dann hätte ich Sorgen, dass das schlechtes Erwartungsmanagement meinerseits wäre, also dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, zuviel von der Serie erwarten würden und enttäuscht wären, egal, wie gut ich die Serie finde. Wie Sie sehen: Ich kann es mir selbst nicht recht machen. Genug der Vorrede: Was folgt, ist ein Flug durch meine Gedanken zu "Please Like Me", und ich hoffe, dass Sie die Serie danach entweder auf Ihre Serienliste schreiben oder direkt mal anschalten.  

Grundsätzlich geht es in "Please Like Me" um ein paar Menschen Anfang Zwanzig, die ihren Weg suchen - in der Liebe, im Leben. Aber nein, es ist keine leichte romantische Comedy, die man mal eben so lustig gucken und toll finden kann. Es ist auch nicht einfach noch eine Serie über 20-Jährige, die sich dem Leben stellen müssen und bei der man sich spätestens nach Folge 3 denkt: Ja, schon gesehen. Es ist eine komplizierte, anstrengende, traurige Serie, die gleichzeitig sehr lustig und warmherzig ist und Trost schenkt. Sie ist alle Gefühle in einem - weil das Leben genau das auch ist.  

Sie beginnt damit, dass sich die Freundin des Protagonisten - Josh, Australier, 20 Jahre alt - von ihm trennt, weil sie meint, dass er ohnehin schwul sei. Kurz darauf erfährt er, dass seine Mutter versucht hat, sich das Leben zu nehmen und dass er sich um sie kümmern und wieder bei ihr einziehen muss. Verdrängte sexuelle Identität und Depressionen, gleich zum Anfang. Schwere Kost? Oh ja! Doch hier macht - wie so oft bei Serien - der Ton die Musik. Tragische Ereignisse, die aber in einem lakonischen, leichten, warmherzigen Ton erzählt und dennoch ernst genommen werden. Eine Kombination, die ich so bisher selten gesehen habe. 

Die Serie wird immer besser: In Staffel 2, 3 und 4 von "Please Like Me" gibt es einzelne Episoden, die so unglaublich gut sind, dass man bei ihnen einziehen möchte, damit sie immer um einen sind. (Für alle, die die Serie schon kennen: Tasmanien! Die Barrikade vor Toms Zimmer! Das Weihnachtsessen! Der Geburtstagscamping-Ausflug! Essen gehen mit Vater und Mutter! Die letzte Folge!) Leider ist die Serie im Dezember 2016 zu Ende gegangen, auch wenn zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war, dass es das Ende sein würde. Erst im Februar hat der Macher, Josh Thomas, verkündet, dass er die Serie nicht fortsetzen will. (Die Erklärung hat er auch auf Tumblr veröffentlicht.)

Die Figuren sind zwar nicht sympathisch und haben durchweg seltsame Charakterzüge, und doch habe ich sie allesamt schnell ins Herz geschlossen. Und überraschenderweise klappt es bei mir sogar mit der Identifikation: Das Grundproblem "Gibt es einen Platz für mich in dieser Welt und wenn ja, wie finde ich ihn und wird er mir gefallen?" ist leicht zugänglich erzählt, und obwohl ich so ganz anders bin als die Hauptfigur - Nicht-Australier, nicht-schwul, nicht-männlich, längst-nicht-mehr-Anfang-20 -, finde ich genug Anknüpfungspunkte bei den verschiedenen anderen Figuren. Denn tief im Inneren wird hier jeder Charakter von dieser Frage umgetrieben, selbst Joshs Eltern. 

Dazu kommt: das Hilflose-Welpen-muss-man-einfach-ins-Herz-schließen-selbst-wenn-man-keine-Hunde-mag-Gefühl, das die Hauptfigur Josh bei mir erzeugt. Die Serie basiert übrigens auf dem Stand-up-Programm von Josh Thomas und hat autobiografische Züge. Josh Thomas spielt nicht nur die Hauptrolle, er hat die Serie erfunden, geschrieben und bei einigen Folgen Regie geführt. Sein bester Freund Thomas Ward spielt auch in der Serie Tom, den besten Freund der Hauptfigur. Und wenn man Josh Thomas' Twitter- und Instagram-Account anschaut, scheint der Serien-Josh wirklich sehr nah an seinem eigenen Charakter zu sein. Das wirft natürlich die Fragen auf: War diese großartige Serie eine Eintagsfliege, weil sie sein Leben reflektierte? Oder wird Josh Thomas weitere tolle Serien entwickeln und schreiben? 

So, bevor ich jetzt noch ausführlichst über den besonderen Umgang mit psychischen Erkrankungen, die ungewohnte, aber überzeugende Darstellung von Sex und körperlicher Nähe zwischen Mann und Mann schreibe oder von der warmen Atmosphäre, der Bildkomposition, der gelungenen Variation von langen und kurzen Einstellungen schwärme, höre ich lieber mal auf. Schließlich sollen Sie auch noch selbst etwas zu entdecken haben, wenn Sie hoffentlich jetzt gleich oder in ein paar Stunden in die Serie reinschalten. 

Noch ein kleines Extra für alle, die die Serie bereits lieben: ein Zusammenschnitt aller Vorspann-Szenen aus Staffel 1. Bitte sehr:

Die Vorspann-Zusammenschnitte gibt's natürlich auch für Staffel 2, Staffel 3 und Staffel 4. :-)

Und zum Schluss noch ein paar Gucktipps: 

Satire, die wehtut 1: Die vierte Staffel von "Silicon Valley" startet am 23. April bei HBO, in Deutschland sind die neuen Folgen zeitgleich bei Sky Go, Sky Ticket und Sky On Demand verfügbar. Ab 21. Juni ist die Staffel bei Sky Atlantic HD zu sehen.

Satire, die wehtut 2: "Dear White People" ist eine Rassismus-Satire, die an einer US-Universität spielt. Der gleichnamige Film von 2014 wurde jetzt als Dramedy-Serie umgesetzt. Verfügbar ab 28. April bei Netflix.

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"Please Like Me": Alle vier Staffeln gibt's bei Netflix. Im vergangenen Jahr liefen die Staffeln 1 und 2 bei Einsfestival beziehungweise One. 

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

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