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Seine Woche in Serie

"Cosmos" und Co.: Naturdokus, die unerwähnten Helden

 

In Köln herrscht Karneval und das bedeutet für den Tagesablauf unseres Kolumnisten, dass er noch etwas vollgepackter wird. Wie gut, dass es Naturdokuserien gibt, die ihn nach solchen Tagen wieder in eine entspannte TV-Stimmung versetzen.

von Kevin Hennings
10.02.2018 - 11:04 Uhr

Wenn es darum geht, Serienempfehlungen weiterzugeben, fallen meist Titel wie "Game of Thrones", "Sherlock" oder "Stranger Things". Serien eben, die von überragenden Drehbüchern geprägt sind und die mit Protagonisten aufwarten, die sich um einen Emmy streiten. Und so wächst von Tag zu Tag die Liste mit vorgemerkten Serien an, die laut Freunden, Bekannten und Kritikern allesamt zur "Must watch"-Kategorie gehören. Meine persönliche Liste umfasst derzeit 156 Serien. Tendenz massiv steigend. Sie jemals komplett abzuarbeiten, ist ein Ziel, das nicht nur unmöglich ist. Es ist auch nicht erstrebenswert. Alleine das Wort "abzuarbeiten" sollte nicht im Zusammenhang mit einem wunderbaren Hobby wie diesem fallen. Es gibt jedoch eine Art von Serie, die uns Zuschauer mit ihrer einzigartigen Art auf natürliche Weise entschleunigt und die uns zeigt, dass es nicht immer darum geht, der krassen neuen Netflix-Sci-Fi-Serie hinterherhechten zu müssen.

Die Rede ist von Naturdokumentarserien. Ob "Planet Erde", "Das Wunder Leben", "Cosmos" oder das von der BBC und dem WDR erst kürzlich fortgesetzte "Der blaue Planet" - allesamt tragen eine Schönheit und Ruhe in sich, die viel zu oft unter den Teppich gekehrt werden. Dabei sind sie jedoch das Yoga der Branche, was mir derzeit einmal mehr bewusst wird. In Köln herrscht momentan nämlich Karneval und in Kombination mit Arbeit und Alltagsbesorgungen, sind es Serien mit Entspannung und Stille wie diese, die einen am Ende von langen Tagen komplett entspannen lassen.

Wenn ohne große Erklärung ein Iguana, eine Art Leguan, am Strand von einer Horde Schlangen gejagt wird, ein Oktopus sich mit täuschend echten Chamäleon-Skills am Meeresboden festsetzt oder ein japanischer Pufferfisch eine Gemälde aus Sand, Steinen und Muscheln kreiert, um ein Weibchen zu beeindrucken, zeigen diese Bilder, dass es nicht immer Autoren wie "Breaking Bad"-Schöpfer Vince Gilligan braucht, um eine grandiose Geschichte zu erzählen. Tatsächlich schafft es die Welt auch von ganz alleine, die irrsinnigsten Plotttwists zu entwerfen. Ohne Special-Effects und anderem Tamtam. Lediglich Nuancen einfühlsamer Off-Stimmen wie jene von Morgan Freeman oder David Attenborough beschreiben, welche wahre Wunder die Kameras der Dokumentarteams, die nicht selten für mehrere Jahre an einem Projekt arbeiten, eingefangen haben.

Dabei wird man als Zuschauer nicht nur in eine tiefe Meditation gestoßen, die einfach unweigerlich erreicht wird, wenn einem Bartenwal 20 Minuten dabei zugesehen wird, wie er seine Herde sucht. Vielmehr wird einem auch selbst bewusst, auf was für einem wunderbaren Planeten wir eigentlich leben, der uns ohne dieses Dasein gar kein anderes (fiktionales) Fernsehen ermöglichen würde. Es soll nicht zu philosophisch werden, aber ist es dennoch schön zu sehen, dass nicht nur Hollywoodstudios gebraucht werden, um großartiges Bewegbild zu schaffen.

Viel zu selten wird auch der wahnsinnige Einsatz gelobt, den die Teams hinter solchen Projekten reinstecken. So wurden für die Doku-Reihe "Der blaue Planet", die ab dem 19. Februar im Ersten zu sehen ist, 125 Expeditionen in 39 Ländern durchgeführt. Dabei wurden mehr als 6000 Stunden auf Tauchgängen durchgeführt. Das sind ganze 250 Tage, die die Kameras Aufnahmen im Wasser vollzogen haben. Ebenfalls nicht zu vergessen sind die Komponisten, die das gezeigte Bild dezent in Szene setzen, ohne selbst zu präsent zu werden. In diesem Fall ist es Hollywood-Legende Hans Zimmer, der den Ton angibt. Während das Gesamtergebnis nicht selten wunderschön ist, wirkt all der Fleiß dahinter obendrauf inspirierend und vorbildlich.

Ich plädiere außerdem dafür, dass solche Doku-Serien mindestens genauso viel Stoff für ein Party-Gespräch haben wie die aktuelle "Der Bachelor"-Folge. Wenn Sie mit gerade erst kennengelernten Menschen ins Gespräch kommen und sie es nicht vollkommen faszinierend finden, dass Delfine Kugelfische wie einen Joint herumreichen, um high zu werden oder dass Hummer biologisch gesehen unsterblich sind, sind Sie womöglich auf der falschen Party.

Sollen es nicht nur Beobachtungen, sondern auch tiefergehende Erklärungen sein, stehen außerdem unter anderem Neil deGrasse Tyson und sein "Cosmos" parat. Von unserer Erde geht es hier zusätzlich in den Weltraum und am Ende stellen sich faszinierende Fragen wie "Wo kommen wir eigentlich her?" und "Wo endet das Ganze?". Für mich kann ich die letzte Frage nach ausgezehrten Wochenenden mittlerweile ziemlich einfach beantworten: Vor atemberaubenden Naturdokumentationen. 

Kevin Hennings vertritt derzeit unsere Kolumnistin Ulrike Klode.

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