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Meine Woche in Serie

"Zu Asche, zu Staub" – wenn Serien im Ohr bleiben

 

Es gibt Serien, die wirken nach - weil sich ein bestimmtes Lied daraus eingeprägt hat. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hatte die ganze Woche über "Zu Asche, zu Staub" aus "Babylon Berlin" im Ohr. Und hat deswegen ein paar Serien-Ohrwürmer gesammelt.

von Ulrike Klode
21.10.2017 - 10:05 Uhr

Es gibt Serien, die bleiben im Ohr. Und während es bei mir bis vor einiger Zeit vor allen Dingen an bereits mehr oder weniger bekannten Liedern lag, die ich dann mit bestimmten Szenen in Serien verbunden habe, sind es in letzter Zeit immer öfter Lieder, die extra für die Serie oder einzelne Szenen geschrieben wurden. Allein in dieser und voriger Woche sind es drei Serien, die auf diese Art und Weise in meinem Kopf nachwirken.

"Babylon Berlin": Das Lied "Zu Asche, zu Staub" von Severija Janušauskaitė am Ende der ersten Doppelfolge hat mich überrascht. Und begeistert. Ich habe keine Ahnung von der Musik im Deutschland der 20er-Jahre, hatte aber eigentlich einen Song erwartet, der mich deutlich weniger bewegt. Der zwar gut ist, aber sich nostalgisch anfühlt. Doch was hier für die Serie komponiert wurde, ist überraschend modern (Neo-Chanson?) und passt meinem Empfinden nach trotzdem sehr gut zur Stimmung in den 20ern, die die Serie erzeugen will. Am 20. Oktober, also eine Woche nach Start der Serie, ist die Single erschienen - abrufbar bei iTunes, Spotify und weiteren Anbietern. Ein offizielles Video gibt's bisher noch nicht, hier ein Audio-Only-Video: 

 

"Crazy Ex-Girlfriend": Eine faszinierende Serie, über die ich hier in dieser Kolumne sicher noch ausführlicher schreiben werde. Jetzt geht es aber erst einmal um die Musik, die ein wichtiger Bestandteil ist. Aus Szenen heraus fangen die Figuren plötzlich an zu singen. Und das mindestens ein- bis zweimal pro Folge. Die Lieder gehören zu unterschiedlichen Stilrichtungen, und oft wird dazu eine besondere Choreographie und ein anderes Setting präsentiert. Ist das Lied vorbei, kehren die Figuren in ihre Szenen zurück, als sei nichts passiert. Die Funktion der Songs ist unterschiedlich: Manchmal führen sie die Handlung fort, manchmal sollen damit Gefühle ausgedrückt werden. Als ich davon hörte, dass diese Serie so stark Musik einsetzt, wollte ich sie einerseits nicht gucken (ich mag Musicals nicht so besonders), andererseits hatte ich so gute Kritiken gelesen ... Weshalb ich dann doch die erste Staffel einschaltete, das erste Lied war mir noch ein bisschen zu muscial-mäßig, doch mit dem zweiten Lied in der ersten Folge hatte ich mich die Serie. "The Sexy Getting Ready Song", in dem sich die Hauptfigur Rebecca (Rachel Bloom) für ein Date zurechtmacht. Im Lied und in der dazugehörigen Szene wird das Klischee auf die Schippe genommen, dass Frauen sich stundenlang den aufwändigsten Prozeduren unterziehen, um für eine Verabredung mit einem Mann gut auszusehen. 


Alle Lieder aus der ersten Staffel gibt's verteilt auf zwei Alben zum Beispiel bei Spotify (Vol. 1 & Vol. 2).
(Seit dieser Woche nun gucke ich Staffel 2 und versuche mich auf eine Folge pro Abend zu beschränken, um diese wunderbar schräge Serie voll auskosten zu können. Und ich habe den Eindruck: Die Macherinnen Rachel Bloom und Aline Brosh McKenna haben beim Einsatz der Lieder noch einmal aufgedreht. Herrlich!)  

"Patriot": Über diese besondere Spionage-Serie habe ich in der vergangenen Woche in dieser Kolumne geschrieben und natürlich auch den Soundtrack erwähnt. Selbstverständlich darf Agent John Tavner (Michael Dorman) mit seinen traurigen und detailreichen Folksongs, in denen er die traumatischen Erlebnisse seiner Aufträge verarbeitet, hier in meiner kleinen Liste nicht fehlen. Eigentlich bleiben alle Lieder der Serie im Ohr, weswegen ich jetzt einfach das erste zum Anhören & Angucken ausgewählt
habe: "Birds of Amsterdam".

 

Ist das ein Trend? Also: Ist das jetzt das neue Ding, dass man für eine Serie extra Lieder schreibt und sich nicht an vorhandenem Material bedient? Ich denke nicht - in allen drei Fällen spielen entweder die Songs oder diejenigen, die sie singen, eine besondere Rolle für die Serie. Und dass mir jetzt nur drei aktuelle Serien-Beispiele einfallen, heißt nicht, dass es das nicht schon öfter gegeben hat. Sondern nur, dass sich mir die Lieder nicht so stark eingeprägt haben, als dass ich mich Jahre später noch an sie erinnere. (Interessant wäre, ob ich mich an die drei obengenannten in - sagen wir mal - drei Jahren noch erinnern werde.)

