© Martin Busbach/Deutsche Bahn AG
Meine Woche in Serie

"Entschuldigung, was gucken Sie denn da?"

 

Auf langen Zugstrecken sind Serien ein guter Zeitvertreib. Findet auch unsere Kolumnistin Ulrike Klode, die in den vergangenen Wochen einige Zeit in der Bahn verbracht hat - und sich dort ein bisschen umgehört und umgeschaut hat, was die Leute unterwegs anschauen.

von Ulrike Klode
23.09.2017 - 11:05 Uhr

"Entschuldigen Sie, was gucken Sie denn da? Ist das die neue Staffel 'Lucifer'?" Es tut mir Leid, lieber Sitznachbar im ICE von Berlin nach Hamburg - wenn jemand neben mir eine Serie schaut und ich mir nicht sicher bin, was es ist, muss ich einfach nachfragen. Kann der Mann ja nicht wissen, entsprechend verwundert schaut er von seinem iPhone hoch, nimmt einen Kopfhörer aus dem Ohr, grinst mich etwas unsicher an und nickt. "Ja, wieso?" - "Ach, ich war mir nicht sicher, ich hatte Tom Ellis erkannt und überlegt, dass das 'Lucifer' sein müsste, es aber nicht die alten Folgen sind. Ist die zweite Staffel denn gut?" - "Ganz okay, aber anders als die erste, weniger Kriminalfälle, mehr Lucifer-Geschichte. Seine Mutter spielt eine große Rolle und so. Bin aber erst bei Folge 6." - "Anders? Ach so. Mir hat die erste Staffel ja gut gefallen. Dann bin ich mal auf die zweite gespannt." - "Lohnt sich aber auf jeden Fall." Er macht eine kurze Pause, fragt dann: "Soll ich mich anders hinsetzen, damit Sie nichts davon sehen?" - "Nö, kein Problem, ich bin sehr spoilerresistent. Und ich kann auch einfach woanders hinschauen, so groß ist das Display ja nicht. Keine Umstände also." Ich grinse, er grinst, steckt den Kopfhörer wieder ins Ohr, guckt weiter. Eine Stunde später, der Zug fährt am Hamburger Hauptbahnhof ein, er will aussteigen, ich lasse ihn an mir vorbei. Da sagt er beim Gehen: "Tschüß! Und dann viel Spaß bei der zweiten Staffel 'Lucifer'". "Danke, ebenfalls", rufe ich ihm hinterher. 

Zwei Wochen später, ich sitze wieder im Zug. Dieses Mal ist die Fahrt um einiges länger: von München nach Hamburg. Der Mann neben mir packt sein iPad aus. Er ist ganz eindeutig auf Geschäftsreise, weil er sich vorhin mit dem Mann auf der anderen Seite des Ganges über gerade gelaufene Meetings ausgetauscht hat. Ich überlege: Wird er jetzt auf dem iPad arbeiten? Spielen? Oder vielleicht sogar was gucken? Und dann denke ich: Hm. So ohne Bildschirmschutz wäre arbeiten aber ein bisschen riskant, kann schließlich jeder, der auf dem Gang vorbeigeht, sehen, was er macht. Und ich, seine Sitznachbarin, sowieso. Während ich den Gedanken verfolge, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie er Kopfhörer entwirrt, ins iPad steckt. Weil mir das ganze jetzt ein bisschen zu beobachtend ist, konzentriere ich mich wieder auf die Mail, die ich gerade auf meinem Laptop schreibe und nehme mir vor, erst nach dem Abschicken dieser Mail wieder rüberzuschielen. 

"Swoosh!", ertönt es aus meinem Rechner. Die Mail ist weg. Ich stecke mir meine Kopfhörer ins Ohr, mache einen Podcast an. Und schaue endlich wieder auf das iPad meines Sitznachbarn - möglichst unauffällig natürlich. Sagen wir es mal so: Eine Spionin ist an mir nicht verlorengegangen. Ob unauffällig oder nicht - ich erreiche mein Ziel: Lange genug auf das Display schauen, um vielleicht einen Schauspieler oder einen Charakter zu erkennen und gleichzeitig kurz genug, dass er mich nicht bemerkt. "Narcos"! Schießt es mir durch den Kopf. Mein Gedankengang lief etwa so: Typ mit Schnauzbart, Kleidung und Deko sieht nach den 80er-Jahren aus, außerdem nach Südamerika. Leute mit Knarren. Der Typ mit Schnauzbart kommt mir irgendwie bekannt vor. Muss "Narcos" sein. Und tatsächlich: Kurz darauf wird mein Sitznachbar von seinem Kollegen gefragt, was er denn gucke. Er antwortet ziemlich laut: "Narcos." Woraufhin sie sich kurz über die Serie unterhalten, was ich wegen der Kopfhörer in meinen Ohren nicht verstehen kann. Ein bisschen Stolz macht sich in mir breit: Ich habe eine Serie erkannt, die ich selbst bisher nicht geguckt habe. Ein inneres Schulterklopfen ist da durchaus angebracht, finde ich in dem Moment. Und twittere meine Erkenntnis. 

