© Sarah Shatz/Netflix
Meine Woche in Serie

"The Defenders": Das Gefühl stimmt

 

Vier unterschiedliche Superheldenfiguren mit eigenen Serien in einer Produktion zusammenzuführen, ist nicht einfach. Auch wenn "The Defenders" einige Mängel hat, so hat Netflix damit doch etwas Erstaunliches geschafft, findet unsere Kolumnistin Ulrike Klode.

von Ulrike Klode
26.08.2017 - 11:22 Uhr

Vier Figuren, die ihre eigenen Serien haben, in einer Serie zusammenzuführen, ist eine Herausforderung. Und im großen und ganzen haben die Macher von "The Defenders" diese Herausforderung gemeistert. "The Defenders" mit den vier Marvel-Superhelden Daredevil (gespielt von Charlie Cox), Jessica Jones (Krysten Ritter), Luke Cage (Mike Colter) und Iron Fist (Finn Jones) im Mittelpunkt ist eine Serie geworden, die man gut gucken kann. (Und das funktioniert selbst für alle, die die Einzelserien nicht kennen.) Von der man aber auch nicht zu viel erwarten darf, zumal hier die Geschichte von Iron Fist fortgeführt wird, also ausgerechnet die Geschichte des Einzelhelden, dessen Serie am wenigsten gut ankam - sowohl bei Kennern der Comic-Vorlagen als auch bei Nichtkennern. Das kurz vorweg, wer mehr über die Mängel lesen will, dem kann ich folgende Texte empfehlen (Achtung, hinter Links verbergen sich Spoiler): die "Guardian"-Kritik, die "The New York Times"-Kritik, die "io9"-Kritik.

Worüber ich mich bei "The Defenders" gefreut habe: endlich wieder Jessica Jones zu sehen. Und es ist wirklich erstaunlich, wie gut es den Machern um Showrunner Marco Ramirez gelungen ist, den einzelnen Hauptfiguren ihren eigenen Raum zu geben. Wenn ich die Serie aus beruflichen Gründen nicht ohnehin schauen würde, hätte ich mir vorher - in Anbetracht der vielen großartigen Serien und der wenigen Zeit, die man dafür zur Verfügung hat - gut überlegt, ob "The Defenders" es wert ist.

Die Rechnung ist eigentlich simpel: Eine Figur interessiert mich persönlich gar nicht (Danny Rand/Iron Fist), eine nicht mehr (Matt Murdock/Daredevil, nachdem ich die beiden Staffeln seiner Serie gesehen habe), eine ein bisschen (Luke Cage) und nur eine interessiert mich sehr (Jessica Jones). Also 2 zu 1,5 könnte man sagen - ein negativer Ausschlag. Allerdings kommt noch hinzu, dass ich von Jessica Jones wirklich sehr begeistert war und mir das Zusammenspiel von ihr und Luke Cage in "Jessica Jones" mochte. Wenn ich nicht aus anderen Gründen (siehe oben) ohnehin geguckt hätte, hätte das für mich letztendlich den Ausschlag gegeben, doch in die Serie hineinzuschauen. Und ich wäre dran geblieben.

Denn: Meine Lieblingsfigur durfte so bleiben, wie sie ist, und das wurde schon in Folge 1 deutlich. Von der bläulich-düsteren Farbgebung, die charakteristisch für die Serie "Jessica Jones" war, über die trockenen Sprüche, die sie in allen möglichen Situationen von sich gibt, über die eigenwillige Art zu kämpfen bis zur Verschlossenheit war das genau die Jessica Jones, die mich Ende 2015 fasziniert hat (mein Text dazu von damals). Zusätzlich tauchen auch die aus der Einzelserie bekannten Nebenfiguren auf. Ich als Jessica-Jones-Begeisterte konnte also wirklich schnell andocken und mich immer dann, wenn sie im Bild war, im altbekannten Gefühl suhlen.

Ich habe den Eindruck, dass das bei den anderen Hauptfiguren genauso war. Die unterschiedliche Farbgebung und Optik abhängig davon, welcher Superheld gerade zu sehen war, wurde so lange durchgezogen, bis sich die vier zusammengeschlossen haben. Die Charaktere Luke Cage und Daredevil blieben sich im Großen und Ganzen treu (bei Iron Fist kann ich das nicht beurteilen). An der Machart der Serie wird also deutlich: Man war sich hier sehr wohl bewusst, dass die einzelnen Figuren unterschiedliche Zielgruppen angesprochen haben, von denen vermutlich die wenigsten Zuschauer und Zuschauerinnen alle vier Einzelserien geschaut haben. Und hat versucht, alle vier entsprechend zu bedienen. Das hätte in die Hose gehen können. Ist es nicht (auch wenn es keine überragende Serie wurde). Weswegen ich mich jetzt, nach dem kurzweiligen Wiedersehen in "The Defenders", nun noch mehr auf die zweite Staffel von "Jessica Jones" freue.

In dem Zusammenhang noch einen Lesetipp: "Wired" hat einen Text darüber veröffentlicht, wie Netflix anhand der Serie "The Defenders" das Guckverhalten der Nutzer und Nutzerinnen analysiert.

Und zum Schluss noch ein paar Gucktipps: 

Noch mehr Superhelden! Dieses Mal aber in einer Action-Dramedy: Ja, auch The Tick will in der Serie "The Tick" die Menschheit oder eher eine amerikanische Großstadt vor Superschurken retten. Der Pilot der mittlerweile dritten Serien-Adaption des blauen Comic-Helden hat im vergangenen Jahr die Zuständigen bei Amazon offenbar überzeugt, und deswegen wurde eine ganze Staffel in Auftrag gegeben, die am Freitag bei Amazon (Prime) veröffentlicht wurde.

"Zarah - Wilde Jahre" ist die Geschichte einer Journalistin in den 70er-Jahren in Deutschland, die sich mit ihren feministischen Themen im von Männern dominierten Magazinjournalismus durchsetzen will. Breitbeiniger Sexismus, Männerrunden bei Bier und Schnaps, Brüste auf dem Cover - das sind nur einige Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat. Im Fernsehen startet die Serie erst am 7. September, das ZDF hat die erste Folge am Donnerstag in der Mediathek vorab veröffentlicht. Mein erster Eindruck: Aufwändig produziert, aber phasenweise ein bisschen zu dick aufgetragen.

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"The Defenders": Bei Netflix.

"Jessica Jones": Bei Netflix.

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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