Aus den vergangenen Jahre haben sich bei mir nämlich Lieder eingeprägt, die nicht extra für die Serie geschrieben wurden, in der sie auftauchen. Und ich meine jetzt explizit nicht Titellieder, denn Titellieder sind für mich eine ganz andere Kategorie: Sie bleiben vor allem deswegen im Ohr, weil man sie immer wieder beim Serien-Intro hört. Natürlich gibt es auch da einprägsame und weniger einprägsame, aber sie haben - anders als Lieder, die man nur einmal in einer Serie hört - mehrfach die Chance, im Ohr zu bleiben. Wenn mich jemand nach besonderen Songs aus Serien fragt, sind es folgende drei, die mir einfallen.

An erster Stelle ist da natürlich "Chasing Cars" von Snow Patrol aus Staffel 2, Episode 27 von "Grey's Anatomy". Ja, es ist schon viele Jahre her, dass ich die Folge gesehen und das Lied dazu gehört habe. Dennoch muss ich immer sofort an diese unglaublich traurige Szene denken, die das Lied begleitet. Und die ohne diese melancholische Musik deutlich weniger berührend gewesen wäre. Ich muss gestehen, dass ich selbst zwei bis drei Jahre später, wenn das Lied im Radio lief, schlucken musste, um nicht loszuheulen - so sehr hat mich der Tod von Denny (Jeffrey Dean Morgan) und vor allem die Trauer von Izzie (Katherine Heigl) mitgenommen. Auch das ist Serienkunst.

 

An zweiter Stelle: "Book of Love" von Peter Gabriel. Das Lied läuft zur finalen Szene von "Scrubs" in Staffel 8 (ja, ich weiß, dass "Scrubs" offiziell neun Staffeln umfasst, aber weil die neunte Staffel mit anderen Hauptfiguren in einem anderen Setting spielt, gehört sie für mich nicht dazu, sondern ist eher ein Spin-off). Und diese Schlussszene gehört für mich in die Top Ten der besten Serienenden, die ich bisher gesehen habe: Hauptfigur JD (Zach Braff) geht zum letzten Mal aus dem Krankenhaus, in dem er in den vergangenen Jahren gelernt, gearbeitet, geliebt, gelebt hat, und sein künftiges Leben läuft zu "Book of Love" vor ihm ab. 


Im Sommer habe ich übrigens in dieser Kolumne über "Scrubs" geschrieben, weil sie eine meiner Lieblingsserien ist. 

An dritter Stelle ein Lied, das in der Serie von den Schauspielern gesungen wird, aber vorher bereits sehr bekannt war: "For the Longest Time" von Billy Joel. Am Ende von Staffel 8, Episode 20 von "How I Met Your Mother" sitzen Ted (Josh Radnor) und Barney (Neil Patrick Harris) in der Bar und singen a-capella "For The Longest Time" - gemeinsam mit ihren Ichs aus der Zukunft. Das Lied hatte ohnehin schon Ohrwurm-Qualitäten, aber seit ich die Folge gesehen habe, muss nur jemand "Future Ted!" sagen - und ich habe das Lied im Ohr. Mehrere Tage lang.  

 

Und zum Schluss noch ein Hörtipp und ein Gucktipp: 

Für das Staffelfinale des DWDL.de-Podcasts "Seriendialoge" habe ich ein übergreifendes Thema ausgewählt: Frauenbilder in Serien. Die sind einerseits sehr unterschiedlich, andererseits könnten sie noch deutlich unterschiedlicher sein. Wie das? Das kläre ich im Gespräch mit der Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Christine Linke.   

Erst "Babylon Berlin", jetzt "Das Verschwinden" - der Oktober hat zwei großartige deutsche Serien zu bieten. "Das Verschwinden" ist Hans-Christian Schmids erste TV-Serie, und sie ist zwar weniger spektakulär als Tom Tykwers Serienprojekt, aber entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Die Serie spielt in der bayerischen Provinz, und im Mittelpunkt steht eine Mutter, die verzweifelt ihre erwachsene Tochter sucht, die verschwunden ist. Das Erste strahlt die achtteilige Serie in Doppelfolgen zu je 90 Minuten aus - zu sehen am 22., 29., 30. und 31. Oktober um 21.45 Uhr.

Die Überraschungsserie vom vergangenen Jahr geht weiter: Die zweite Staffel von "Stranger Things" ist ab 27. Oktober bei Netflix verfügbar. Also am Wochenende vor Halloween, wie es sich für eine Horrorserie gehört.

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"Babylon Berlin": Läuft beim Bezahlsender Sky 1, ist außerdem bei den Sky-Streamingdiensten verfügbar. Soll 2018 im Ersten zu sehen sein.

"Crazy Ex-Girlfriend": Staffel 1 und 2 sind bei Netflix verfügbar. 

"Patriot": Nur bei Amazon Video (Prime).

"Grey's Anatomy": Alle bisherigen 13 Staffeln und die bereits gesendeten Folgen der 14. Staffel gibt's zum Beispiel bei Amazon Video, Google Play oder iTunes. 

"Scrubs": Alle Staffeln sind bei Amazon Video, iTunes und Maxdome verfügbar. 

"How I Met Your Mother": Alle Staffeln gibt's zum Beispiel bei Amazon Video, iTunes oder Netflix.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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