Zwei Stunden später, wir sind vom Norden noch immer weit entfernt, bitte ich meinen Sitznachbarn, mich durchzulassen. Weil ich zum Zugbistro will, mir einen Tee holen. Der Weg ist weit, der Zug voll, ich muss über Koffer, Taschen und Rucksäcke hinwegsteigen, andere Leute vorbeilassen - entsprechend langsam komme ich voran. Mein Blick schweift über Leute, die lesen, Leute, die am Handy spielen, Leute, die schlafen, Leute, die am Laptop arbeiten. Und über Leute, die auf iPads und Laptops etwas gucken. Ich beschließe, ein Spiel zu spielen: Kann ich auf einen kurzen Blick erkennen, was geguckt wird? 

Das erste ist einfach: der Fernsehturm von Seattle, aus dem Hubschrauber gefilmt, dahinter der Dunst der Stadt. "Grey's Anatomy". Ein paar Sitze weiter sehe ich Bryan Cranston, als er noch jünger war, der mit einem Jungen spricht, der auffällige Augenbrauen und blaue Augen hat. Ganz klar: "Malcolm Mittendrin". Im nächsten Waggon: Martina Gedeck ist zu sehen, sitzt an einem Tisch mit anderen deutschen Schauspielern. "Muss ein Film sein", denke ich mir und gehe weiter. Kurz darauf ein iPad, auf dem eine Cartoon-Serie läuft. Der Stil ist eindeutig, deswegen fällt mir die Serie sofort ein: "Family Guy". Auf dem nächsten Laptop läuft etwas, bei dem ich zweimal hingucken muss - um festzustellen, dass ich keine Ahnung habe. Sieht nach Dokumentarfilm aus. Vielleicht über Tiere? Aber solange es sich nicht um "Chef's Table" oder Dokus über nordeuropäische Landschaften handelt, kenne ich mich nicht aus. Wieder ein Laptop, dieses Mal aber Christina Hendricks und Jon Hamm im Gespräch, Kleidung und Deko sehen nach den 60ern aus. Das ist einfach: "Mad Men". Und schon habe ich das Bistro erreicht. 

Auf dem Rückweg überprüfe ich, ob ich mit meinen ersten Einschätzungen richtig lag. Ja, sieht immer noch alles so aus. Vier erkannte Serien, zwei nicht erkannte bewegte Bilder. Und mein Sitznachbar guckt immer noch "Narcos". Ich twittere meine kleine empirische Erhebung, gucke auf die Uhr (noch immer zwei Stunden bis Hamburg) und ärgere mich, dass ich vergessen habe, mir ebenfalls eine Serie mitzunehmen.

Und zum Schluss noch ein Hörtipp und ein paar Gucktipps: 

Der DWDL.de-Podcast "Seriendialoge" ist in die fünfte Staffel gestartet. Los geht's mit einer Folge über "Game of Thrones": Ich habe mit dem Historiker Professor Dr. Christoph Dartmann von der Uni Hamburg über geschichtliche Parallelen und das Mittelalterbild in der Fantasyserie gesprochen.

Ein begnadeter Koch und ein großartiger Sommelier - der eine kokst, der andere ist ein trockener Alkoholiker; der eine kommt gerade aus dem Gefängnis, der andere lebt nach dem Tod seiner Frau mit seinem Sohn in einer Bruchbude - wollen zusammen ein Restaurant eröffnen. Eine düstere Comedy aus Dänemark, die sehr sehenswert ist: "Helden am Herd" (der wenig treffende deutsche Titel lässt leider eher eine Kochshow vermuten). Sie ist noch bis Ende September in der Arte-Mediathek verfügbar.

Auf diese Serie warten viele Menschen seit Jahren: "Star Trek: Discovery" ist ab 25. September wöchentlich bei Netflix zu sehen.

Ob Tom Kirkman irgendwann dem Jack Bauer in sich nachgeben wird? Vielleicht gibt die zweite Staffel von "Designated Survivor" darauf eine Antwort - die neuen Folgen sind ab 28. September wöchentlich bei Netflix zu sehen.

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

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